Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 3 (28.2.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 hy Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 2. Fortsetzung Denn Christentum und Leben kommen miteinander nicht in Berührung. Sein letztes Hemd dem ersten besten Nackten geben, die rechte Backe hinhalten, wenn du auf die linke geschlagen wirst — das sind schöne Gesten, deren nur vereinzelte Individuen einmal fällig sind; doch wie lassen sie sich im Leben verwirklichen? Nennen Sie mir ein Volk, ich meine ein christliches, dem das Evangelium so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß sein tägliches Leben damit übereinstimmt!? Sie werden keines finden! Sehen Sie, das jüdische Volk ist nicht zu solcher ethischen Höhe gekommen wie sein Hillel, dagegen wurde aber danach gestrebt, daß Recht und Gerechtigkeit synonym werden mit der jüdischen Gesamtheit Kahane ging hastig im Zimmer hin und her, schob alles zur Seite, was ihm im Wege stand, und blieb plötzlich vor einem unvollendeten Gemälde stehen. Von der Leinwand blickte ein Christus am Kreuze nieder, der Norwid ähnelte. Kahane betrachtete das Bild eine Zeitlang und sagte: „Hätte das jüdische Volk der christlichen Welt nur das Kreuz gegeben (das wir Juden ablehnen), so müßten die christlichen Völker uns schon dafür allein besser behandeln...“ „Etwas Ähnliches hatte ich einmal geschrieben“, erwiderte Norwid. „Ich habe gezeigt, daß jedes Volk auf einem anderen Wege zur Kunst gelangt und sein Ich in sie trägt. Das jüdische Volk durch Lyrik und Gebet... daraus entsteht Erwartung, Hoffnung... die Augen halten Umschau, sind himmelswärts gewandt, sie ,hängen4... Da tritt das Kreuz in Erscheinung. Und als der Messias kam, da konntet ihr Juden ihn nicht ertragen. Nicht ihr allein; die Griechen haben Sokrates auch nicht ertragen können, sie fürchteten, der Philosoph könnte das Volk überragen, die Geamtheit verdunkeln .. Kahane unterbricht: „Und gerade wir, die einen Messias nicht ertragen konnten, wir hatten mindestens sechsunddreißig Messiasse.“ Norwid sog an seiner Pfeife und schwieg. Eine unangenehme Stille herrschte im Zimmer. Von den Wänden blickten Zeichnungen und unvollendete Bilder. Auf dem Boden waren reihenweise Bücher aufgeschichtet, sie sahen wie zerfallene Mauern aus. Auf einem Tischchen lag eine Bibel aufgeschlagen und daneben ein Manuskript, auf dessen Vorsatzblatt das Wort „Quidam“ stand, darunter mit zierlichen Buchstaben die Übersetzung: „Irgendwer, irgend jemand“. Noch nie hatte Mordechai in eines Menschen Augen solche Trauer gesehen wie jetzt in denen Norwids. Verwundert fragte er sich, was den Dichter so gekränkt haben mochte, und er ärgerte sich über Kahane. In Gedanken nahm er aber den Faden wieder auf: Was, die Juden haben den Messias nicht ertragen können? Dieser Mann meint, bei den Juden sei die Gesamtheit stets wichtiger gewesen als das einzelne Individuum? Das mag vielleicht auf die alten Hebräer zutreffen, nicht auf uns, das Messiasvolk ... Kahane ging auf Norwid zu: „Verzeihen Sie!“ Norwid lächelte abwesend und hob seine großen Augen; etwas Kindliches, Schüchternes war in diesem Blick. Er sah sich suchend um und entschuldigte sich dann: „Ich möchte Ihnen etwas anbieten, habe aber gerade jetzt nichts im Hause.“ Er griff nach seinem Hut. „Aber, Panie,“ — Kahane vertrat Norwid den Weg — „bemühen Sie sich doch nicht!“ Norwid setzte sich wieder auf das schmale Sofa, schaute in die Kerze, die langsam niederschmolz und begann wieder zu sprechen. In seiner Stimme, in der Art, wie er sprach, und in seinen Gleichnissen war etwas aus dem Neuen Testament. Es war oft schwer zu verstehen, was er meinte; er umgab gewissermaßen jeden Satz mit einem Stachelzaun, und zwischen den Spitzen rundete sich ein eigenartiges, religiöses Wort... „Ich glaube, — seine Stimme hatte jetzt einen angenehmen weichen Klang — „an Chopins Grabe beginnt das wahrhaft Polnische, womit die Polen erlöst werden, da sie der Welt sagen können: Das haben wir für Euch geleistet... Haben Sie schon einmal genau