Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 42 (31.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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RO MAN-B E IL AGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 4L Fortsetzung Rabbi Mendele schwieg, er fühlte sich erleichtert. Das Summen im Kopfe hatte nachgelassen, war ganz verschwunden. Er blickte auf das Papier, das im Ofen aufflackerte, sich - krümmte und zu Asche wurde. Ein hilfloser ‘ Zug lag auf seinem Gesicht, wie bei einem Manne, dessen ganze Habe brennt, ohne daß er sich helfen kann. Er beugte sich vor, wie um etwas noch zu retten, und bat: „Gib mir Papier ... eine Feder...“ Er hielt den Gänsekiel zwischen den zitternden Fingern; der Papierbogen schien zu wachsen, die Buchstaben wurden größer, erhoben sich blau und feurig, kreisten wie Räder vor seinen Augen, Rad um Rad, Rad in Rad; von allen Seiten schwirrten sie um das Bett, das Zimmer beginnt sich mitzudrehen, schnell, immer schneller, und am Herzen wird es plötzlich so leer... sollte das das Ende sein? * Reb Itsche merkte plötzlich, daß der Rabbi phantasierte und nicht wußte, was er schrieb. Er wiederholte in einem fort dieselben Buchstaben. Reb Itsche versuchte zu lesen: „Buch vom Menschen—BuBuBu—vvvoMn — BuBuBuBu — Bu — Bu — Bu“- Der Rabbi schleuderte Papier und Feder zur Erde, seufzte schwer auf und blieb regungslos liegen. Um seine verzerrten Lippen stand leichter Schaum. Erschrocken rief Reb Itsche den Schammes. Der Rabbi öffnete noch einmal die Augen, schaute eine Weile in den * Raum vor sich, ein Auge blickte starr, als könnte er es nicht bewegen, und richtete sich auf Reb Itsche. Einige tiefe Atemzüge und, er war entschlafen. Als Mordechai zum Hof kam, hatte bereits ganz Kozk vom Hinscheiden des Rabbi erfahren. Die Läden wurden geschlossen, die Arbeit ruhte, die Kinder wurden sich selbst überlassen und in allen Gassen standen Gruppen Menschen, die leise und geheimnisvoll rieten, wer wohl den heiligen Leib des Rabbi waschen würde — die Schüler oder die Chewra Kadischa. Im Hofe war nicht durchzukommen — Kopf an Kopf, kein Vorwärts, kein Rückwärts. Mit Mühe drängte sich Mordechai durch. Er blieb vor Rabbi Mendeles Tür stehen. Wehklagen erfüllte das Zimmer. Die Kinder und die Enkel standen um das Bett, auf dem der Verblichene, mit seinem weißseidenen Kaftan bedeckt, lag. Riwkele raufte sich die Haare, haderte laut mit dem Großvater und brach dazwischen immer wieder in Weinen aus. Mordechai, der niemals das Wehklagen bei Begräbnissen hatte anhören können, fand es jetzt durchaus angebracht; er wollte, das Geschrei sollte lauter sein und zum Himmel die Kunde bringen, daß ein Unrecht begangen worden war. Duszka stand erschrocken da und bewegte unaufhörlich den Kopf; sie litt wohl schwer darunter, daß soviel Männer um sie waren. Daniel stand da, eine Faust an die Bettwand gestützt, die zweite gegen die Stirn gepreßt und weinte. Reb Dowidl konnte nicht ruhig stehen, ging geschäftig hin und her und ließ immer mehr Kerzen anzünden, ohne jedoch seine Krankheiten zu vergessen; — von Zeit zu Zeit nahm er aus der Westentasche ein Fläschchen, öffnete es, roch daran und seufzte. In einem Winkel stand bekümmert Reb Itsche und sagte leise ein Soharkapitel her. Ein Familienmitglied nach dem andern ging aus dem Zimmer. Als Riwkele Mordechai sah, breitete sie die Arme aus; sie hatte vergessen, was er ihr getan, und sprach weinend: „Mordechai, was sagst du zu unserem Unglück? Mordechai...“ Mordechais Augen füllten sich mit Tränen. Er stand hilflos da und wußte nicht, was er tun sollte; ehe er sich besinnen konnte, war Riwkele verschwunden. Mordechai konnte es nicht ertragen; er litt darunter, daß Riwkele keinen Vorwurf für ihn gehabt hatte und an ihm nicht wie an einem Fremden vorübergegangen war. Aus dem Beth Hamidrasch kamen die Brüder von der Chewra Kadischa; erhitzt fuhren sie sich mit farbigen Taschentüchern über Stirn und Gesicht und sprachen alle zugleich: „Das Amt gehört uns!“ „Wir weichen nicht!“ „Ein rabbinisches Gericht?“ „Gut!“ „Dieser Prozeß ist glatt gewonnen!“ „Ruhe!“ — ein Chassid stampfte mit dem Fuße auf. „Was sind das für Reden?“ äii