Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 42 (31.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-31
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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124 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. 42 „Die Waschung werden Schüler und fromme Juden vollziehen.“ „Der Stadt geschieht Unrecht!“ „Das Amt gehört uns!“ „Kozk wird es nicht zulassen!“ Reb Itsche trat hinzu und beruhigte beide Parteien: „Still, still, streitet nicht. Wir werden losen, und wen das Los trifft...“ „Gut!“ Es wurde still. Durch das Zimmer klang die Stimme eines Chassid, der erzählte; er sprach zuerst laut und dann immer leiser: „... und als man des Maggid heiligen Leib ins Wasser tauchte, wurde die Mikweh von dem Duft seltener Gewürze erfüllt; denn ihr müßt wissen, daß auch der tote Leib eines Zaddik heiliges Fleisch ist; Würmer und übler Geruch haben keine Gewalt über ihn...“ Bei den letzten Worten spürte Mordechai, daß die Luft zum Ersticken war; er mußte ein Fenster öffnen. Der Wunsch, die Decke vom Leichnam zurückzuschlagen, ließ ihm keine Ruhe. Er wollte sehen, ob die Trauer um die Augen des Rabbi geblieben war; zugleich sagte ihm sein Herz, der Tod lasse nichts übrig. Er war voll von Vorwürfen, ohne zu wissen, gegen wen und gegen was. Ihm fiel ein, daß Moses nicht hatte sterben wollen; und als nichts half, flehte seine Seele zu Gott, er möge sie nicht vom Körper trennen, mit dem sie hundertzwanzig Jahre vereinigt gewesen war. Und hier unter dem weißen Kaftan lag ein eingeschrumpfter Leib, der dem eines halbwüchsigen Knaben glich. Rabbi Mendeles Seele hatte einsam gelebt, sich in dem entlegenen, über und über mit Spinnweb bezogenen Zimmer aufgehalten, hatte sich nicht mit der Weltordnung abgefunderi und außer dem schwachen Körper niemanden auf der Welt gehabt. Und nun war man über den Körper hergefallen, hatte ihn gewaltsam von der Seele getrennt, zerdrückt, zerbrochen, zu einem Bündel gewickelt und so unter dem Kaftan versteckt. Völlig ausgeruht erwachte Mordechai mitten in der Nacht; er war sicher, daß er sich erst vor kurzem schlafen gelegt hatte, und zugleich ärgerlich, daß sein Gespräch mit Rabbi Mendele ein Traum gewesen war. Der Rabbi war doch tot. Mordechai kleidete sich im Dunkeln an und trat auf die Straße. Kozk schlief. Nur im Beth Hamidrasch des Rabbi saßen Verwandte und Nahestehende, der eine vor dem Sohar, der andere vor der Mischnah, einige im Halbschlaf oder auch schmerzerfüllte Melodien summend. Die Öllämpchen und tropfenden Kerzen beleuchteten schwach das große Beth Hamidrasch. Bei einem Pulte saß ein dicker Chassid, die Hände über einer offenen Mischna gekreuzt, das Kinn darauf gestützt, und schnarchte. Sein dunkelgrauer, wirrer Bart, der zu beiden Seiten des Kinnes ansetzte und wie zwei Flederwische aussah, bewegte sich. Hinter dem Ofen sagte jemand weinend Psalmen, daß man jedes Wort zählen konnte. Auf Bänken und unter den Tischen lagen Chassidim, die Röcke unter dem Kopfe, und stöhnten im Schlaf. Auf Zehenspitzen schlich Mordechai in Rabbi Mendeles Gemach. Ein schwerer Geruch schlug ihm entgegen. Inmitten des Zimmers lag auf einer Bahre, aus Brettern eines Arbeitstisches gezimmert, Rabbi Mendele, mit dem weißseidenen Kaftan bedeckt. Auf dem Fußboden brannten dicke Talgkerzen, Sägespäne lagen verstreut umher. Reb Itsche stand zu Häupten des Rabbi, mit glühenden Wangen, die Augen mit großen Tränen gefüllt, wie ein kleines Kind, das sich verirrt und die Mutter verloren hat. Reb Dowidl saß mit geschlossenen Augen da, und wären nicht immer wieder Seufzer und ein „Oj“ aus seinem Munde gedrungen, so hätte man meinen können, er schliefe. An der Ostwand standen die beiden Lieblingsschüler des Rabbi,, die Leuchten jüdischen Wissens in Polen, Reb Awrejml, der Schwiegersohn des Verstorbenen, und Reb Henoch, sie schlugen mit den Händen an die Wand und sagten ein Soharkapitel her. Reb Itsche richtete seine tränenerfüllten Augen auf Mordechai; er blickte so mitleidsvoll, daß es Mordechai die Kehle zusammenschnürte. In der Tür stand der barfüßige Israel und hielt sich die Nase zu. Er trat an die Bahre, schlug den Kaftan zurück und sah dem Toten ins Gesicht: „Rabbi von Kozk, deine Schüler haben gelost, an welchem Teile deines heiligen Leibes jeder das Werk der Waschung verrichten solle. Das gilt, wenn der Leib heiliges Fleisch ist; wie ist es aber, Rabbi von Kozk, wenn der Leib fault? Wie ist es dann Gesetz? ...“ Der Schammes und einige Nahestehende ließen ihn nicht vollenden, faßten ihn unter die Arme und führten ihn hinaus. Reb Itsche sprach kein Wort. Er stützt den Kopf zwischen die Hände und weinte ganz laut. Reb Henoch trat zu Reb Awrejml und fragte ihn: „Weißt du, was wir in Kozk gelernt haben?“ Reb Awrejml öffnet seine unschuldigen Augen und schwieg. „Wir haben gelernt, der Mensch solle sein Lebtag daran denken, daß er ein Stinker ist.“ Fortsetzung folgt