Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (14.3.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-03-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 4. Fortsetzung Mordechai war es unbehaglich zumute, als ob man ihn überfallen und vor aller Au^en nackt ausgezogen hatte. Er zerriß die Karte, ohne den Namen zu lesen, der darauf stand, und ärgerte sich, daß er geschwiegen, nicht wenigstens Schmiels hellen Anzug mit Wurst beschmiert hatte. Erst jetzt wurde ihm klar, daß Schmiels ganzer Speech keinen anderen Zweck gehabt hatte, als ihm, Mordechai, zu beweisen, Paris sei nicht Kozk, wo Unfähigkeit und Trägheit das Leben beherrschen. Der wahre Sinn der Reden Schmiels war: In Kozk warst du, Mordechai, der große Elerr, hier in Paris bist du ein Niemand, doch ich, Schmiel, der Jeschiwahbocher, der bei deinem Großvater Kosttage hatte, habe hier Boden unter den Füßen, und zähle ich auch heute noch nicht, so werde ich es bald. Das hatte Schmiel wohl nicht gesagt, vielleicht gar nicht gedacht; es waren Kombinationen in Mordechais erhitztem Flirn. Er war überzeugt, daß Schmiel so ähnlich ein paarmal am Tage dachte, und wunderte sich bloß, wie dieser Schmiel, der für Glauben und Gläubigkeit überhaupt keinen Sinn besaß, ihm, Mordechai, auch nur für kurze Zeit seine Gläubigkeit hatte nehmen können. Vor Mordechai öffnete sich seine Jugend wie ein Bilderbuch, in dem er zu blättern schien; mehr als einmal fragte er sich, ob er das, was er jetzt vor sich sah, wirklich erlebt hatte. Hatte sich der Vater wirklich von ihm losgesagt, seine Briefe ungeöffnet zerrissen? Und die Mutter? Sie sendet jede Woche eine Karte mit den gleichen wenigen Worten: „Mein einziger Sohn, tu Buße und kehre heim!“ In der ersten Zeit hatten ihn diese Karten schier um den Verstand gebracht. Er erwartete jede mit Ungeduld, und obwohl das kleine Blatt Papier ihn wie ein unsichtbaresAuge verfolgte,das jedem seinerSchritte nachspälite, lebte er doch in fortwährender Angst, die Karten könnten ausbleiben. Woche um Woche dieselbe Karte mit demselben Inhalt: „TuBuße und kehre heim!“Hätten nicht seine neuen Bekannten das Geld, das sie bei ihm spürten, ihm sehr bald aus der Tasche gezogen, Mordechai wäre nach drei Monaten heimgefahren. Er wußte nicht, was er beginnen sollte. Bekannten seine Lage zu schildern, hielt ihn seine Scheu zurück; so sagte er sich, er sei nicht besser als die Tausende, welche an der Seine, vor den Schenken und auf den Märkten, ihr Dasein verbringen, und führte ihr Leben. Zwei Monate lang sah er kein bekanntes Gesicht, schlief jede Nacht auf einer anderen Treppe, einer anderen Bank. Er schreckte vor nichts zurück, lebte von dem, was sich ihm bot, es mochte sein, was es wollte... Rechtlichkeit? Sie ist im Leben nirgends zu finden. Es gibt nur eines — keine Gelegenheit verpassen, auch nicht die kleinste, denn jeden deiner Schritte belauern unzählige gierige Augen, die warten, daß du nicht aufpaßt, ausgleitest, zu Falle kommst und wehrlos wirst. Sofort fahren sie aus ihrem Versteck hervor, sehen vergnügt zu, wie du in deinem Blute vergehst, und leistest du auch nur den mindesten Widerstand, so schlagen sie dich tot; satt, befriedigt kehren sie dann in ihre Höhlen zurück, und dort reden sie ohne Unterlaß —von Rechtlichkeit... Als aber der Haß auf die Menschen in Mordechai wieder ausgebrannt war, und er einsah, wie sehr sein Leben in die Irre gegangen war, da tauchte er wieder in der polnischen Kolonie auf. Er war schweigsam und lebte zumeist für sich, mit sich. Keiner wußte, wo Mordechai die ganze Zeit gesteckt hatte; seine Zurückhaltung rief Mißtrauen gegen ihn hervor, und wäre nicht Kahane für ihn eingetreten, so hätten ihn alle gemieden. Mordechai erinnerte sich, daß er mit Rabinowitsch am Tische saß, und wollte sich entschuldigen. Doch Rabinowitsch, der seine Wurstmahlzeit beendet hatte, sah und hörte nichts; er hielt ein Buch vor seine kurzsichtigen Augen, und mit der Ruhe und dem Arbeitseifer eines Menschen, der überzeugt ist, auf ihm ruhe die Welt, machte er Notizen in sein dickes Heft. Mordechai beschloß, ihn nicht zu stören; er stand leise auf und zahlte. Im Kellereingang stand ein breitschultriger Mann mit einem langen flachsblonden Bart; er war von einer Suite umringt, wie ein Ge-