Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 1/44 (14.2.1930) Der Aufstand / Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) IN PARIS Cyprian Norwid Um die Zeit, da Paris zu Abend ißt, saßen an den langen, schweren Tischen der Arsenalbibliothek nur noch wenige Besucher. Der Bibliothekar, ein verschlafenes Männchen mit grauem Gesicht, auf dem eine dünne Staubschicht zu liegen schien, ging mit kleinen, leisen Schritten von Tisch zu Tisch und half den Dienern die Bücher auf einen Rollwagen schichten. Im Vorübergehen rüttelte er einen Herrn mittleren Alters, der über einem offenen Buch eingeschlummert war, und entschuldigte sich, daß er gezwungen sei, den Besucher im Schlafe zu stören. Der Herr riß die Augen weit auf, faßte sein Buch mit beiden Händen und begann instinktiv die Lippen zu bewegen, um zu beweisen, daß er nicht geschlafen hatte. Ein anderer balancierte auf einem Stuhl, vielmehr nur auf dessen beiden hinteren Beinen, fuhr sich durch den weichen, kurzen Bart ä la Napoleon III., dessen Bild gegenüber an der Wand hing, und betrachtete den Kaiser mit verliebten Blicken. Durch die offenen schmalen Fenster, die nach der Place de la Bastille gingen, fielen Streifen rötlichen Lichtes in den Saal und spiegelten sich in den goldenen Epauletten des Kaisers. Sie senkten sich auf die Steinfliesen, auf die dickleibigen Bücher mit Goldprägung, auf Mordechai, der mit halbgeschlossenen Augen vor einem Buche saß und grübelte. Mordechai hatte ganz vergessen, daß er in der Pariser Arsenalbibliothek saß, daß noch andere Besucher da waren, die zusahen, wie er gestikulierte, und sich über seine Gesten und Grimassen lustig machten. Die vielen tausend Bücher, die ringsum an den Wänden des großen Saales in Reih und Glied standen und von den Regalen niederblickten, waren für ihn nicht totes Papier, nicht verschwommene Schatten; an ihm zogen Menschen aller Länder und Zeiten vorüber, doch nicht jene fremden, gleichgültigen Gesichter, die auf der Straße an dir vorübergehen, dich anblicken und nicht sehen, Mordechai kannte das Lächeln, die Runzeln jedes einzelnen, wußte um seine alte stolze Herkunft. Man ist des Alltags satt und der Welt müde, wühlt im Staube, da hallt der lebendige Ton von Millionen unsichtbarer Worte, die mahnen, daß ihre Stunde geschlagen. Worte, die zu früh geboren wurden, denen, solange sie lebten, keine „Erhebung“ zuteil werden konnte, sie werden jetzt auf solcher Weise zum „göttlichen Funken“ erhoben und stehen von den Toten auf. Gott hat seine Freude an dem Wort, das der Mensch erneut und erhoben; er küßt .es mit seinem Kusse und krönt es mit siebzig goldgeschmiedeten Kronen. Das gekrönte Wort durchfliegt sämtliche siebzig Welten, bis es geläutert zum „Uralten“, dem Schöpfer selbst kommt. Die Worte des „Uralten“ sind Worte der Weisheit, voller Geheimnisse: der „Uralte“ nimmt das lebendige Wort auf und krönt es mit dreihundertsiebzig Kronen — und aus dem Wort wird ein Himmel. Und du, Mensch, der du im Staube wühlend vergessenen Worten Erhebung bringst, wirst zum Mitschöpfer der Welt. Die Lichtstreifen fielen auf Mordechais Augenlider und trugen an sein Ohr den sehnsüchtigen Ruf eines fliegenden Gemüsehändlers, der von der Bastille her in die Stille der Bibliothek drang: „Ran-do-la!“ — — „Ran-do-o-la-a-a!“ Das Wort blieb in Mordechai haften und brachte ihm die Assoziation eines bekannten Namens; er sah Pico di Mirandola eintreten, dessen Seele in Babylon die Kabbala studiert hatte; ein weiter schwarzer Mantel umhüllt ihn, seine langen Locken fallen auf die Schultern; er legt seine sechzig Thesen dem Papste Julius zu Füßen und erbietet sich, die Reisekosten jedes Gelehrten zu tragen, der mit ihm, Pico, öffentlich disputieren wolle. Keiner von den päpstlichen Gelehrten meldet sich. Da tritt Mordechai vor und verneigt sich vor dem Papste: „Ich nehme die Herausforderung an“ ... Der Bibliothekar kam vorüber und sah einen Jüngling mit geschlossenen Augen 'am Tische sitzen; er zupfte Mordechai am Ärmel. Mordechai öffnete die Augen. Der helle