Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 1 3. Januar 17. Jahrgang Dr. Weizmann über die Grundlagen der Balfour-Deklaration London, 23. Dezember. (JTA.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizmann, hielt bei einem ihm zu Ehren vom Anglo Palestinian Club gegebenen Dinner, bei welchem Herr James de Rothschild den Vorsitz führte, eine Ansprache, in der er ungefähr ausführte: Ich habe gehofft, daß die Untersuchungskommission für Palästina jetzt ihre Arbeiten beendet haben wird. Das ist nun nicht der Fall; die Kommission weilt immer noch in Palästina, und so würde man es als unfair, als indiskret ansehen, wenn ich mir nicht in meiner heutigen Rede gewisse Beschränkungen auferlegen würde. Aber die von dieser Kommission zu behandelnden Punkte sind sehr eng gefaßt; sie betreffen bloß die unmittelbaren Ursachen des am 24. August entstandenen Problems. Sie berühren nicht die Fundamente der Bewegung, die uns allen hier am Herzen liegt. Und es ist vielleicht am Platze, über eben diese Fundamente ein paar Worte zu sagen. Wir haben ein Stadium erreicht, in dem es notwendig erscheint, auf diese Fundamente zurückzukommen und in der einfachsten Weise Grundlage und Ursache der viel erörterten Balfour-Deklaration darzulegen. Denn wenn auch einzig und allein die unmittelbaren Ursachen sub judice sind, so ist leider das ganze Problem wiederum zum Thema von Diskussionen in der öffentlichen Meinung Englands und anderer Länder geworden; es ist deshalb am Platze, das, was zur Balfour-Deklaration führte, in seinen Details der Öffentlichkeit in das Gedächtnis zurückzurufen. Mit einer gewissen Leichtfertigkeit wird heute gesagt, die Balfour-Deklaration sei eine Kriegsmaßnahme gewesen; eine Regierung mache Versprechungen und breche Versprechungen; und während in der Mehrzahl der Fälle eine Regierung ihre Versprechungen überhaupt nicht einlöst, habe in unserem Falle — so wurde mir gegenüber bemerkt — die Regierung mindestens 60 Prozent ihrer Versprechungen erfüllt, so daß wir keinen Grund haben, uns zu beklagen. So schwer es ist, in einem desillusionierten Zeitalter über Höheres zu sprechen, so wage ich es dennoch zu bemerken, daß damals in der Zeit des Weltkrieges, als große Ideen im Schwange waren und die Menschheit versucht hatte, Unrecht gutzumachen, die grundlegende Idee, die zur Balfour- Deklaration führte, der Wunsch war, ein an den Juden begangenes schweres Unrecht gutzumachen. Und es ist kein Zufall gewesen, daß gerade Großbritannien es war, welches diese Idee am tiefsten erfaßte; denn man liest nicht durch Jahrhunderte hindurch die Bibel, ohne von ihrer Idee durchdrungen zu werden. Und die britische Nation war durchdrungen von den Bildern und Prophezeiungen des Alten Testaments; sie hatte Verständnis für das, was sich in dem jüdischen Volke aufgehäuft hatte. Dieser Nation, den Briten, erschien die Rückkehr der Juden nach Palästina ein natürliches Phänomen. Lloyd George war es, der gesagt hat: „Die Geographie Palästinas ist mir seit meiner Kindheit vertraut.“ Lloyd George empfand es, und viele empfanden es mit ihm, daß es nur natürlich war, daß Großbritannien an der Wiedergutmachung des an den Juden begangenen Unrechts mitwirkte. Das eben war der tiefste Grund für die Deklaration; nicht ein Notbehelf, nicht eine vorübergehende Maßnahme. Diejenigen, die an der Wiedergutmachung des Unrechtes mitwirken, befaßten sich mit ewigen Dingen, mit Ideen, die fortleben werden. Die Regierung jener Zeit, obwohl in Anspruch genommen durch einen Krieg, in dem Millionen starben, befaßte sich mit diesen ewigen Dingen. Aus dem Wirbel von Blut und Gram entstieg etwas, das tiefere Bedeutung hatte. Es ist da, es besteht; mag wer immer versuchen, es zu bagatellisieren. Gegenüber der Behauptung, daß die Balfour- Deklaration eine Kriegsmaßnahme war, führte Weizmann ins Treffen, daß fünf Jahre nach Verkündung der Deklaration das Palästina-Mandat formuliert, gedruckt, erörtert, immer neu entworfen, der aufmerksamsten Prüfung nicht nur durch die britische Regierung und das britische Parlament, sondern auch durch die Regierungen der Welt unterzogen wurde. Kraft dieses Dokumentes gingen Hunderttausende von Juden nach Palästina. Dann kam San Remo, wo Lloyd George die berühmt gewordenen Worte sprach: „Wir haben Euch einen Start gegeben; an Euch nun ist es, den daran geknüpften Erwartungen zu entsprechen.“ So gingen wir an unsere Arbeit. Chaluzim wanderten über die Schneefelder von Sibirien, über die Steppen der Ukraine, über alle Straßen und Wege der Welt wanderten sie. Lloyd Georges Worte gaben uns die Chance; ermutigt durch diese Worte wanderten die Chaluzim. Sie kamen nach Palästina, legten Sümpfe trocken, brachen Steine, bauten Straßen, errichteten Dörfer, Schulen, die Universität und alles, was modern und fortschrittlich im heutigen Palästina ist. In einer sehr schweren Zeit ließen wir unsere Schätze, unsere Intelligenz nach Palästina strömen. Was für Fehler wir immer gemacht haben mögen — wir machten Fehler wie jeder andere —, die Leistung als Ganzes ist achtbar; sie behauptet sich vor der ganzen Welt; sie hat die großen jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt dazu gebracht, daß sie sich vor unserem Werke neigen; in Zürich drückte sich dieser Respekt in der Partnerschaft innerhalb der Jewish Agency aus. Auf die Erhebung in Zürich, wo uns die Vision mehr Arbeit, mehr bebauten Boden, mehr Schulen, vermehrte Bekämpfung der Krankheiten, mehr Fortschritt gezeigt hat, folgte der Windstoß aus der Wüste; eine tödliche Macht stand auf, um das niederzubrennen, was wir mit so viel Anstrengung geschaffen hatten. Das Zerstörungswerk gelang nicht, diese Macht versagte, aber sie vermochte die Fundamente zu erschüttern, auf denen unsere Arbeit aufgebaut worden ist. Ich will nicht an-