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Das jüdische Echo · 1930-02-07 · 43 (7.2.1930) Der letzte Waldjude · p. Seite 126

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
43 (7.2.1930) Der letzte Waldjude
Date
1930-02-07
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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126 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 43 „Das ist ja Temrele.“ „Die man erwischt hat?“ „Ja. ja, dieselbe.“ „Wer, meinst du, wird Rabbi werden?“ „Reb Itsche.“ „Und Reb Dowidl wird das ruhig hinnehmen?“ „Ruhe, Ruhe.“ „Man spricht das Kaddischgebet!“ Sowie Reb Dowidl das Kaddischgebet beendigt hatte, ging Temrele geziert auf ihn zu und begrüßte ihn: „Maseltow, Rabbi!“ Einige Leute vom Hofe kamen langsam herbei, umringten Reb Dowidl mit Maseltows und warteten, daß die große Menge ihnen folge. Es sah aus, als hätte sich ein Häuflein Chassidim von der großen Menschenmenge losgerissen; die aber stand gaffend da, ohne sich zu rühren. Die, welche Rabbi Mendele nahegestanden hatten, suchten nun in der Menge Reb Itsche auf, zogen eine Kette um ihn und aus tausend Kehlen rief es ihm entgegen: „Maseltow, Rabbi!“ „Maseltow, Rabbi!“ „Maseltow!“ Hungrig und müde ging Mordechai nach Hause. Schwermut befiel ihn, je näher er Strahls Hause kam. Er wußte, morgen früh, wenn er Polen verließ, zerreiße er alle Fäden, entferne sich von einem Leben, das voll war von Zweifeln und Kummer, um einen unbekannten Weg zu betreten und neu zu beginnen. Er wußte selbst nicht, worin das neue Leben bestehen würde, aber sicher würde es anders sein, müsse es anders sein, als es bisher gewesen. Mordechai suchte seine Trauer mit dem Tode des Rabbi zu erklären, mit dem Leide, das er seinen Eltern schuf, aber sein Herz sagte ihm, das sei nicht wahr, er betrüge sich selbst; er fühlte, daß ihm etwas im Wege stand, wovon er sich befreien müßte, aber jedesmal, wenn er sich in die Hand nahm, um zu ergründen, was es war, verschwamm alles und sein Unbehagen wurde noch größer. Mordechai blieb stehen und schaute sich um, wer ihn gerufen hatte. Er sah Felicia aus der Allee kommen; nun wurde ihm klar, woher seine Trauer kam. „Sie waren beim Begräbnis?“ „Ja.“ „Sie müssen vorsichtig sein.“ — Felicia sprach es ihm fast ins Ohr — „man sucht Sie.“ „Ich verstecke mich nicht.“ „Oh, oh!“ — sie faßte Mordechai bei der Hand und lächelte vieldeutig. Gut gelaunt, faßte sie ihn untern Arm, und während sie einige Schritte weitergingen, erzählte sie: „Wissen Sie, zum ersten Male habe ich heute Angst gehabt, allein durch die Allee zu gehen, es war immer, als gehe mir jemand nach... den ganzen Weg lang dachte ich an den Rabbi. Ist es wirklich wahr, daß er dreizehn Jahre in seinem Zimmer gefangen blieb?“ Mordechai nickte mit dem Kopf und ging schweigend nebenher. Der Garten sah schütter aus. Die Bäume zu beiden Seiten der Allee, deren dichtbelaubte Äste im Sommer sich ineinander wölbten, so daß die Allee wie der Eingang zu einer dunklen Höhle aussah, standen jetzt nackt und bloß. Wurzeln, grasbedeckte Schollen starrten da und dort aus dem Schnee hervor. Irgendwo schrie eine Krähe, unheimlich hallte der Mißton in der leeren Allee wider. „Ich beneide Sie, daß Sie wegfahren;“ — begann Felicia — „mir ist alles zuwider geworden. Ich stoße mich herum, ganz allein — es ist bald eine Woche, daß mein Mann in Warschau sitzt.“ Schluß folgt In der nächsten Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung unseres neuen Romans, „DER AUFSTAND“ VON J. OPATOSCHU der Fortsetzung des gegenwärtig erscheinenden Romans: „Der letzte Waldjude“, in dem die weitere Entwicklung Mordechais sich erfüllt. In außerordentlich fesselnder Weise werden seine Erfahrungen im revolutionären Pariser Milieu während der Vorbereitungen zum polnischen Aufstand von 1863 und während dieses Aufstandes selbst dargestellt, der auch die Juden Polens in stärkster Weise ergriff.

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