Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2 (21.2.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229975--10645-9222724- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 2' „Ah, Panie Kahane! ... Treten Sie ein! Entschuldigen Sie, daß ich Sie im Dunkel empfange; ich zünde sofort eine Kerze an.“ Norwid nahm eine Kerze vom Fenstersims und steckte sie in einen kleinen Messingleuchter, der auf einem niedrigen Tischchen unter einem Bilde der Muttergottes von Ostrabrama stand. „Das ist mein Kollege Mordechai Alter“, stellte Kahane seinen Begleiter vor. Norwid drückte Mordechai warm die Hand: „Nehmen Sie Platz, Panie Alter... Sie sind zu Hause. Ein Zeremoniell gibt es hier nicht. Das Wort ,Panie4 ist bloß alte polnische Manier, weiter nichts! Es bedeutet für mich ,Bruder4... wahrhaftig!“ Das kleine Zimmer, welches Norwid bewohnte, war über und über mit Bildern bedeckt; es glich einem Museum. An einerWand stand ein Sofa mit einem italienischen Tuch bedeckt; darüber hing an zwei Haken eine alte polnische Streitaxt. Das Zimmer hatte nur drei Wände, und der spitze Winkel der Mansarde rief das Gefühl hervor, als ob sich die Decke auf die Köpfe senkte. Mit seinem langen Haar, dem wirren Bart und dem tiefausgeschnittenen Hemd, das die Herzgrube frei ließ, hatte Norwid eine gewisse Ähnlichkeit mit den Christusbildern in der Darstellung der orthodoxen Kirchenmalerei. Die zwei einzigen Stühle seines Zimmers schob er den Gästen hin und bot ihnen Tabak aus einem offenen Beutel an; er selbst zog sich auf die Ecke seines Sofas zurück, sog an einer kurzen Pfeife, blies das Zimmer mit Rauch voll und redete unaufhörlich: „Also morgen reist Kurzyna... gut... den Brief für ihn habe ich vorbereitet... Aber warum steht ihr? Setzt euch und laßt hören, was gibt es Neues? Nach den Meldungen, die der ,Dziennik Poznanski4 bringt, ist ein Aufstand stündlich zu erwarten. Wenn die Überfälle in Warschau weiter andauern, kann er jeden Tag ausbrechen...“ „Das wäre ein Unglück!“ unterbrach Kahane. „Das Volk ist noch nicht bereit! Wenn unsere Arbeit noch ein Jahr so weiter gehen könnte wie bisher, so bin ich sicher, daß wir die Russen aus Polen verjagen... Europa steht zu uns! In unseren Versammlungen melden sich Dutzende von Freiwilligen — ich spreche nicht von den Polen, es melden sich Franzosen, Italiener, Deutsche — sie alle sind bereit, sich für die Befreiung Polens zu opfern! Und was sagen Sie zu Karl Marx’ Hilfe, ich meine seinen Londoner Aufruf zur Unterstützung Polens?! Und habe ich Ihnen nicht immer gesagt, Panie Norwid, daß die Juden mittun werden und nicht Zurückbleiben? Mehr als tausend Jahre gemeinsam leben, die gleiche Luft atmen, einander Tag für Tag sehen — das allein schlägt unsichtbare Wurzeln, tiefere als die äußeren Kennzeichen von Bart oder glattrasiertem Gesicht, die jedermann ins Auge fallen! Wie die Juden nur gehört haben, daß sie Gleichberechtigung erhalten sollen, haben sie sich sofort gemeldet, und wie gemeldet! Das Warschauer Rabbinat hätte zuletzt kommen dürfen, doch es hat sich zu allererst an allen öffentlichen Prozessionen beteiligt! Überall, wo es um Polen geht, hat die Thora mit dem Kreuz Frieden geschlossen! Stellen Sie sich das nur einen Augenblick vor..,“, in seiner Begeisterung sprang Kahane von seinem Sitz auf, „der wahrhaft religiöse Jude, welcher doch mit jeder Faser seiner Seele daran glaubt, er sei ,auserwählt4, es sei seine Aufgabe, Tag um Tag, ohne irgendeinen Lohn, dem Gott der Juden zu dienen und ihn zu preisen, jede Stunde, jede Minute zum Märtyrertod bereit zu sein, dieser Jude hat mit einem Male alle Bedrückungen des polnischen Volkes vergessen und schenkt den Kirchen silberne Leuchter und Kandelaber ...“ Norwid, der so in Rauch gehüllt war, daß es schien, als ob aus Wolken ein überirdisch Gesicht hervortrat, erhob sich plötzlich, trat auf Kahane zu und umarmte ihn: „Wir haben die Unbill vergessen; der Pole will ,Einheit4, will in dem Juden einen Gefährten, seinesgleichen sehen ...“ „Das sage ich doch!“ fiel ihm Kahane ins Wort, „ein Volk kann nicht frei werden, solange sein Prophet nicht in seiner Heimat, bei seinem eigenen Volke anerkannt ist. Das ist das Ideal, dem jedes Volk zustreben muß, das ist seine Aufgabe im Leben, und so hat es auch unser Herr Jesus gemeint. Nur durch Liebe wird die Erlösung kommen. Nach meiner festen Überzeugung ist es schädlich, zu lehren, der einzelne, das Individuum müsse bereit sein, für das Volk zu sterben, wenn der einzelne überhaupt nichts gilt. Das ist rein jüdische Anschauung. Die Polen wissen um eine höhere Wahrheit, das ,Liberum veto4, da für eines Mannes Unschuld das ganze Volk eingesetzt werden soll...“ „Vielleicht hat aber gerade das ,Liberum veto4 Polen zugrunde gerichtet“, warf Mordechai ein. „Ich, bin auch dieser Ansicht,44 sagte Kahane. „Theorie ohne Praxis hat gar keinen Wert! Bis heute hat es noch kein Volk gegeben, das nach den Theorien des Christentums lebt, und es wird auch künftig keines geben!“ (Fortsetzung folgt)