Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 41 (24.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-24
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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122 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 4 „Entschuldige, aber du sprichst wirklich nicht wie ein Kaufmann.“ — Schaft faßte Mordechai beim Rockzipfel — „Hör5 zu, Schamai borgt dem Sohne des Reb Abraham dreitausend Gulden, nun ist die Frage, worauf er sie ihm borgt, ich meine, auf welche Unterlagen? Auf die Güter etwa oder auf das bewegliche Vermögen?“ — Schaft zog nachdenklich an seinem kurzen Bart, als handelte es sich um ein schweres Problem. „Und daß Reb Abrahams Sohn erst in zwei Jahren volljährig wird, das bedeutet gar nichts?... Da kann man es Schamai doch nicht übelnehmen, wenn er sich eine Sicherheit schaffen will — nun, was sagst du? Aber ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich mehr als dreitausend Gulden von dir nicht nehmen werde...‘ Gleichgültig unterschrieb Mordechai. Dann sah er zu, wie Schamai Streusand auf die Unterschrift schüttete, langsam eine lederne Brieftasche hervorzog und mit besorgter Miene zu zählen begann; bei jeder Banknote stieß er einen Seufzer aus, als wäre es ihm schwer, sich von dem Gelde zu trennen. Er traute seinen Händen nicht und zählte die Summe einige Male durch; als Mordechai das Paket mit dem Gelde in die Tasche stecken wollte, zwang er ihn, noch einmal nachzuzählen. Mordechai verabschiedete sich von Schamai; er hatte die Absicht, Kahane aufzusuchen und ihm zu sagen, sie könnten morgen früh reisen. Da erinnerte er sich des Rabbi und ging nach dem Hofe zu. Seit zwei Wochen schon hatte Rabbi Mendele das Bett nicht verlassen. Seine Kräfte schwanden immer mehr. Außer Reb Itsche wollte er niemanden sehen und ließ sogar das Zimmer nicht aufräumen. Es hing voll Spinngewebe, auf dem Fußboden sprangen Mäuse umher, und sie waren so zutraulich geworden, daß sie beim Bette des Rabbi stehenblieben und ihre Köpfe daran rieben, als bäten sie um etwas. Am Hofe war man des festen Glaubens, es seien sündige Seelen, die der Erlösung bedürfen. Reb Itsche legte unaufhörlich Holz im Ofen nach. Als das Feuer mächtig aufflammte, zog Rabbi Mendele einen Schlüssel unter dem Kissen hervor und rief Reb Itsche: „Da, nimm die Manuskripte aus meinem Koffer und verbrenne sie! Was schaust du so? Verbrenne Sie, hörst du! Der Buchdrucker hat schon genug gedruckt! Es ist niemand da, für den man schreiben könnte! Hör’, Itsche, ich ersticke... die Welt stinkt mir... Nun, worauf wartest du? Wirf alles ins Feuer!“ Reb Itsche warf ein Manuskript nach dem andern ins Feuer; als er das letzte hineingeworfen hatte, lachte Rabbi Mendele leise und trocken auf, daß es Reb Itsche durch Mark und Bein ging. „Ein Leben lang gearbeitet, spekuliert, eine Welt erneuern wollen, den Moschiach bringen —■ nun frage ich dich — wozu? Ein kleines Feuer und der wahre Mendele ist nicht mehr da. Nur ein paar kranke Knochen sind geblieben! Habe ich nicht recht, Itsche?“ — Der Rabbi faßte ihn bei der Hand. — „Habe ich nicht recht, daß der Mensch ein Stinker ist? Nun, warum schweigst du?“ Der Rabbi öffnete die Augen und richtete sich plötzlich auf: „Hast du schon alles ins Feuer geworfen, alles?“ „Alles, Rabbi.“ „Schade, schade!“ — Rabbi Mendele wand sich, als litte er furchtbare Schmerzen. „Was ist Rabbi? Was ist geschehen?* „Gar nichts, gar nichts... Zwischen den Manuskripten war auch mein ,Buch vom Menschen4; diese Schrift war nur eine Seite lang und hat den ganzen Menschen enthalten . . . schade, schade, die Schrift vom Menschen wollte ich hinterlassen.. „Wenn sie nur eine Seite lang ist, Rabbi, so kann man sie ja noch einmal schreiben,“ — wollte Reb Itsche den Rabbi beruhigen. „Man kann es nicht, man kann es nicht,“ — wiederholte der Rabbi eigensinnig und rieb sich die Stirn — „ich erinnere mich nicht, ich erinnere mich nicht mehr ...“ Kraftlos und stöhnend sank er auf das Kissen und schloß die Augen. Reb Itsche bemühte sich um ihn. Als die Chassidim, welche vor dem Fenster standen, sahen, daß der Rabbi zusammengesunken war, begannen sie an die Scheiben zu klopfen und zu wehklagen. Der Rabbi öffnete die Augen und richtete seinen Blick zum Fenster, durch das das Wehklagen drang, und nickte Reb Itsche zu: „Siehst du den Auflauf? In meiner Jugend, als ich mich darum bemühte, da wollte das Gesindel von mir nichts wissen! Ihre Freude war unendlich, als ich, Mendele, vor ihren Augen strauchelte, und der Ischbitzer hat d&i ganzen Pöbel an sich gezogen! In seinem Innern haßt eben jeder Mensch einen Zaddik und freut sich, wenn er einen ehrlichen Mann bei einer Sünde ertappen kann! Aber wozu braucht man sie? Wer braucht sie, ich frage dich, wer braucht sie? Wenn ich von neuem anfangen könnte,“ sprach Rabbi Mendele, lebhaft geworden, „weißt du, was ich täte? Ich nähme mir ein paar hundert junge Leute, setzte ihnen Streimel aus Krautköpfen auf und ließe sie von den Dächern Tag und Nacht schreien: Die Welt stinkt, die Welt stinkt...“ Fortsetzung folgt