Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 40 (17.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229908--10559-9221579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Płock 1× ep/1048069
OCR text
120 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 40 Bruderschaft, kniete um den toten Piasecki und schrie aus Leibeskräften: „Das Schloß brennt, das Schloß brennt!“ In einem Winkel stand der alte Fuhrknecht, hielt die Maria, die dem Feuer gebietet, in der Hand, bekreuzigte sich und murmelte leise: „Ihr sündigt Kinder, ihr sündigt!“ Der Haufe hatte alles vergessen. Das Tier im Menschen war erwacht. Klein und groß erlag ihm. Flaschen mit Schnaps wurden ins Feuer geworfen; wie vergiftete Mäuse liefen die Bauern im Kreise umher, sie suchten die Mägde, und als sie sie nicht fanden, warfen sie sich auf die eigenen Schwestern. Der Gutsherr erschien im Fenster, er sprach etwas, bewegte bittend die Hände, aber niemand kümmerte sich darum, keiner hörte zu, sie schrien bloß: „Laßt ihn nicht fort!“ „Verbrennt ihn!“ „Zum Teufel mit der Schlachta!“ „Wer kommt mit zur Schenke?“ „Kommt, Chlopcy, hängen wir den Schankwirt an den Pajes auf!“ „Kommt!“ „Vorwärts!“ Mordechai stand seitwärts, blickte hilflos auf das, was ringsum geschah, was er selbst hervorgerufen hatte, und bereute. Er hatte den Glauben an die Menge verloren. Als der Name des Schankwirts sein Ohr traf, wiederholte er ihn einige Male, wollte sich an etwas erinnern; gleichgültig ging er nach der anderen Seite dem Felde zu. Der Sarg wurde emporgehoben. Die Kienfackeln flammten durch die Nacht, ihr Schein spiegelte sich in den blinkenden Sensen, die auf den Schultern schwankten. Ein tausendköpfiger Tod schien über die Wege zu schreiten und nichts als rauchende Trümmer zurückzulassen. Die Erhebung der Bauern gegen die Höfe wuchs, verbreitete sich über ganz Polen und dehnte sich über die ganze Gegend von Plozk, Siedlec und Lublin aus, so wie ein Brand sich in einem dichten, trockenen Wald ausbreitet. Die Schlachta, die sich stolz gerühmt hatte, ein „Moskal“ hätte ihre Schwelle nie überschritten, dieselbe Schlachta mußte jetzt russisches Militär zu Hilfe rufen, da sie ihres Lebens nicht sicher war, und verschanzte sich in ihi tn Schlössern und Höfen. Die russische Regierung, welche im Anfänge getan hatte, als sähe sie nicht, was in den Dörfern vorging, da sie die Feindschaft zwischen Bauern und Gutsherren vergrößern wollte, erschrak plötzlich selbst, hatte Angst, die Bewegung könnte ihren Händen entgleiten und zu groß werden, und begann die Unruhen erbarmungslos zu unterdrücken. Die Führer wurden eingekerkert. Sie schoben die Schuld auf einen zerlumpten jungen Mann, der von Dorf zu Dorf zog und die Bauern aufwiegelte. Alle hatten den jungen Mann gesehen, sie wiederholten sogar seine Reden, aber niemand wußte, wer er war, wie er hieß, woher er kam und wo er sich aufhielt. In allen Dörfern wurde er gesucht. Von den Zeugen, welche über ihn ausgefragt wurden, beschrieb ihn jeder anders. Der eine genau entgegengesetzt dem zweiten, als handelte es sich nicht um einen jungen Mann in zerlumpten Kleidern, der erst gestern in den Dörfern gewesen war und zwischen den Bauern gelebt, sondern um die Gestalt einer Legende, die hundert Jahre alt war und nun. in jeder Gegend anders fortlebte. Die Gutsherren waren überzeugt, der Aufwiegler sei ein Jude. Die Bauern bekreuzigten sich und versicherten, er sei ein guter Katholik — hatte er doch bei dem Heiligenbilde gekniet und gebetet —, und die Alten unter ihnen gaben leise der Meinung Ausdruck, es sei der Böse. Sie erzählten, wie er einmal zu einer Bäuerin in die Stube gekommen war. Die Bäuerin, welche hochschwanger war, sah, daß er Bocksfüße hatte. Vor Schreck kam sie nieder und gebar ein Kind mit Hörnern. Die Priester sprachen in ihren Predigten unaufhörlich davon, die Erlösung sei nahe, das Zeichen hierfür sei offenkundig —■ der verfluchte Antichrist gehe von Dorf zu Dorf und wiegle das Volk auf, die Bauernschaft gegen den Gutsherrn und zuvörderst gegen den Pfarrer. Das Ende Rabbi Mendeles von Kozk Zerlumpt und abgemagert kam Mordechai nach Kozk zurück. Die Trauer, welche aus seinen Augen stets geblickt hatte, war verschwunden. Sein Wesen hatte jetzt etwas Wölfisches. Die grauen Augen blickten durchdringend, dreist und mutig. Er wußte, daß er auf den Straßen und in den Dörfern gesucht wurde, wußte, daß er die Menschen meiden müsse, und kehrte doch in jeder Schenke ein. Er hatte angehört, wie man über ihn die abenteuerlichsten Geschichten erzählte, oft selbst am Gespräch teilgenommen, und einmal wäre er beinahe erschlagen worden, als er Übles von sich selbst sprach und den Bauern beweisen wollte, er sei ein Feigling, sonst wäre er nicht verschwunden und hätte sie nicht sich selbst überlassen ... (Fortsetzung folgt)