Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 44 (4.11.1921)
- Date
- 1921-11-04
- Page
- Seite 558 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103024-9215938--04425-9195986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
558 Das Jüdische Echo Nr. 44 Dem Zionistentag zur Begrüßung Am 5. und 6. November hat der Zionistische Gruppenverband für Bayern und Württemberg einen Zionisten tag nach München einberufen. Wir Münchener Zionisten freuen uns, daß Freunde und Gesinnungsgenossen sich in größerer Zahl in unserer Stadt zu ihren Beratungen zusammen fin de n wer den. Wohl in jedem von uns erwacht dabei die Erinnerung daran, daß die Gründer der zionistischen Bewegung dereinst die Absicht hatten, den ersten Kongreß nach München einzuberufen. Die Führer der Münchener Judenheit haben sich damals dem Plane widersetzt und München ist um die historische Rolle gebracht worden, die es in der Geschichte der jüdischen Bewegung zu spielen berufen war. Die großen zionistischen Weltkongresse haben dann in Basel und London, in Haag und Hamburg, in Wien und zuletzt in Karlsbad stattgefunden. Auch die Delegiertentage der deutschen Zionisten haben bisher niemals in München getagt. Nun wollen sich hier die Vertreter der zionistischen Gruppen aus Bayern und aus unserem Nachbarland Württemberg zu einer Aussprache zusammenfinden. — Durch die Ereignisse des Weltkrieges, die ßalfour-Deklaration, die Beschlüsse von San Rerno, die Anerkennung des Zionistischen Programms und der zionistischen Leitung im Mandatsvertrag des Völkerbundes hat die zionistische Bewegung eine ganz andere Grundlage erhalten. Sie darf sich nicht mehr, wie früher, damit begnügen, zu zeigen, was sie will; sie muß beweisen, was sie kann. Der Karlsbader Kongreß hat die Richtlinien der zionistischen Arbeit für die kommende Zeit festgelegt. Nun gilt es, diese Arbeit aufzunehmen. Der Judenheit der Diaspora erwächst die große Aufgabe, am Werk des Wiederaufbaues des jüdischen Palästina mit allen Kräften mitzuarbeiten, mit ihren geistigen, moralischen und ihren materiellen Mitteln. „Der Zionismus ist keine Partei.“ Dies Wort Herzls gilt heute, wo die praktische Aufbauarbeit beginnt, mehr noch, als zu der Zeit, in der es der große Führer gesprochen. Wiir wollen die Arbeit nicht als „Parteisache“ behandeln. An alle Juden geht unser Ruf! Die Zionistentagung in München wird, so hoffen wir, zahlreiche jüdische Mitbürger, die unserer Bewegung fernstanden, veranlassen, zu uns zu kommen und sich zu unterrichten über das, was wir wollen. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, den wir herzlich hiermit begrüßen, wird am Vorabend der Tagung die allgemeinen Ziele unserer Bewegung und die Aufgaben der Gegenwart beleuchten. — Am Sonntag finden dann die Verhandlungen des Gruppenverbandstages statt. Wir hoffen und wünschen, daß von ihnen eine fruchtbare Anregung ausgehen wird für unsere Arbeit im Innern und nach außen hin. Dr. Elias Straus Nach zwei Jahren Tätigkeitsbericht des Gruppenverbandssekretariiats Der Zionstische Gruppenverband für Bayern und Württemberg gibt sich Rechenschaft übeir Erfolge und Mißerfolge, nachdem er seit nunmehr zwei Jahren das Sekretariat in Nürnberg besitzt. Eine Darstellung des Erreichten mag daher auch an dieser Stelle berechtigt sein; die prinzipielle Auseinandersetzung über Arbeit, Arbeitsmethoden und Arbeitsmöglichkeit gehört dagegen vor den Gruppen,verbandstag und wird dort Gegenstand eines Referates werden.— Die Arbeit der zionistischen Organisation in Bayern und Württemberg zeitigte nie sehr günstige Ergebnisse; vor dem Kriege gab es einige nicht sehr große Ortsgruppen und als das Sekretariat iim Jahre 1919 seine Tätigkeit aufnahm, war außer in München und Nürnberg das zionistische Leben so ziemlich erloschen. Freilich lagen und liegen die Verhältnisse in unserem Bezirk besonders ungünstig. — In Bayern und Württemberg leben 56 000 Juden; aber diese gewiß nicht unbeträchtliche Zahl verteilt, sich auf eine sehr erhebliche Menge von Orten; wenigen Groß gemeinden stehen einige mittlere und sehr viele kleine und kleinste Gemeinden gegenüber. Diese starke örtliche Differenzierung bedingt eiine geringe Einheitlichkeit der jüdischen Bevölkerung in iihren Anschauungen, ihrer wirtschaftlichen, sozialen, geistigen und religiösen Stellung. Es gibt das typische Judentum der großen Städte, aber es gibt auch ein Judentum der Dörfer und Marktflecken, das seit Generationen unter den Bauern und mit den Bauern lebt. Große Teile dieses Judentums sind daher überraschend bodenständig; die Leute führen die Namen der Orte, aus denen sie stammen und fühlen sich dem Lande, das sie seit Generationen trägt, selbstverständlich verbunden. — Das süddeutsche Judentum ist selbst in, innerlich entjudeten Kreisen pietätvoller, dem Überlieferten anhänglicher, religiös weniger indifferent, als das norddeutsche. Aber es ist oft eine wenig jüdische Art der Religiosität und es ist ganz bezeichnend, daß es für die Färbung der jüdischen Orthodoxie in Bayern nicht gleichgültig ist, ob ihre Vertreter in evangelischen oder katholischen Gegenden wohnen. Daß sich eine so geartete Bevölkerung dein Eindringen neuer Menschen und Ideen, gegenüber sehr zurückhaltend verhalten muß, wird einleuchten. Vielleicht nirgends besteht eine so tiefe Kluft zwischen dem eingesessenen Westjudentum und den eingewanderten Ostjuden wite hier, und auch der norddeutsche Jude wird nicht ohne Mißtrauen empfangen. Der Zionismus vollends fand gar keinen Boden; man bekämpfte ihn nicht ingrimmig wie in Berlin oder Frankfurt; aber man konnte und wollte ihn nicht verstehen; er galt für Menschen einer anderen Welt, und man ging an ihm vorbei. Da kam der Antisemitismus und überfiel mit ungeheurer Plötzlichkeit und Brutalität Menschen, die seit Generationen wenig mehr vom Judenhaß gespürt hatten. Zuerst waren Verwirrung und Bestürzung fast komisch. Dann aber begann man sich zu besinnen und nach innen und außen umzugruppieren. Noch weiß man nicht recht, was man tun soll und wohin man gehört; aber schon zeigt sich häufig ein lebendigeres jüdisches Interesse, das mehr als nur die Reaktion auf den Angriff von außen ist.... üode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise V. Brauns Cie., MOnchen Meuhaueeratr. 151, gegenüber der alten Akademie Nport