Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 40 (17.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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■' T" "■—-T———; ~/v~——r ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 39. Fortsetzung „Wir wissen es, wir wissen es“ — antworteten die Bauern und knieten nieder. „Ich will, daß ihr mir helfet, Gerechtigkeit zu erlangen.“ „Wir wollen helfen, wir wollen helfen.“ Mordechai hielt dem Toten die Trauerrede; seine innigen, einfachen Worte rissen die Menge mit, und er selbst wurde mitgerissen. Und in demselben Augenblick, da er sah, wie die Bäuerinnen schluchzten und die harten Herzen der Bauern weicher wurden, da er fühlte, eine feste Hand könnte die Bauern jetzt führen, wohin sie wollte — gerade da ertönte eine Stimme: „Zum Gutshof!“ „Vorwärts, Brüder!“ „Wir wollen den Herren unsere Löcher abtreten!“ „Und wir wollen im Schlosse wohnen!“ „Richtig!“ „Nehmt den Toten!“ „Faßt den Sarg an!“ „Vorwärts!“ „Laßt den Sarg voraus!“ „Wer ist der Fremde?“ „Ich weiß es nicht.“ „Das nenne ich sprechen!“ „Wie aus einem Buch.“ „Er redet besser als der Kaplan.“ „Nenne seinen Namen nicht!“ „Wer hat ihn erschlagen?“ „Den Piasecki?“ „Ja.“ „Ich weiß es nicht.“ „Man sagt, es sei der Herr gewesen.“ „Wir werden mit ihm abrechnen!“ „Du könntest die Hand gegen den Herrn lieben?“ „Ich nicht.“ „Ich auch nicht.“ „In der Nacht kommt ein Frost.“ „Was kümmert dich das? In deinem Schafpelz wirst du nicht erfrieren.“ „Wie ein Schwein hat der Jude gequietscht! Oj Gewalt, oj Gewalt! Er hat sich den Pelz nicht wegnehmen lassen wollen.“ „Zündet Kienspan an!“ — rief es von allen seiten. „Es ist doc-h noch Tag.“ „Anzünden, hört ihr?“ Da und dort flammte prasselnd Kienspan auf. Die Bauern gingen, die blinkenden Sensen auf den Schultern, mit gesenktem Kopfe neben dem Sarg einher. Die Prozession blieb beim Schlosse stehen, das ausgestorben schien. Ringsum herrschte tiefe Stille. Der Flaufe schrie, lärmte, rief nach dem Gutsherrn. Der Ökonom trat auf den Balkon, ein Gewehr in der Hand: „Gehet in Güte auseinander!“ „Pfui! Pfui!“ — tönte es von allen Seiten. „Mit einem Gewehr?“ „So ein Schweineschwanz!“ „So ein Schweinsohr!“ „Jagt ihn weg!“ „Wir wollen den Gutsherrn!“ „Pfui, pfui!“ Von allen Seiten flogen Steine, Flaschen, Holzstücke; ohrenbetäubendes Geschrei erhob sich. Der Gutsherr zeigte sich nicht. Aus einigen Fenstern zugleich krachten Schüsse, um den Haufen zu erschrecken. Sie drohten jeden niederzustrecken, der es wagen würde, sich dem Schlosse zu nähern. Die Wut der Menge wuchs. Ein Knecht zog den Kopf zwischen die Schultern wie einer, der sich vor Schlägen schützen will, und rannte auf das Schloß zu. Eine Kugel streckte ihn nieder. Das genügte. Die Menge warf sich vorwärts und brauste wie ein Sturm gegen das Schloß heran. Aus allen Fenstern wurde geschossen. Der Haufe blieb nicht stehen, sprang über die Gefallenen, schlug mit Hacken die Türen ein, stieg in den Keller, umringte das Schloß von allen Seiten. Aus den Kellern wurden Körbe mit Wein und Schnaps herausgeschleppt, man prügelte sich um die Flaschen, schlug die Hälse ab und trank. Das Geschrei wuchs. Jeder nahm soviel er konnte, und die, welche nichts erwischt hatten, brüllten wahnsinnig. Aus einem Keller drangen dichte Rauchschwaden mit Flammen gemengt. Der Haufe umarmte sich in wilder Freude, man trank