Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 162 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Das Jüdische Echo Nr. 12 Am Jubiläumstage der Ortsgruppe, also von einer gewissen Distanz betrachtet, sehen sich all diese Ereignisse sehr leicht und einfach an, aber daß diese Gründungen nur unter schwierigen Umständen und nach großen Kämpfen erfolgten, wird mancher der daran Beteiligten bestätigen können. So kann man wohl gerade diese Periode als eine schöpferische innerhalb der Zionistischen Ortsgruppe mit Freuden bezeichnen. Die zionistische Idee zog auch hier allmählich weitere Kreise und die Ortsgruppe war an Zahl so gewachsen, daß sie vor dem Kriege eigene Delegierte zum jüdischen Weltparlament, dem Zionistenkongreß, entsenden konnte. Den Höhepunkt im Kampfe gegen die Assimilation bildete eine von der Zionistischen Ortsgruppe einberufene Versammlung im früheren Hotel „Goldener Adler“, die die Antwort bilden sollte auf eine in den Tageszeitungen veröffentlichte Erklärung jüdischer Notabein gegen den Zionismus; diese Versammlung war als ein großer moralischer Erfolg für die zionistische Idee in Nürnberg zu buchen. Kurz darauf brach der Krieg aus und dieser hat so manches Argument unserer ehemaligen Gegner, besser als es unsere Theorien vermochten, mit einem Schlage zunichte gemacht. Nach diesem wahnwitzigen Kriege hat sich, wie die allgemein europäische Lage, so auch die zionistische von Grund auf geändert und die Zionistische Ortsgruppe ist aus der streitenden Theorie in die praktische Wirklichkeit eingetreten. Neue Probleme leuchten auf und auch die deutsche Judenheit hat erkannt, daß es sich beim Zionismus um mehr als um eine ausschließlich die Juden berührende Idee handelt, um ein friedliches Kolonisationswerk, das den Interessen der gesamten Kulturmenschheit dient. Dr. A. Singer. Von der Balfourdeklaration bis zur Jewish Agency Von Dr. Meinhold N u ß b a u m Fast genau in die Mitte der 25 Jahre seit Gründung der Zionistischen Ortsgruppe Nürnberg-Fürth fällt das bestimmende Ereignis der neueren zionistischen Geschichte: die Balfourdeklaration vom 2, November 1917. Ich kam etwa ein Jahr vorher nach Nürnberg. Die Ortsgruppe war damals durch den Krieg ziemlich lahmgelegt, ein wesentlicher Teil der ohnedies kleinen Schar zum Heer einberuten. Trotzdem aber konnte man mit einiger Feinfühligkeit spüren, daß für den Zionismus ein Wendepunkt gekommen war, an dem es galt, entscheidend vorzustoßen und einen erheblichen Teil der durch die außerordentlichen Ereignisse innerlich aufgelockerten, durch den unerwarteten Ausbruch des Antisemitismus erschütterten Judenheit zu uns herüberzuziehen. Wie aber an sie herankommen? Von einem gewissen theoretischen Verständnis für die zionistische Idee bis zur Geneigtheit in engere Fühlung mit der Zionistischen Organisation zu treten, war ein weiter Weg. Die zionistische Ortsgruppe stellte einen abgeschlossenen Kreis von Menschen mit engen persönlichen Bindungen dar, in den ein Außenstehender nicht leicht Eingang fand. Daher traten wir zunächst nicht für die zionistische Ortsgruppe auf, luden vielmehr im Namen eines Komitees zu Diskussionsabenden ein. Der erste Erfolg war frappant: Ein einziger Nichtzionist fand sich als Opfer ein, der seine Einsamkeit glücklicherweise nicht ahnte. Nach einigen Bedenken entschloß ich mich, meine Rede auf dieses Publikum loszulassen. Die Unentwegtheit belohnte sich, der Zuhör'er wurde bekehrt und bald fanden sich zu unseren Veranstaltungen zahlreiche Gäste ein. Unsere Abende wurden geradezu modern. Die trennenden Gräben zwischen den Parteien erschienen damals leichter überschreitbar als heute. Unsere verehrte Gegnerin, Frau E. D., war ein häufiger Gast und führte uns zahlreiche Besucher zu. Noch andere, von denen man es sich früher kaum vorstellen konnte und heute wieder kaum vorstellen kann, „wagten sich in die Höhle des Löwen“. Zahlreiche wertvolle und treue Anhänger unserer Bewegung wurden damals gewonnen. Zwei der Besten von ihnen — Dr. Hermann Liebstaedter und Fritz Vorhaus — hat uns leider der Tod wieder genommen, der uns auch einen der eifrigsten Mitarbeiter bei diesen Diskussionsabenden, Herrn Handelslehrer Lipper, in jungen Jahren entrissen hat. Einen Beweis für die weitgehende Wirkung unserer Propagandatätigkeit lieferte die Aufführung des ersten Palästinafilms im Lu-Li, die sich zu einem der größten jüdischen Ereignisse in Nürnberg gestaltete. Die Revolution brachte die Demokratisierung des Deutschen Reiches. Damit war der erstarkten zionistischen Organisation endlich die Möglichkeit gegeben, den von Herzl schon proklamierten Kampf um die Gemeindestuben zu führen. Das Proportionalwahlrecht wurde in der Gemeinde und im Verband durchgesetzt, für dieOstjuden in zähem Kampf die Gleichberechtigung — leider bis heute noch nicht in vollem Umfang — errungen. Unvergessen wird denjenigen, die sie miterlebt haben, die Wahlversammlung im überfüllten großen Saale des Deutschen Hofes bleiben, in der eine Entgleisung eines gegnerischen Redners Temperamentsausdrücke hervorrief, wie wir sie in unseren kühleren Breiten sonst nicht gewohnt sind. Einer der Hauptorganisatoren des Wahlkampfes war Karl Glaser, der als Sekretär des Bayerisch- Württembergischen Gruppenverbandes während der bewegten Jahre nach dem Kriege in Nürnberg amtierte. In diese Periode fiel die Blütezeit des Blauweiß, der trotz aller Mängel einen Höhepunkt in der zionistischen Jugendbewegung Deutschlands darstellte. Der Nürnberger Blauweiß-Bund baute sich unter Leitung von Martin Goldschmidt sein Haus in Wendelstein, das hoffentlich bald wieder einer starken zionistischen Jugendgruppe zum Mittelpunkt dienen wird. Die zionistische Ortsgruppe leistete dem Blauweiß beim Bau des Heims wirksame Unterstützung, wie überhaupt gesagt werden kann, daß die Nürnberger zionistische Jugend stets in enger Verbindung mit der Ortsgruppe stand. Revolution und Inflation gingen zu Ende, die Welt wurde nüchterner. Immer mehr beherrschte den Zionismus die Aufgabe, die großen ihm durch die Balfourdeklaration und das Palästinamandat gegebenen Möglichkeiten zu verwirklichen, die Mittel für den Aufbau des jüdischen Palästina zu schaffen. Eine Fülle von Veranstaltungen in kleinen und großen Kreisen diente zur Werbung für den Keren Hajessod, eine erhebliche Zahl von Nichtzionisten wurde für den Palästinagedanken gewonnen und zu regelmäßigen Beiträgen herangezogen. Leider ist das Ergebnis immer noch unendlich klein im Verhältnis zur Größe und Dringlichkeit der Aufgabe und zur Leistungsfähigkeit der jüdischen Gemeinden in Nürnberg-Fürth. Ebensoweit wie hier bleibt auf geistigem und kulturellem Gebiet das von unserer zionistischen Ortsgruppe Geleistete hinter der Aufgabe zurück. Noch immer gibt es in Nürnberg keine allgemeine jüdische Volksschule, noch immer sind die meisten von uns noch betrübend wenig tief in die jüdische Kultur eingedrungen. Immerhin besteht hier seit