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Das jüdische Echo · 1930-03-07 · 4 (7.3.1930) Der Aufstand · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (7.3.1930) Der Aufstand
Date
1930-03-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 3. Fortsetzung „Wie man’s nimmt... Meine medizinischen Studien kosten mich den halben Tag. Dazu das Wörterbuch... Da bleibt wenig Zeit für die Übersetzung...“ „Sie übersetzen den Talmudtraktat ,KetubotlT?“ Rabinowitsch nickte ein Ja, zog aus dem Bücherpaket ein dickes, vollgeschriebenes Heft hervor und reichte es Mordechai; in sein bekümmertes Gesicht kam ein Zug, wie ihn brave Jungen haben, die sich ihres Fleißes rühmen und dafür Lob ernten wollen: „Das sind Notizen; ich gedenke ein Buch über Christus zu schreiben.4 „Und das nennen Sie wenig arbeiten?“ rief Mordechai, während er Rabinowitschs zierliche Handschrift bewunderte. Der Kellner brachte - das Beefsteak und fragte: „Wie gewöhnlich, Monsieur Rabinowitsch?“ Rabinowitsch verzog keine Miene; nur die tiefe Furche zwischen Stirn und Nase zog sich zusammen. Mordechai goß in zwei Gläser Rotwein und setzte eines vor Rabinowitsch hin: „Trinken Sie, bitte!“ „Ich danke, ich trinke nie!“ Mordechais Auge hatte sich an den Nebel im Keller gewöjmt. Er erkannte jetzt erhitzte Gesichter unter polnischen Mützen, sah Deutsche in weichen Hemden mit Schillerkragen, Frauen, die mit übereinandergeschlagenen Beinen dasaßen und vorsichtig rauchten, als fürchteten sie, sich die Lippen zu verbrennen. Junge brünette Mädchen mit kunstvoll aufgetürmten Haarflechten gingen von einem Tisch zum andern, von einem Knie aufs andere; ihr Geplauder hatte etwas Streichelndes, Flüsterndes, das die Gäste fesselte. Der Kellner brachte Rabinowitsch einen Teller mit Wurstabfall und Brotschnitten. Mordechai betrachtete den früheren Jeschiwah- Leiter, der den babylonischen und Jerusalemer Talmud auswendig konnte, Medizin studierte, an einem Fünf-Sprachen-Wörterbuch arbeitete, den Talmud übersetzte und dazu ein Buch über Christus zu schreiben begann; er wunderte sich, daß der Asket, welcher sich täglich mit einem Teller voll Wurstabfall und trockenem Brot begnügte und offenbar völlig bedürfnislos war, für niemanden ein gutes Wort hatte und mit allen Leuten der polnischen Kolonie zerfallen war. „Glauben Sie wirklich, Herr Rabinowitsch, begann Mordechai, während er sein Beefsteak anschnitt, „daß es notwendig ist, den Talmud ins Französische zu übersetzen?“ „Glaubte ich das nicht, so täte ich es nicht! Sie, Herr Alter, sollten mir nicht diese Frage stellen! Die paßt für einen Senior Sachs oder einen Goldberg!“ erwiderte Rabinowitsch gereizt, trank zu der scharfen Wurst Wasser in langen Zügen und suchte währenddessen nach einer passenden Bezeichnung für die Personen, die er soeben genannt hatte. „Diese Aufklärichte meinen, der Talmud sei ein Unglück für das jüdische Volk; und ich bin überzeugt — wenn man irgend etwas als eigenste Schöpfung der Juden, als rein jüdisches Geistesprodukt ansehen kann, so ist es der Talmud! Mögen die Goldbergs nur lachen und meine Arbeit für eine Narretei ansehen ... ich weiß doch, daß sie ihnen weh tut! Denn wenn mein französischer Talmud erscheint, wird mancher Makler sein Geschäft dadurch verlieren!“ „Was meinen Sie damit?“ „Das will ich Ihnen gleich erklären. Wenn Sie Renan aufmerksam lesen, fragen Sie verwundert: Woher kommt es, daß ein Christ, der sich im babylonischen und Jerusalemer Talmud auskennt, Antisemit ist? Die Juden hier haben ihn wohl zu ihrem Liebkind gemacht, aber ich sage Ihnen — der Mann ist ein Antisemit! Wie fein das Antisemitenhirn das ausgeklügelt hat, daß das Hebräische keinen Grund habe, stolz zu sein, denn sogar im Vergleich zu den slawischen Sprachen sei es ein Barbar gebliebener Parvenü! Sie meinen natürlich, daß der Mann, welcher solche Behauptungen aufstellt, hebräisch kann. Keine Spur! Ich war Zeuge“ — Rabinowitsch schlug sich an die Brust — „ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er mit Hilfe des

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