Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2 (21.2.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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OMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch I)r. Präger, Pressedienst, Wien) 1. Fortsetzung „Entschuldige, Mordechai, daß ich dich so lange warten ließ,“ sagte Kahane grüßend, „ich habe durch Zufall einen Offizier kennengelernt; einen gewissen Vigny, Franzose, ein wunderbarer Mensch, glaube mir! Er ist bereit, hundert Burschen auszubilden, mit ihnen alle militärischen Übungen durchzumachen, daß jeder von ihnen ein guter Soldat ist und, wenn es nottut, auch selbst Kommando führen kann. Ich möchte, daß du dich zu diesem Kursus meldest!“ „Schrei’ doch nicht so!“ Mordechai wandte sich zum Ausgang. „Der Concierge muß denken, daß wir streiten! Sieh nur, wie er uns nachschaut!“ Lachend faßte Kahane Mordechai unter, und sie traten ins Freie. Die breite Rue Rivoli strahlte festlich. Die Bürgersteige glänzten im Schein des vielen Lichtes und glichen einem Tanzsaal. Über den Läden reihte sich eine Lampe an die andere zu einem gekrümmten Halboval; es war, als seien Monde auf eine Schnur gezogen. Dazwischen glühten rote Lichter auf; aufreizend beleuchteten sie die Plakate an den Eingängen und an den Fenstern der Kabaretts, die beteuerten, daß die Tänzerinnen alle Sprachen sprechen. Vor den Restaurants, auf den Bürgersteigen, saßen Leute gemächlich an Tischen, aßen, tranken und lasen ihre Zeitung. Vor den Juwelierläden staute sich die Menge, wie in einen Zauberkreis gebannt; wer vorüberging, sah sich plötzlich von allen Seiten im Reflex der Spiegel und starrte auf die aufgeschichteten, blitzenden Edelsteine. Schlummernde- Wünsche erhoben ihre Köpfe, lockten mit grünen Äuglein, duckten sich und standen doch ehrerbietig vor dem Feuer der Brillanten, die rot und grün leuchteten und vom klaren Weiß der Perlen zurückgeworfen kleine Regenbogen spannten. Schweigend gingen Mordechai und Kahane weiter. An einem Platz stand ein Jude neben einem Karren und bot Nüsse feil. Unermüdlich rief er bald französisch, bald jiddisch; „Nüsse, Nüß\ Nüß’! Kauft Nüß’!“ Als er sich müde gebrüllt hatte, ohne einen Käufer anzulocken, gingen seine Rufe in eine düstere Synagogenmelodie über. Kahane lachte. Mordechai stimmte ein und konnte sich nicht erklären, warum ihm traurig zumute wurde. Er blieb stehen; „Wohin gehen wir?“ „Richtig, ich habe ja ganz vergessen,“ Kahane zog Mordechai am Arm weiter, „morgen fährt Kurzyna nach Lüttich. Er wird dort die polnischen Studenten organisieren und versuchen, wieder eine Partie Gewehre abzusenden. Eben erst habe ich einen Brief bekommen, der darüber klagt, daß in der ersten Partie die Hälfte unbrauchbar war. Spielzeug haben sie geschickt, Gewehre ohne Bohrung, ohne Visier, nur daß es wie ‘eine Lieferung aussieht. Ich werde einen Brief an Kapitän Godelski mitgeben, er ist ein netter Mensch.“ „Kennst du ihn?“ „Persönlich nicht. Deswegen gehe ich auch zu Norwid; er hat versprochen, mir einen Brief an Godelski zu schreiben; er ist ein guter Bekannter von ihm ...“ „Ist das der Dichter Norwid?“ „Ja.“ „Schickt es sich, daß ich mitgehe? Ich kenne ihn ja nicht!“ „Es macht nichts, Mordechai. Norwid ist einer der vornehmsten und tiefsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Er wird dir gefallen. Nur spricht er etwas zu viel, und jedes Gespräch schließt er mit Jesus. Hier wohnt er. Komm nur mit!“ Auf der .schmalen Treppe ging Mordechai hinter Kahane; nach jedem Treppenabsatz wurden seine Beine schwerer. Er wußte, daß er einen Mann aufsuchte, der in gewissen Kreisen in einem Atem mit Mickiewicz und Slowaki genannt wurde. Ich habe mich nicht geändert, ging es Mordechai durch den Sinn, vor drei Jahren bin ich mit der gleichen Ehrerbietung vor den Rabbi von Kozk getreten. Kahane klopfte an. Schritte näherten sich. Die Tür wurde geöffnet und ein Kopf mit langem, dichtem Haar und Bart wurde sichtbar;