Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 1/44 (14.2.1930) Der Aufstand / Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229972--10628-9222708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 1 Schein, der ihn mit den versunkenen Welten verbunden hatte, war fort. Aus einer entfernten Straße tönte noch immer der Ruf des Händlers. Die Sonne sank. Mordechai musterte den Bibliothekar, der jetzt auf einem Katheder in der Mitte des Saales saß und mit einer Schere etwas aus einer Zeitung ausschnitt. Obwohl der frühere Bibliothekar Adam Mickiewicz auch so zwischen den Tischen umhergewandelt war und die Leute im Nachdenken störte? ging es Mordechai durch den Kopf. Sein Blick streifte das Kaiserbild; die Ode, welche Mickiewicz auf den Kaiser in der Sprache des Horaz verfaßt hatte, fiel ihm ein, und ein wehes Gefühl beschlich ihn. Es ging auf Sieben. Mordechai schloß das Buch, welches vor ihm lag; merkwürdig, der Freund, den er zwischen fünf und sechs Uhr in der Bibliothek hätte treffen sollen, war noch immer nicht da; Mordechai machte sich auf den Weg. In dem langen, dunklen Korridor mit der steinernen Wendeltreppe saß der Concierge, putzte mit einem Draht seine wie ein Fragezeichen gebogene Pfeife und paßte auf, daß kein Besucher Bücher aus der Bibliothek mitnahm. Mordechai blieb an einem offenen Fenster des Korridors stehen; sein Blick wanderte über die Place de la Bastille, von der Gäßchen und Seitengäßchen zur breiten Rue Rivoli strebten, einen Menschenstrom befördernd, der sich auf beide Bürgersteige verteilte. Die schmalen, uralten Häuser auf dem kleinen Platz schienen noch mehr zusammenzurücken und mit dem Grau des Abends zu verfließen; sie sahen wie Kulissen aus. Die Häuschen erinnerten Mordechai an Warschau, und ein Hauch der Heimat wehte ihn an. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und wandte sich um. (Fortsetzung folgt) DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von (Schluß) Sie lächelte, um zu zeigen, daß sie scherze und kein Bedauern brauche. Dann wurde sie lebhafter und ging schneller; sie merkte, daß ihr Schuhband sich gelockert hatte, und blieb stehen: „Bitte, binden Sie mir das Band zu!“ Mordechai kniete im Schnee und begann an der Schleife zu nesteln. Er berührte ihren schmalen Fuß, den weichen Strumpf, band eine Schleife und band sie wieder auf; sie lachte laut und zog ihn am Ohr: „So lange?“ Beim Abendessen ging das Gespräch nicht recht vorwärts. Etwas Unfaßbares, das man nicht benennen konnte, schien das Zimmer einzuengen. Felicia nahm den „Iridion“ aus einem Bücherregal, las eine Seite vor und schleuderte das Buch auf die Ottomane; dann ging sie ans Klavier, griff einige Akkorde, schlug den Deckel zu und blieb vor Mordechai mit gekreuzten Armen stehen, wie eine Schülerin. Er fuhr zusammen. Die Unruhe in ihrem Gesicht verschwand und ihre Augen Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin) blickten hilflos kindlich. Plötzlich umarmte sie ihn, küßte ihn und schmiegte sich bebend an ihn: „Geh schlafen, du mußt morgen zeitig aufstehen! Geh schlafen, Mordechai!“ Ernüchtert faßte er ihre Hand und küßte sie; er merkte gar nicht, wie Felicia dann hinausging. Mordechai ging in sein Zimmer und warf sich auf das Bett. Sein Hirn arbeitete fieberhaft, erzeugte unzählige Pläne, um sie rasch wieder zu verwerfen, übersprang Zaun um Zaun und blieb dann plötzlich wie gebannt vor einem Strohhalm stehen, ohne weiter kommen zu können ... Er ging auf den Boulevards von Paris, debattierte mit Reb Itsche, mit den Eltern, tröstete Rachel und Riwkele und flehte zu Felicia ... Er stand auf, schlich wie ein Dieb auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer, und blieb vor Felicias Tür stehen. Sie war verschlossen. Er wußte nicht, daß Felicia nicht schlief, daß jedes ihrer Glieder in der Dunkelheit weinte. Mit verbundenen Augen warteten beide auf ein Wunder und gingen aneinander vorüber.