Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 160 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Das Jüdische Echo Nr. 12 Zion und die Opfer u. a. gerichteten Streichungen im neuen Gebetbuch, im Friedhofritual usw., prinzipielle Gegnerschaft gegen die jüdische Schule und Einschränkung des Hebräischen im Religionsunterricht zugunsten einer jüdischen Katechismuslehre — das sind nur einige Beispiele für die innere geistige Struktur. Dazu kam, daß in Nürnberg von jeher absolute Sonntagsruhe im Geschäftsleben durchgeführt war; und dadurch war von vorneherein die Sabbatruhe für die Juden eine angeblich absolut untragbare Angelegenheit. Sabbat und Festtage — außer Roschhaschonoh und Jomkippur — bildeten keinen Bestandteil mehr des jüdischen Lebens, die Kinder wußten nichts mehr davon und damit wurde ihr Leben und Denken innerlich dem Judentum abgewandt und fremd. Und da bricht die Zionistische Organisation herein, beruft eine öffentliche Versammlung in Nürnberg ein, gründet eine Ortsgruppe — das war unerträglich; dagegen mußte man protestieren — und der zionistischen Bewegung damit Vorschub leisten. In Fürth wird eine öffentliche Generalversammlung einberufen zur Gründung eines jüdischen Turnvereins: das ganze jüdische Fürth und Nürnberg erscheint zum Protest — aber unser Meister und glänzender Redner und Taktiker Dr. Bloede hält alles gefesselt; der nichtjüdische Turnlehrer Häublein aus Nürnberg, dieser ausgezeichnete Turner und Mann des aufrechten Gedankens, dankt für die ausgezeichnete Darstellung von Turnen und Sport — der Anfang zum Bar-Kochba ist geschehen. Die Zionistische Ortsgruppe Nürnberg- Fürth nimmt unter ihrem Führer Dr. Bloede einen großen Aufschwung, Männer, Frauen, Jugend aus allen Schichten strömen ihr zu; schwere Kämpfe und Kampfzeiten gegen äußere Widersacher folgen, aber die Gruppe steht fest und zeigt den Weg in die Zukunft, der allein innere und äußere Gesundung des Judentums gebracht hat und auch weiterhin bringen wird. Es ist selbstverständlich, daß die Kämpfe in der großen zionistischen Organisation und auf den Kongressen auch in der Ortsgruppe sich auswirken mußten: die Ugandafrage, die Gründung des Misrachi, praktischer Zionismus und Charterpolitik, Judenstaat usw. führten zu schweren inneren Kämpfen und man hoffte draußen, daß wir daran über kurz oder lang scheitern sollten. Wir sind frei von jeder Überhebung und von sattem Stolze: Eines dürfen wir aber nach 25 Jahren Zionismus in Nürnberg sagen: Er ist ein Faktor im jüdischen Gemeindeleben geworden — viele Aufgaben harren hier seiner Arbeit noch —, er ist von mächtigem Einfluß in geistiger Hinsicht geworden — wie ganz anders steht heute das jüdische Nürnberg da; wir behalten uns vor, das einmal umfassender und allseitig darzustellen, alle sachlichen und persönlichen Faktoren aufzuzeigen: Der Keren Hajessod findet durch unsere Arbeit in den besten jüdischen Kreisen und Persönlichkeiten warme und ernste Förderung; der Palästinagedanke in seiner tiefen Bedeutung hat Wurzel geschlagen. Das eröffnet für die Zionistische Organisation Nürnberg-Fürth hoffnungsvolle Perspektiven und muß der Antrieb sein zu weiterer Verstärkung ihrer Arbeit — wir wollen ein Jobei, ein jüdisches Jobei der Befreiung schaffen — äußere und innere Freiheit! * * * Zionistische Arbeit vor dem Kriege Das 25jährige Jubiläum der Zionistischen Ortsgruppe Nürnberg-Fürth gibt Veranlassung zur Rückschau, das Vergangene noch einmal vor dem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. Ich will einiges aus meiner Amtstätigkeit als Vorsitzender — das ist aus den letzten Jahren vor dem Kriege — berichten, kann dies allerdings nur streiflichtartig tun. Ich möchte diese Zeit als die romantische Periode der inneren Entwicklung und des äußeren Kämpfens bezeichnen. Innerhalb der Ortsgruppe wurden die Probleme des Zionismus erörtert, Fragen der Organisation usw. besprochen, und für die Aufbringung von Geldern, wie der jüdischen Kolonialbank, Sorge getragen. Wir mußten das jüdische Prinzip in Auseinandersetzungen innerhalb der Alliance Israelite Universelle und des Hilfsvereins der Deutschen Juden vertreten. Nicht an letzter Stelle ist des Jüdischen Nationalfonds zu gedenken und hierin hat die Ortsgruppe den Vergleich mit den besten Gruppen im Reiche nicht zu scheuen brauchen. Nürnberg bot ja, wie allenthalben Bayern, für die zionistische Idee ein schwer zu beackerndes Feld. Dies hat sich bereits zu Beginn der zionistischen Bewegung gezeigt, als Theodor H e r z 1 den ersten Weltkongreß im Jahre 1897 nach München einberufen wollte — ein Sturm der Entrüstung und Ablehnung seitens der Gemeinde war die Folge — und dadurch ward es der Stadt am Rhein Vorbehalten, durch das „Baseler Programm“ jüdischen Weltruf erlangt zu haben. Obwohl es noch nicht so lange Zeit her ist, war die Situation vor dem Kriege eine ganz andere wie heutzutage. Wer sich als Zionist bekannte, wurde über die Achsel angesehen und galt nicht als voll gesellschaftsfähig, was ihn auch in seiner Existenz berührte. Mut und Unabhängigkeit gehörten dazu, in der Öffentlichkeit für den Zionismus einzutreten. Doch auch in der schönen, alten Noris hat die zionistische Idee allmählich an Boden gewonnen, die öffentlichen Versammlungen erregten mehr und mehr Interesse der Nürnberger Judenheit und Probleme wie „Zionismus und Patriotismus“ oder „Zionismus und Religion“ waren hauptsächlich die Themen, die immer wieder zur Aussprache herausforderten und Gegenstand heftiger Diskussionen wurden. Aber es waren nicht allein Diskussionen, in denen sich die Tätigkeit der Ortsgruppe erschöpfte; wir haben gerade während meiner Präsidialtätigkeit in den Jahren 1910—1914 eine Reihe vön Gründungen vorgenommen, zu denen wir uns auch heute noch mit Stolz bekennen dürfen. Ich möchte in erster Linie den Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina nennen, der eine vielversprechende Entwicklung genommen hat. Auch der Zionistische Gruppenverband für Bayern und sein Organ, das „Jüdische Echo“ wurden damals unter regster Mitarbeit der Ortsgruppe Nürnberg-Fürth ins Leben gerufen. Für den neutralen Jugendverein, dessen Gründung auf Anregung der Loge erfolgte, haben Zionisten großes Interesse gezeigt. Und last not least, der jüdische Turn- und Sportverein Bar- Kochba ist eine ausgeprochene zionistische Gründung. Ich möchte dies deshalb besonders hervorheben, weil das Bild anläßlich der letzten Ereignisse im Bar-Kochba etwas verwischt wurde und ich darf wohl als Gründungsmitglied des Bar- Kochba den Enthusiasten von der „anderen Seite“ sagen, daß es ohne Zionisten niemals einen Bar- Kochba Nürnberg gegeben hätte.