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Das jüdische Echo · 1930-01-24 · 41 (24.1.1930) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
41 (24.1.1930) Der letzte Waldjude
Date
1930-01-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 40. Fortsetzung In Polen bleiben konnte Mordechai nicht mehr. Er wunderte sich selbst, daß der Wunsch, ins Ausland zu gehen, in ihm geschwunden war und einer völligen Gleichgültigkeit Platz gemacht hatte. Hätte nicht Felicia alle Pläne für seine Flucht aus Polen vorbereitet, er hätte sich nicht vom Platze gerührt, wäre in Kozk geblieben und hätte weiter mit sich gekämpft, ob er sich der Polizei stellen solle oder nicht. Endlich war er entschlossen, nach Paris zu gehen, obwohl er durchaus nicht wußte, was er dort anfangen sollte und auch die Sprache nicht kannte. Vielleicht war für seine Wahl der Umstand maßgebend, daß Kahane ebenfalls hinfuhr und daß es in Paris eine große polnische Kolonie gab. Wie immer dem sein mochte, jedenfalls stand es bei Mordechai fest, Polen zu verlassen, sowie er sich nur Geld beschafft haben würde. Er ging in den Gasthof zu Schaft; den traf er bei einem Topfe Zichorienkaffee, einem Schwarzbrot und einer Zwiebel. „Das ist ein Gast!“ Schaft erhob sich, rückte den Tisch ans Bett und bot Mordechai den Stuhl an. „Nimm Platz, willst du vielleicht mithalten?“ „Ich danke, ich habe soben gegessen.“ „Selbst wenn du hungrig wärest, würdest du dann mithalten?“ Schaft rieb die Hände an seinen Pelzhosen ab und runzelte die Stirn. „Schamai genügt eine Zwiebel und ein Topf Zichorienkaffee, aber du, Reb Abrahams Sohn! Sag’ die Wahrheit, was esset ihr zum Frühstück, Marzipan?“ „Ihr seid ja heute der reinste Plaudersack, Schamai?“ Mordechai lächelte. „Der Kummer spricht aus mir, Mordechai! Schon zweimal wollte ich nach Hause fahren und mußte umkehren! Man ist ja seines Lebens nicht sicher, man kann erschlagen werden! Der Pöbel ist wild geworden und will nicht mehr arbeiten, ist aller Bande frei und ledig! Das erinnert mich an die Geschichte, wie die Hände aufgehört haben, dem Kopf zu gehorchen, da ist eine Wirtschaft herausgekommen! Und wir haben auch eine schöne Wirtschaft, was? Der Bauer will Herr werden! Und man erzählt noch,“ er dämpfte seine Stimme, „daß unsere Leute dabei auch die Hand im Spiele haben... daß überall unsere Juden dabei sein müssen... es ist ein Unglück, ich sage dir’s! Wer von beiden auch siegt, wir zahlen in jedem Falle die Zeche. Der Bauer rebelliert, der Gutsherr rebelliert, aber wer leidet darunter? Wir! Ich muß dringend zu Hause sein und sitze da... jetzt freilich würde ich ohnedies nicht fahren, denn mit dem Rabbi steht es schlecht. „Er ist wieder krank geworden?“ — fragte Mordechai. „Es steht sehr schlecht, Mordechai... er hat keinen Blutstropfen mehr in sich... es ist sehr schlimm ...“ Mordechai stand auf und begann sofort mit dem Zweck seines Besuches: „Schamai, ich brauche die fünftausend Gulden...“ „Wer hat heutzutage eine solche Summe?“ — unterbrach ihn Schaft, erhob sich und setzte sich wieder auf das Bett. — „Ich will dir die Wahrheit sagen... aber warum stehst du, sitz’ doch! Ich habe aufgehört, Geld zu verleihen, sogar dem reichsten Gutsherrn borge ich nicht mehr! Bei diesen Zeiten, wer weiß, was morgen geschieht? Ich glaube — besser die paar Gulden nicht aus der Hand zu geben . . . Aber mit dir, siehst du, ist es natürlich etwas anderes! Dem Sohne Reb Abrahams will ich gern eine Gefälligkeit erweisen... aber nicht soviel, ich habe es wirklich nicht... mein ganzes Vermögen steckt bei den Gutsherren in den Höfen... und das Getreide ist entweder verbrannt oder verfault — natürlich, wenn der Bauer nicht arbeitet! Eine schöne Wirtschaft herrscht jetzt in Polen, eine schöne Wirtschaft; ja, was wollte ich sagen? Ja — dreitausend kann ich dir geben.“?,Meinetwegen dreitausend.“ — Mordechai war sofort einverstanden. Schamai schrieb ein paar Worte auf ein Papier und reichte es Mordechai. „Sei so gut und unterschreibe das. Es ist besser, wenn ein Schuldschein da ist...“ Mordechai las den Schein durch und zuckte lächelnd die Achseln. „Ihr gebt mir dreitausend und stellt einen Schein auf sechs aus?“

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