Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 42 (21.10.1921)
- Date
- 1921-10-21
- Page
- Seite 532 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Das Jüdische Echo Nr. 42 zugängig gemacht vviird. Darüber hinaus wird dieses Material im Interesse der Flüchtlinge bei den zentralen Behörden verwandt. Nur so, auf Grund der genauen Kenntnis der Sachlage und der Wirkungen etwa beabsichtigter Bestimmungen ist es möglich, die Regierung bei ihren Entschlüssen und Maßnahmen, die direkt oder indirekt ostjüdische Arbeiter in Deutschland betreffen, durch gutachtliche Äußerungen zu unterstützen. Der Flüchtling selbst wird nicht mehr wähl- und ziellos von einem Ort zum anderen geschoben, ein Verfahren, das sich an sich schon durch die ungeheure Erhöhung der Fahrpreise verbieten sollte, aber leider von einzelnen Gemeinden immer noch geübt wird, sondern er wird durch die vom Arbeiterfürsorgeamt unterhaltenen oder von ihm subventionierten Institutionen so lange am Orte festgehalten, bis die Möglichkeit eines Einsatzes an produktiver Stelle für ihn vorhanden ist. So ist die Kategorie der „Wanderarmen“ fast völlig zum Verschwinden gebracht worden, zum Segen der ostjüdischen Flüchtlinge selbst, die nicht mehr als Schnorrer betrachtet werden können, sondern von allen, die siie kennen, als ehrlich arbeitendes Element geachtet werden. Mit Hilfe der vom American Joint Distribution Committee zur Verfügung gestellten Gelder sind Einrichtungen geschaffen worden, die es ermöglichen, wie oben erwähnt, den Flüchtling längere Zeit am Orte zu belassen, wie u. a. in der bereits mehrfach genannten Herberge des jüdischen Flüchtlingsheimes im alten Asyl des Berliner Asylvereins, ferner in Baracken im Industriebezirk als Arbeiterwohnungen. Große Anstrengungen der deutschen Juden heit werden notwendig sein, um, wenn die vom American Joint Distribution Committee zur Verfügung gestellten Subventionen ausbleiben, das Hilfswerk aufrecht zu erhalten. Diie deutsche Judenheit wird sich, daran zweifeln wir nicht, dieser Aufgabe nicht entziehen, deren Lösung, wenn sie im bisherigen Sinne geschieht, dem Interesse des Staates und der deutschen Judenheit nicht minder dient als dem der ostjüdischen Flüchtlinge. Die Enttäuschung. Wir haben, solange es ging, von den Verhältnissen der Ostjudenheit in Deutschland geschwiegen. Wir sahen unsere Brüder bedroht und wollten ihre Stellung nicht erschweren. Aber berechtigte Zurückhaltung wird zur falschen Scham, Schweigen zum Verschweigen, wenn dadurch verderbliche, Zustände gedeckt oder verdeckt werden. Als Tausende jüdischer Soldaten in Galizien, Polen und Rußland das Ostjudentum entdeckten, als Tausende jüdischer Arbeiter aus diesen Gebieten auf Befehl der Obersten Heeresleitung nach Deutschland deportiert wurden, als die Katastrophe im Osten zahlreiche jüdische Flüchtlinge über die Grenze spülte, da erwarteten viele, daß dies ungeheure Unglück ein Glück für die entwurzelte deutsche Judenheit sein würde. Ja die Besten standen erschüttert vor diesen Trümmern eines ihnen äußerlich fremden, innerlich vertrauten Volkes, dessen eigenartige Kultur, dessen Geistigkeit und ungeheure Vitalität ihnen überwältigend zu Bewußtsein kam. Nur so erklärt sich jene Begeisterung, jene Aufnahmefreudigkeit, diie lange allem Ostjüdiischem gegenüber bestand. Damals errangen sich Perez, Scholem Alechem und andere die Beachtung der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit, damals erschienen in deutschen Verlagsanstalten Sagen und Legenden des jüdischen Volkes. Nicht nur Snobismus, nicht nur Augenblicksrausch begeisterte sich iin jenen Tagen für jüdische Volkslieder, nicht nur Sentimentalität oder Romantik fand Geschmack an den Judenköpfen Strucks und den Hagadaiillustrationen Budkos, nicht nur sensationslüsterne Literaten oder Ästheten mühten sich um die jüdische Mystik und die Ekstasen des Chassidismus. Man nehme doch wieder einmal gute Zeitschriften aus jener Zeit, den „Juden“, „Ost und West“, die „Neuen Jüdischen Monatshefte“ zur Hand und, man wird erkennen, welche jüdischen, menschlichen und politischen Möglichkeiten in wenigen Monaten verloren gegangen sind. Gewiß standen schon damals die „Offiziellen“, die Masse der jüdischen Deutschen all dem unwillig und uninteressiert gegenüber. Aber auf die kam und kommt es ebensowenig an, wie auf die Deklarationszionisten oder die Novembersozialisten, die heute so und morgen oder übermorgen anders können. Die Jungen, die Schöpferischen, die Tätigen und Nachdenklichen waren ergriffen, die Träger jüdischen Geistes und jüdischen Willens waren bereit zu lernen und zu lieben. Damals hätte die Brücke zwischen Ost und West geschlagen werden können. Eine Synthese zwischen dem starken Judentum des Ostens und der Fülle und der Organisationskraft des Westens: welche Perspektive, welche Möglichkeiten! Vielleicht waren sie der älteren Generation verschlossen.; dann war es Sache der Jugend, danach zu streben. — Es entstand das jüdische Volksheim in Berlin; aber es blieb nach kurzem Aufschwung hier und anderswo beim Versuch. Gewiß trifft schwere Schuld an solchem Scheitern die deutschen Juden, auch die Nationaljuden, auch die Zionisten. Aber das wesentliche Verschulden tragen als die jüdisch Stärkeren die Ostjuden. — Wir wissen wohl, daß Elend ein schlechter Lehrmeister des Gemeinsinns ist, daß 8 L. Kielleuthner kgl. bayer. 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