Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 49 (9.12.1921)
- Date
- 1921-12-09
- Page
- Seite 630 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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630 Das Jüdische Echo Nr. 49 gemacht worden sind, haben, so sehr sie im einzelnen gute und überraschende Erfolge gezeitigt haben, klar bewiesen, daß eine Lösung des Problems auf diese Weise und für die Kreise, für die überhaupt eine Sozialpolitik getrieben werden muß, in irgendwie erheblichem Maße nicht in Betracht kommt. Die außerordentlich erheblichen Summen, die notwendig sind, um durch Gewährung von Produktivkrediten an Einzelne oder an Genossenschaften, selbständige Handwerker oder Gewerbetreibende, zu schaffen, sind auf die Dauer und vor allen Dingen in dem erforderlichen Maßstabe nicht aufzubringen. Hingegen ist es möglich, das hat sich gezeigt, mit relativ geringen Mitteln, die wahrscheinlich sogar geringer sein dürften, als die Kosten der deutschen Arbeitsvermittlung, sehr zahlreiche Ostjuden als Arbeiter in Deutschland unterzubringen. Sehr problematisch ist ferner auch die Frage, die im Interesse einer fortschreitenden Produktivicrung der ostjüdilsehen Bevölkerung außerordentlich wichtig ist: Die Frage der Berufsumschic h t u n g. Aus den verschiedensten Gründen stößt die Beschäftigung jüdischer Lehrlinge, jüdischer, schlecht ausgebildeter Handwerker, wie sie zum größten Teil aus dem Osten kommen, bei wirklich gut ausgebildeten deutschen Handwerkern auf große Schwierigkeiten. Antisemitismus, die Notwendigkeit der Sabbatfreiheit usw. zwingen oft dazu, die Beschränkung auf die wenigen, bereits typisch „jüdischen Berufe“ aufrecht zu erhalten. Immerhin unterliegt es keinem Zweifel, daß viel getan werden kann und letzten Endes, gleichgültig, wie der zahlenmäßige Erfolg im Augenblick ist, getan werden muß. Den Übergang von der eigentlichen Sozialpolitik zur Wohlfahrtspflege bilden wohl die großen Gebiete der Beherbergung und der ärztlichen und hygienischen Fürsorge. Die Schwierigkeiten, die heute durch die Wohnungsnot, den Mangel an Arbeiterwohnungen insbesondere in Deutschland bestehen, wachsen ins Ungeheure. Sie treffen naturgemäß in erster Linie wiederum den ausländischen, insbesondere den jüdischen Arbeiter, und darum hat eine jüdische Sozialpolitik schon vom politischen Standpunkt aus, daß ein in der Tat manchmal zutreffender Vorwurf der Belegung von Wohnungen durch Ostjuden beseitigt wird, alle Ursache, dafür zu sorgen, daß Wahnmöglichkeiten, soweit irgend angängig, für ostjüdische Arbeiter geschaffen werden. Auch dile hygienischen Verhältnisse der Einwanderer sind zum größten Teil bei ihrer Einwanderung nach Deutschland außerordentlich trübe gewesen. Hier war und ist es ein Gebot einer nationalen Sozialpolitik, unbedingt für Abhilfe zu sorgen, insbesondere Einschleppung und Ausbreitung ansteckender Krankheiten zu unterbinden. Es ist bemerkenswert daß es gelungen ist, die bei den Einwanderern häufig auftretenden Hautkrankheiten völlig zu beseitigen. Eine persönliche Einwirkung aut die ostjüdische Bevölkerung wird immer, wenn sie richtig betrieben wird, Erfolg haben, da ganz zweifellos die Anpassungsfähigkeit des Ostjuden in keiner Weise geringer ist als die seiner westjüdischen Stammesgenossen. Eiine Wohlfahrtspflege, wie sie etwa für die deutsche Bevölkerung, auch für die deutsch-jüdische Bevölkerung möglich ist, ist naturgemäß durch die starke Fluktuation! der ostjüdischen Bevölkerung, Einwanderung und Rückwanderung, sehr erschwert. Sie ist aber ferner besonders schwierig dadurch, daß geeignete Helfer, geeignete Pfleger fehlen. Besondere Verhältnisse, die von der deutschen Umwelt verschiedenen Lebensbedingungen, die anders geartet kulturellen Forderungen der Ostjuden, wie z. B. ihre geringen Ansprüche an die Behaglichkeit der Wohnräume, die freilich oft zu einer starken Vernachlässigung derselben führen, all das sind Momente, die eine richtige Wohlfahrtspflege zweifellos erschweren, erschweren vor allem deswegen, weil Menschen, die einerseits Verständnis für die Psyche der Ostjuden haben, andererseits aber auch gewillt sind, moderne Forderungen der Hygiene usw. durchzuführen, selten sind. An dieser Stelle mag bemerkt werden, daß die vorstehenden Darstellungen es absichtlich vermeiden, im einzelnen auf die Arbeit hinzuweilsen, die von den jüdischen Hilfsorganisationen in sozialpol bischer und, wohlfahrtspflegerischer Hinsicht da geleistet worden ist Hier handelt es sich darum, vor allen Diimgen das Problem in großen Zügen aufzuweisen und die bestehenden Schwierigkeiten darzulegen. Faßt man kurz die Probleme der Sozialpolitik und der Wohlfahrtspflege in Deutschland zusammen, so wird man etwa auf folgende Thesen kommen: TSsuThallmcrier München Jheaänßvfar.lÖ. wlnjn ^lasQr ^Synzellanß.