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Das jüdische Echo · 1930-03-14 · 5 (14.3.1930) Der Aufstand · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
5 (14.3.1930) Der Aufstand
Date
1930-03-14
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 5 neral. An allen Tischen ringsum grüßte man und rückte zusammen, um dem Ankömmling Platz zu machen. Er hielt eine Hand im Brustausschnitt seines hochgeschlossenen Rockes, in der anderen zerknüllte er einen Handschuh, so blickte er über alle Köpfe hinweg, als stünde er zu einer Ansprache bereit auf einer Tribüne und lächelte huldvoll. Das war General Mieroslawski, der populärste Mann in der polnischen Kolonie, zu dem besonders die Jugend gläubig als dem künftigen Befreier Polens aufblickte. Kostusz, der Poet der Kolonie, ein kleines, bejahrtes Männchen mit einem mächtigen Schädel und einem noch mächtigeren Bauch, rollte heran und bahnte sich mit seinen kurzen Armen den Weg. Er verbeugte sich vor dem General mit aller Eleganz, deren seine Figur fähig war, richtete die Augen nach der Decke, legte die Hand aufs Herz und begann: Höher als Volk und König Auf drei Kronen stehend, aber selber ohne Krone Von fremder Mutter- Seine Name vierundvierzig. Das Lächeln auf Mierolawskis breitem Römerantlitz drückte Verachtung aus. Er betrachtete den kleinen Kostusz wie ein Löwe eine Maus, die sich in seinen Käfig verirrt hat. Neugierig drängten sich die übrigen Gäste von allen Seiten zu der Gruppe. Kostusz’ Stimme übertönte den Lärm: „Weißt du, Panie Ludwig, daß mit diesen Versen du gemeint bist? An dich hat unser großer Meister Mickiewicz gedacht, der sie schuf. Wenn du, Panie Ludwig, Polen befreist, wirst du dich über drei Kronen erheben: die russische, die österreichische und die deutsche; du selbst, ein Republikaner, bist ohne Krone; deine Mutter ist eine Französin, also eine Fremde, und dein Name ist nicht Ludwig, sondern Ludovik; er besteht aus sieben Buchstaben, deren erster L, die römische Zahl fünfzig, ist. Davon die Zahl der anderen sechs Buchstaben abgezogen, bleibt vierundvierzig!“ Beifallsrufe, dröhnender Applaus! „Bravo, Kostusz, bravo!“ „Es lebe General Mieroslawski!“ Mieroslawskis verächtliche Miene verschwand; seine Augen glänzten wie frisch gemähtes Korn in der Mittagssonne, erfüllt vom Glauben an die Prophezeiungen des run- Männchens; sein langer Bart atmete geradezu Heldentum. Der Wirt, welcher gegen das Lärmen und Schreien protestierte, wurde nicht beachtet; ungehört blieben die Worte der älteren Schlachtschitzen, die ihre Schnurrbärte noch tiefer in die Weingläser und Bierkrüge tauchten und zwischen den Zähnen murmelten: „Der Demagog! Der Demokrat! Er möchte gern Robespierre, der Halsabschneider, werden!“ In einer Ecke stand Kahane und betrachtete Mieroslawski mit verliebten Blicken, prägte sich jede Furche seines Gesichtes ein und spürte geradezu die Wärme seines langen Bartes; alles an Mieroslawskis Wesen schuf in Kahane ebenso wie Hunderten von Jünglingen kindliche Freude und blinde Ergebenheit; ein Wink des Generals hätte genügt, daß sie alle ins Feuer gingen. Kahane bemerkte Mordechai: „Wie gefallen dir Kostusz’ Zahlendeutungen?“ „Genau so wie alle Zahlendeutungen!“ Mordechai war schlecht gelaunt. Doch Kahane bemerkte es nicht; seine innere Freude, die immer größer wurde, ließ keinen Augenblick lang die Möglichkeit aufkommen, es könnte jetzt, zu der Zeit, da der ganze Keller von Mieroslawski erfüllt war, irgendein Mensch in diesem Raume traurig sein. Imüberschwang seiner Freude umarmte er Mordechai: „Gut, daß ich dich erwischt habe, Heß möchte dich sehen!“ „Mich?“ „Ja, komm zu unserem Tisch!“ „Mit wem ist Heß hier?“ „Mit Sibylle.“' Mordechai folgte ihm. Moses Heß Heß’ mächtige, hochgewölbte Stirn, die tiefen Schläfengruben, das dünne, schwarze, mit Grau melierte Haar, der schwermütige Zug, der in den gefurchten Brauen lag, all das fiel auf und hob diese Gestalt aus der Menge der Gäste an den Tischen hervor. Ihm gegenüber saß Sibylle, eine Schale Kaffee vor sich. Um ihre blauen Augen und den kleinen Mund lag ein reizendes Lächeln. Aus den schweren, flachsblonden Flechten, die nachlässig um ihr Haupt gelegt waren, leuchtete es warm. Sie sah viel jünger aus als Heß, und gab sich ganz einfach. Mordechai nahm an Heß’ Tisch Platz und betrachtete die Tische ringsum, an denen sich „provisorische“ Regierungen von fast ganz Europa befanden. Fortsetzung folgt.

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