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Das jüdische Echo · 1930-03-07 · 4 (7.3.1930) Der Aufstand · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (7.3.1930) Der Aufstand
Date
1930-03-07
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
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8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos” Nr. 4 Wörterbuches zwei magere Seiten aus den ,Responsen‘ übersetzt hat; und dabei hat er das Wort ,Zawaah‘ (Testament) — es war von einem Kranken die Rede, und das Wort wiederholte sich öfters — jedesmal mit ,Zoah‘ (Unrat) übersetzt. Und auf diesem Fundament baut er seine Hypothesen! Und mit welcher Sicherheit redete dieser Renan über jüdische Dinge und benutzt dazu die Zitate, die ihm Herr Berl Goldberg beistellt! Ein tiefsinniger Kopf, Herr Berl Goldberg, ein Unfehlbarer ... Sie kennen ihn doch?! Sie werden keine Scharte an ihm finden; denn an einer Säge Scharten zu suchen, hat wirklich keinen Zweck. Sein Vater — ich spreche von Goldberg — war Pächter und Hausjud4 eines polnischen Gutsherrn, und der Sohn handelt mit alten Handschriften und singt dasselbe ,Mahjufeß4 wie der Vater, nur französisch. Diesen Maklern geht meine Übersetzung wider den Strich!“ Ein stutzerhaft gekleideter junger Mann trat an den Tisch und begrüßten Rabinowitsch herablassend. Mordechai kam das Gesicht bekannt vor, doch er konnte sich erinnern, wo er es gesehen hatte. Als der junge Mann sich zum Gehen wandte, hielt ihn Mordechai an: „Entschuldigen Sie, sind Sie nicht aus Plozk?“ „Schmiel?!“ Eine leichte Verlegenheit lag auf den Zügen des anderen; sein Verhalten zeigte deutlich, daß er unschlüssig war, ob er sich zu erkennen geben sollte oder nicht. Plötzlich kam Überraschung in sein Gesicht: „Oh, ich habe Sie wirklich nicht mehr erkannt ... Wenn ich nicht irre ... Mordechai Alter, ja?“ Er drückte Mordechai die Hand. „Sind Sie schon lange in Paris?“ „Das zweite Jahr.“ „Interessant, sehr interessant!“ Umständlich staubte er mit dem Taschentuch einen Stuhl ab, setzte sich und nahm den Hut ab. „Man trifft einander immer wieder ... Das ist aber wirklich ein Zufall... Man kann hier jahrelang wohnen und einander nicht treffen... Rauchen Sie?“ „Nein.“ Er zündete sich eine Zigarre an, tat einige Züge und sagte: „Was machen Sie in Paris? Studieren Sie?“ „Nein.“ „Soso“ ... Schmiel deutete mit einem geringschätzigen Lächeln auf die Gäste: „Warum schreien die so? Sehen Sie den Mann in diesem Radmantel? Diese Pose! Hamlet!“ „Kennen Sie ihn?“ fragte Mordechai. „Ist nicht nötig!“ Er tat wieder einen Zug und kniff das rechte Auge zu. „Jeder, mit dem Sie hier sprechen, ist ein Hamlet! Jeder träumt davon, die Welt einzurenken, die Erdkarte zu verbessern; und alle diese Hamletkarikaturen wissen nicht, daß sie nur Unheil anrichten...“ „Wieso?“ fragte Mordechai verwundert. „Jeder von ihnen,4 fuhr Schmiel fort, „will den Helden spielen und träumt, ein Napoleon zu werden; in Wirklichkeit sind sie aber nicht mehr als kleine Abenteurer und Intriganten ... Sehen Sie nur! Erhitzte Gesichter, blaue Nasen, vertretene Schuhe, keine Mäntel... Sie glauben, sich unter Taschendieben und Beutelschneidern zu befinden, nicht unter Künstlern und Politikern. Und diese Luft!...“ Schmiel hielt sich die Nase zu. Mordechai kam aus dem Staunen nicht herhaus, als er diese Reden eines früheren Lehrers vernahm, der geschniegelt und gebügelt, wie frisch aus dem Schneideratelier, ihm gegenüber saß; dann fiel ihm ein, daß Schmiel eigentlich der alte Aufklärer geblieben war, nur ein wenig ins Christlich-Europäische übersetzt. Schmiels Reden brachten Mordechai auf; das selbstzufriedene Lächeln war ihm unerträglich, und er fragte ihn: „Und was treiben Sie?“ „Ich? Ich bin in der kaiserlichen Bibliothek beschäftigt.“ „Als Bibliothekar?“ „Nein, ich lese hebräische und arabische Handschriften. Haben Sie schon von Renan gehört? Vor seiner Reise nach Palästina hat er mich für diese Stelle empfohlen. Bei der Tätigkeit, die ich habe, kann man vorwärtskommen, doch muß man sehr viel studieren; und wenn man hier im Keller die Zeit verbringt, kann man höchstens Politiker werden ... Ja, wer hätte das gedacht!“ Er legte seine Hand auf Mordechais Knie. „Erinnern Sie sich noch, wie wir uns zuletzt in Kozk getroffen haben? Reb Itsche ist gewiß Rabbi geworden, was? Doch ich habe Eile.“ Er stand auf und griff nach seinem Hut. „Besuchen Sie mich doch am Sonntag, da wollen wir zusammen speisen; dann fahren wir ins Bois de Boulogne... da können Sie das neue Schloß sehen, das die Rothschilds sich gekauft haben... Sie kommen doch? Ganz bestimmt?!“ Er zog eine Visitenkarte aus der Westentasche, überreichte sie Mordechai und drückte ihm die Hand: „Adieu!“ Fortsetzung folgt.

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