Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 7 (17.2.1933)
- Date
- 1933-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erschelnungszeit: Jeden Freitat:. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — BczugsDreif Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aatlleferung des „Jfldischen Echot“: München. PlinganseritraBe Nr. 64. I N H Ä L T : Bemerkungen — Politische Beratung der Reichsvertretung der deutschen Juden — \X orte Hitlers 50Jahre Bne Briss-Orden in Deutschland - Aus der jüdischen Welt — Personalia — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Dl? vlergetpaltene Millimeter-Zelle 20 Rpf. / Famlllen- Anzelgen Ermfißlgung/Anzelgen- Annahme: Verlag des J d 1leben Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 7 München, 17. Februar 1933 20. Jahrgang Bemerkungen Beschwichtigungsversuch Es ist interessant und kennzeichnend für die gegenwärtige Lage in Deutschland, daß die deutsche Reichsregierung, die es wohl ablehnen würde zu deutschen Juden über ihre Absichten und Pläne in bezug auf jüdische Dinge zu sprechen, der jüdischen Auslandspresse eine beschwichtigende Erklärung abgegeben hat. Da nach der Bildung des Kabinetts Hitler sich begreiflicherweise der Juden aller Länder größte Unruhe bemächtigt hatte, beauftragte das New-Yorker Jewish Morning Journal seinen Berliner Korrespondenten, an zuständiger Regierungsstelle eine Auskunft über die Absichten der Regierung in bezug auf Judenpolitik einzuholen. Der Korrespondent berichtet seinem Blatt, daß er von Legationsrat von Puttlitz im Auswärtigen Amt empfangen wurde, der ihn nach Beratung mit den zuständigen Stellen zur Weitergabe folgender Erklärung ermächtigte: „Uni die Befürchtungen der ausländischen Juden bezüglich des Schicksals der Juden in Deutschland zu beruhigen, wird erklärt, daß das neue deutsche Kabinett Frieden und Ordnung für alle deutschen Bürger zu sichern bestrebt ist und nicht die Absicht hat, sich auf unvernünftige Experimente einzulassen.“ Dieselbe Erklärung veröffentlicht auch der Londoner „Jewish Ghronicle“, der ebenso wie die anderen jüdischen Zeitungen der Lage in Deutschland einen großen 'Feil seines Platzes einräumt. Ob auf diesen offensichtlichen Beschwichtigungsversuch hin jemand auf den Gedanken kommt, es sei alles in schönster Ordnung und es sei gar nicht nötig, sich über die jüdischen Angelegenheiten in Deutschland Sorge zu machen, muß sehr dahingestellt bleiben. Dazu ist ja an und für sich die von der Erklärung gewählte Formulierung zu vieldeutig. Wer nur einigermaßen die Entwicklung in Deutschland verfolgt, wird allermindestens feststellen müssen, daß unter dem Begriff Experiment sehr verschiedenartige Dinge verstanden werden und daß etwa einer Richtung nicht einmal ein Experiment zu bedeuten scheint, was der anderen bereits vollendeter Umsturz ist. Außerdem gibt es ja auch genügend Beispiele dafür, daß die Erklärungen der Regierung, auch wenn sie gut und ehrlich gemeint sind, nicht unter allen Umständen maßgebend zu sein brauchen. Die Erklärungen der heutigen Regierung sind es offenbar nicht einmal für ihre nächste Anhängerschaft. An anderer Stelle des Blattes sind eine Reihe von Berichten wiedergegeben, aus denen sich ergibt, daß Nationalsozialisten auf eigene Faust für uns Juden sehr beträchtliche und spürbare Experimente unternehmen, während uns bisher noch nicht gemeldet wurde, daß die Regierung besondere Anstrengungen für Frieden und Ordnung gemacht hätte. Es ist ja auch keineswegs verwunderlich, daß die jahrelange antisemitische Propaganda des jetzigen Reichskanzlers seine Schüler und Anhänger zum Glauben bringt, es könne ihnen nicht viel geschehen, wenn sie jetzt die Zügel schießen lassen. Der reale Wert der Erklärung scheint also alles andere als groß und es wäre bedauerlich, wenn die Juden im Vertrauen auf sie das Gefühl für ihre wirkliche Situation verlieren würden. Trotzdem bleibt sie bemerkenswert, ist sie doch ein Beweis dafür, daß es keiner deutschen Regierung gleichgültig sein kann, wie man im Ausland über sie denkt und auf sie reagiert, nicht einmal einer Regierung Hitler. Im Rahmen der öffentlichen Meinung des Auslandes sind aber auch die jüdischen Stimmen nicht ohne Gewicht - man darf nicht darauf hoffen, daß diese Tatsache allein uns vor Experimenten bewahren könnte, aber zu übersehen ist sie nicht. Aufregung Daß Beschwichtigungsversuche wirklich nur für das Ausland bestimmt sind und daß namentlich vor der Wahl der Antisemitismus wieder einmal als Hauptpropagandamittel der jetzigen größten Regierungspartei herhalten muß, ist mittlerweile ganz klar geworden. Einige flagrante Beispiele seien indessen doch wiedergegeben. Der „Angriff“ berichtet über die Presse-Notverordnung unter der riesigen flammenden Überschrift „Den Hetzjuden das Handwerk gelegt“. Was verschlägts, daß im Text des Artikels von .Juden nicht die Rede ist? Die Fanfare dieser Überschrift haftet im Gedächtnis der Anhänger und aus dieser Giftsaat geht die Ernte auf. Bei einer Tagung „des Kampfbundes für deutsche Kultur“ in Berlin, bei der auch der neue Kultusminister Dr. Rust eine Ansprache hielt, erklärte —■ gemäß „Angriff“ — der Vorsitzende der Versammlung, Hinkel, trotz der Ernennung von Rust zum Kultusminister und Johst zum Staatstheater- Intendanten sei die Aufgabe des Kampfbundes'noch nicht erfüllt. „Der Kampf gehe weiter bis zur vollständigen Ausrottung des Kulturbolschewismus in Deutschland. ln der bildenden Kunst müsse gegen die Liebermänner, in der Architektur gegen die Laubhütten-Baumeister, im Theater gegen das Ausländertum und Starsystem Front gemacht werden. Die Theaterkonzessionen werden sorgfältig nachzuprüfen sein, damit in Zukunft Fälle wie der Rotter-Skandal unmöglich sind.“