Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 45 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- Seite 569 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 45 11. November 1921 8. Jahrgang Der Gruppenverbandstag in München Rückblick Von R.-A. Felix Rosenblüth, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Die zionistische Winterarbeit hat eingesetzt. Der Karlsbader Kongreß hat den Weg vorgezeichnet, den wir zu gehen haben. Es gilt, in Erez .Israel den Übergang zur produktiven Kolonisation auf breiter Grundlage zu finden. Das ist nur möglich, wenn die zionistische Organisation endlich das Stadium der finanziellen Hungersnot überwindet. Vom Gelingen oder Mißlingen dieser Aufgabe hängt in den nächsen Jahren alles ab. Sie berührt nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische und moralische Seite unserer Bewegung. So große Leistung, wie sie gefordert werden muß, erwächst nicht aus Vernunft und Überlegung, sondern aus Liebe und Begeisterung. Darum werden wir unser Ziel durch die besten technischen Hilfsmittel einer klugen Organisationsarbeit allein nicht erreichen. Die Liebe zu Zion ist die Kraft, welche die jüdische Welt bewegen muß, wenn Palästina gebaut werden soll. Sie kann nicht alle erfüllen, aber sie muß alle berühren. Alle, d. 1k auch die nichtzionistische Judenheit. Sie manifestiert sich nicht im Wort, sondern in der Leistung. Das Arbeitszioniistentum der Jugend, das Maasserzioniistentum der älteren Generation ist unsere Aufgabe und unsere Hoffnung. Mehr als die Worte und technischen Propagandamittel werden sie die Welt von der Notwendigkeit des Palästinawerkes überzeugen. Was ich auf dem Gruppenverbandstag der bayerischen Zionisten gesucht habe, war der Geist dieser Erkenntnis. Ich glaube, ihn in dem Ernst, dem Verantwortungsbewußtsein, der Disziplin aller Reden gespürt zu haben. Die Tagung, die die Energien konzentriert und gestrafft hat, war ein Erfolg. Möge sie den Geist der Weiterarbeit entscheidend bestimmt haben. Der Zionistentag in München Es gibt Zionisten, die in dieser Zeit praktischer Aufgaben das Verständnis für den Wert zionistischer Tagungen verloren haben. Die Zeit des Kongreßzionismus sei zu Ende, sagt man, die Entscheidungen fallen nicht mehr in der Diaspora, sondern in Palästina. Das ist nur bedingt richtig. So sicher das Schicksal des jüdischen Volkes und der zionistischen Bewegung von dem Erfolg oder Mißerfolg in Erez Jsrael abhängt, so gewiß ist Erez Jsrael auf den Erfolg zionistischer Arbeit in der Diaspora angewiesen, die dem Lande das Nötigste: Menschen und Geld geben muß. Unsere Tagungen haben Sinn und Inhalt gewandelt; sie sind heute mehr als der Rahmen für eine Heerschau oder eine Aussprache über Richtung und Ziel der Bewegung; sie dienen weniger der Agitation als ehedem, ohne dadurch weniger werbekräftig zu werden, sie vermitteln wie früher gesteigerte jüdische Anteilnahme, hochgespanntes jüdisches Lebensgefühl, ohne darin im wesentlichen ihre Bedeutung zu erschöpfen. Der Zionismus beeinflußt heute die Realitäten des jüdischen Lebens in Palästina und im Galuth; er will Wirkliches schaffen und muß sich die Mittel zur Einwirkung auf die Wirklichkeit beschaffen. Unser zunehmendes Geldbedürfnis ist Beweis unserer zunehmenden politischen Wirksamkeit, unserer politischen Ernsthaftigkeit; kindisch, wer annähme, Macht irgendwo in der Welt von diplomatischen Dokumenten borgen zu können, ohne durch eigene Arbeit und Hingabe die Chance des diplomatischen Erfolges gesichert zu haben. Der Deklarationsjubel war berechtigt: er galt der Möglichkeit, unter wesentlich verhinderten äußeren Schwierigkeiten an den Aufbau Palästinas zu gehen. Die ins Ungemessene gesteigerte Hoffnung auf Unterstützung anderer, auf weitere diplomatische Erfolge, die alle Hemmnisse besiegen und recht eigentlich das jüdische Palästina schaffen würden, — eine Anschauung, die nie von der Leitung, häufig vom zionistischen Publikum geteilt wurde — war ein Beweis politischer Unreife, eine zionistische Kinderkrankheit Die Schaffung des Keren Hajessod, die Aussprache auf dem Kongreß, die Bewilligung eines notdürftig ausreichenden, aber unseren Möglichkeiten entsprechenden Budgets waren Zeichen der Gesundung, ebenso wie die Einstellung der Jugend im Galuth auf Palästina, die Arbeit beruflich vorbereiteter Chaluzim im Lande. Die Ernsthaftigkeit, mit der die LandesorganiJsationen an die Ausführung der Kongreßbeschlüsse gehen, mit der die Zionistische Vereinigung für Deutschland die Arbeit angreift, ist eine gewisse Gewähr für den Erfolg. Betrachtet man, so die zionistische Lage, erkennt man, daß alles darauf ankommt, wirkliche Macht zu gewinnen, um Tatsachen zu schaffen, die Wirklichkeit in unserem Sinne zu gestalten, so erkennt man, in welchem Maße zionistische Organisation, Arbeit in der Diaspora, Aufbau Palästinas gleichwertige Faktoren zur Erreichung unserer Ziele sind, wie sehr eines vom anderen abhängig ist. Auf unsere Verhältnisse in Deutschland angewandt: ohne starke, leistungsfähige zionistische Organisation in Deutschland kein Geld für den Keren Hajessod, keine Möglichkeit ausreichender Förderung der * Chaluzbewegung, Schmälerung der Mittel für laufende Ausgaben und für konstruktive Tätigkeit in Erez Jsrael — also schwere Schädigung der Palästinasache, möglicherweise gefährliche Beeinträchtigung des endlichen Erfolges. Die Tagung des Gruppenverbandes bekam ihre Bedeutung dadurch, daß dies erkannt wurde und daß solche Erkenntnis die Verhandlungen leitete. Die Zionisten Bayerns und Württembergs fühlen sich, das zeigte der Gruppenverbandstag, mitver-