Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 3 (20.1.1933)
- Date
- 1933-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugsnreis* Jährlich: RM. 8.-. halbjährlich: RM. 4.-. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ..Jüdischen Echos": München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H Ä L T : Ein Standard-Werk der jüdischen Arbeitshilfe. Gut Neuendorf — Deutsche Revisionisten gegen den Spruch des Ehrengerichts — Beilegung des Falls Cohn — Aus der jüdischen Welt — Neue Bücher — Personalia — Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die vlergespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf. / Famllien- Anzelgen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J ■ «lisch e n Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 3 München, 20. Januar 1933 20. Jahrgang Ein Standard-Werk der jüdischen Ärbeltshilfe. Gut Neuendorf Berlin, 16. Januar. (JTA.) Vertreter des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Mitglieder des Vorstandes «und der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde Berlin, Vertreter des Central-Vereins, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, verschiedener anderer jüdischer Körperschaften und jüdische soziale Fürsorger und Fürsorgerinnen in großer Zahl haben am Sonntag, dem 15. Januar, nachmittags, 'einer Einladung der Jüdischen Arbeitshilfe (Gemeinnütziger Verein zur Errichtung jüdischer Wanderarbeitsstätten und Arbeiterkolonien E. V.) folgend, dem Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree einen Besuch abgestattet. Dieser Besuch wurde allen Teilnehmern zu einem tiefen Erlebnis. Landwerk Neuendorf ist die erste jüdische Arbeiterkolonie. Sie wurde im Juli 1932 mit Hilfe des Wohlfahrtsministeriums, des Preußischen Landesverbandes und der anderen Landesverbände jüdischer Gemeinden von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge errichtet. Ursprünglich war der Plan verfolgt worden, eine Arbeiterkolonie in der Art der Bodelschwingschen Heime für wandernde und durch langdauernde Arbeitslosigkeit asozial gewordene Juden zu errichten. Infolge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, der Hinausstoßung vieler junger Juden aus dem Arbeitsprozeß, haben sich die Aufgaben der Jüdischen Arbedtshilfe erweitert: In der nunmehr im Landwerk Neuendorf errichteten Arbeiterkolonie werden durchaus nicht nur Asoziale aufgenommen, sondern langfristige Erwerbslose jeder Art, vor allem Jugendliche, denen im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes in Neuendorf Gelegenheit gegeben ist, wenigstens für die gesetzlich festgelegten 20 Wochen des F. A. D. wieder Arbeit zu verrichten und ein geregeltes Leben zu führen. Da es den jungen Leuten sehr schwer wird, sich von der Arbeit im Landwerk Neuendorf zu trennen und es sich gezeigt hat, daß es möglich ist, bei einer längeren Frist diese jungen Leute in landwirtschaftlicher und handwerklicher Arbeit so zu vervollkommnen, daß sie eine Grundlage für zukünftige Betätigung erhalten, sind Bestrebungen im Gange, die Aufenthaltsfrist auf 40 Wochen zu verlängern. Heute sind etwa 60 jüdische Erwerbslose im Landwerk Neuendorf in den verschiedensten Berufszweigen tätig; diese Zahl soll in aller Kürze erheblich vergrößert werden. Landwerk Neuendorf ist ein landwirtschaftliches Gut im Umfange von 1500 Morgen Landes, davon 1200 Morgen Acker- und Gartenland und 300 Morgen Waldbestand, mit schönem schloßartig erbautem Herrenhaus, geräumigen Nebengebäuden und reichem landwirtschaftlichen (toten und lebendigen) Inventar, das für weit mehr als die jetzigen Insassen Arbeitsgelegenheit bietet und so ausgestattet werden soll, daß es den Anforderungen der jüdischen Erwerbslosenfürsorge einigermaßen gerecht wird. Landwerk Neuendorf wurde vom Verein „Jüdische Arbeitshilfe“ für 15 Jahre mit Vorkaufsrecht gepachtet. Die Führung durch das Werk übernahm der Verwalter des Gutes, Herr Moch, der mit seiner Gattin gewissermaßen Elternstelle bei den hier arbeitenden jungen Leuten vertritt. Aufklärungen an die Gäste gaben außerdem noch der Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden Dr. Friedrich Ollendorff und Repräsentant Wilhelm Markus. Auch die jungen Insassen des Landwerks waren freudig dabei, den Gästen mit Aufklärungen über die einzelnen Zweige der Arbeit zu dienen. Die Besucher hatten Gelegenheit, die Vorbereitungsarbeiten zu neuen Gartenanlagen, die Felder, die verschiedenen Handwerksstätten, die vollbesetzten Vieh- und Pferdeställe, die Jungviehställe, die Schlafsäle und Einzelwohnräume, die Lese- und Aufenthaltsräume u. v. a. zu besichtigen, und nahmen zum Schluß gemeinsam mit den jungen Neuendorf-Insassen im Herrenhaus den Kaffee ein. Alfred Berger begrüßte im Namen der Jüdischen Arbeitshilfe die Gäste, insbesondere den Vertreter der Bodelschwingschen Heime Pastor Braune und Frau Paula Ollendorff (Breslau), die soeben von ihrer Amerikareise zurückgekehrt ist, und gab dann eine Darstellung der Gründungsgeschichte der Kolonie Neuendorf, der Ziele der Jüdischen Arbeitshilfe und der Ausblicke für die Zukunft. Der Sprecher des Rates des Landesverbandes Dipl.- Ing. Bruno Woda schilderte die Beweggründe, die den Landesverband bewogen haben, das Werk zu unterstützen, und hob insbesondere die Verdienste von Dr. Kreutzberger, sowie Herrn und Frau Moch um die Organisierung des Werkes hervor. Für dieses Werk sind die von jeder Parteiüberzeugung unabhängigen sozialen Gesichtspunkte maßgebend. Die etwa 60 jungen Leute, die im Land werk untergebracht sind, sind zu einem Drittel handwerklich Vorgebildete, zu einem Drittel kaufmännische Angestellte, zu einem Drittel ungelernte Arbeiter. Die jungen Leute bilden eine Arbeitsgemeinschaft und bestimmen selbst die Formen ihrer Arbeit nach