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Das jüdische Echo · 1930-02-28 · 3 (28.2.1930) Der Aufstand · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (28.2.1930) Der Aufstand
Date
1930-02-28
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 3 Chopins Musik zugehört? Eine Stimmung, die keinen Vater und keine Mutter hat, die man nicht fassen kann, die dem ganzen Volk innewohnt, sie hat Chopin durch innerliches Leid zu Ewigem, Allmenschlichem erhoben ... Eigentlich wollte ich nicht das sagen! Einen Augenblick!... Ja, ich meine, Gedanken, die fern von uns sind, die irgendwo in fremden Welten und Weiten schweben, und uns erreicht nur das leise ferne Rauschen ihrer Flügel — das ist der Zauber der Musik. Wenn sie uns näher kommen, aber das bloße Auge sie noch mühsam wahrnimmt, da naht der Maler und bannt sie mit den Farben des Spektrums auf die Leinwand. Und wenn sie mit ihren leichten Flügeln über Gotteshäuser und über Burgen wehen, zu gurren beginnen, als suchten sie ein Nachtlager — da naht der Bildhauer und bereitet ihnen eine Lagerstatt in dem behauenen Stein. Dort schlafen sie jahre- und jahrzehntelang, weben ihre Träume, werden oft ganz vergessen; aber sie erwachen wieder zum Leben, wenn die Gotteshäuser, die Burgen zerfallen und aus den Ruinen der Dichter seine Legende spinnt... Nur so werden Dinge geschaffen ...“ Norwid sprach weiter; er erzählte vonKrasinski, der wenige Monate vor seinem Tode an demselben Tisch gesessen hatte, wo Mordechai jetzt saß, und Norwids „Quidam“ gelesen hatte. Er sprach von Chopin, von Slowacki, von Mickiewicz. Es klang wie eine Legende, obwohl sie doch beinahe gestern noch auf denselben Steinen gewandelt, in Zimmern ähnlich dem von Norwid gesessen hatten; dort spannen, dort hüteten sie die Legenden von Ruinen, die Legenden vom polnischen Volke und seinem Verfall. Mordechai hörte mit geschlossenen Augen zu, und aus Norwids Worten wurden Klänge und Farben. Er sah den Kopf, dem jene Schönheit eigen war, zu der Athens Aristokraten gebetet hatten, sah den graziösen Julius Slowacki mit den schwarzen Feueraugen und der kühnen Adlernase auf dem Totenbette liegen; von einer dunklen, verschlissenen Ottomane hob sich deutlich sein weißes, eingefallenes Antlitz ab, auf dem etwas von dem gequälten, leidenden Polen lag; und auf den Blumentöpfen an den offenen Fenstern hüpften die Sperlinge und piepsten ... Mordechai sah an Adam Mickiewicz im abgetragenen Rock in seinem überwarmen Zimmer sitzen und mit einem knorrigen Scheit das Feuer im Ofen schüren; um ihn sitzen seine Schüler; er nimmt mit ihnen Towianskis zwölf Glaubensartikel durch. Und über allen diesen Bildern erhob sich in leichtem, undeutlichem Schein Norwids Bar - Kochba, ein kleiner, hagerer Mann, in Rom geboren und herangewachsen. Und als er Rom verließ, um sich an die Spitze des Aufstandes zu stellen, da ließ er sein „zweites Ich“ in der Verbannung, auf daß der Feind sein Fehlen nicht merke. Spät am Abend nahmen Kahane und Mordechai von Norwid Abschied. Schweigend gingen sie durch die halbleeren Gassen. Mordechai schmerzte es, daß Slowacki in der Fremde in einer elenden Mansarde gestorben war. Mickiewicz hatte seine letzten Jahre in der Arsenalbibliothek verbringen müssen und davon nicht einmal ordentlich seine Familie ernähren können. Und Norwid? Norwid wandert von Land zu Land und hungert. Den wahren Propheten wird sein eigenes Volk nie anerkennen, solange er lebt... Und wir Juden? Wird nicht Salvador mit den ärgsten Flüchen bespien? Ein leichter, erfrischender Wind erhob sich. Von dort, wo die Türme von Notre-Dame über die Fläuser ragten, klang Glockenschlag. Die Schläge erschütterten die Luft und gingen hallend ineinander über. Kahane zählte sie. Als der letzte durch die stille Nacht verklang, sagte er kurz: „Zehn Uhr.“ Sie reichten sich die Hand. Kahane fragte: „Gehst du nach Hause?“ „Ich gehe in den Keller etwas essen.“ „Vielleicht komme ich später nach. Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Im Keller Mordechai durchquerte einige Seitengassen, ohne auch nur aufzusehen, wenn ihn Straßenmädchen anhielten; hungrig kam er in den Weinkeller, setzte sich an den ersten besten leeren Tisch, bestellte ein Beefsteak und sah sich dann erst im Keller um. Der klebrige, mit Rauch vermengte Küchendampf, der wie Nebel im Raum hing, verhüllte die Gesichter und ließ nur von ringsum ein Klanggemisch aus Französisch, Polnisch und Deutsch hören. Zigaretten glühten auf und erloschen wieder. Ein großer kurzsichtiger Mann mit schwarzem, kurzgestutztem Schnurrbart setzte sich an Mordechais Tisch, legte einen Stoß Bücher neben seinen Platz, schaute vorgebeugt Mordechai an, bis er ihn erkannte, und begrüßte ihn dann deutsch: „Was treiben Sie, Herr Alter?“ „Nicht viel. Und Sie, Herr Rabinowitsch?“ „Man arbeitet von Zeit zu Zeit ein wenig.“ „Immer noch an der Übersetzung?“ Fortsetzung folgt

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