Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 20 (1933)
- Issue
- 2 (15.1.1933)
- Date
- 1933-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugsoreis: Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—, vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rof. I Verlag, Aaslieferung des ,,Jüdischen Echos": München. PllnganserstraBe Nr. 64. N H ALT: Die Quellen der palästinensischen Hochkonjunktur — Sitzung des Landesvorstandes der Z.V.f.D. — Der revisionistische Sonderverband suspendiert — Professor Dr. Moritz Sobernheim gestorben — Aus der jüdischen Welt — Feuilleton — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die vierg«spalten« Millimeter-Zeile JO Rpf. I Famllien- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J d 1schen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München J987 Nr. 2 München, 13. Januar 1933 20. Jahrgang Die Quellen der palästinensischen Hochkonjunktur Die Tatsache, daß eine Hochkonjunktur in Palästina gerade jetzt während einer Periode verschärfter und langandauernder Krisis der Weltwirtschaft besteht, fordert zu einer Analyse der jetzt in der palästinensischen Wirtschaft wirkenden Faktoren heraus. Diese Behauptung muß allerdings in einer Hinsicht stark eingeschränkt werden. Die hier gemeinte wirtschaftliche Entwicklung betrifft hauotsächlich den jüdischen Sektor der palästinensischen Wirtschaft, während die Rückwirkungen auf die Fellaclienbevölkerung durch die Dürre und den allgemeinen Niedergang der primitiven Getreidewirtschaft neutralisiert wurden. Trotzdem ist die Tatsache der Hochkonjunktur an sich wohl unwiderlegbar. Der oberflächliche Find nick im tagtäglichen Leben, als auch die statistische Untersuchung bestätigen ihr Vorhandensein. Die schnelle Erweiterung der Baubewegung und der Pflanzungen, die gesteigerte Tätigkeit der industriellen Unternehmungen im Jahre 1931, der gewaltig gesteigerte Verbrauch an elektrischem Strom, die erhöhte Produktion in vielen Zweigen der Wirtschaft, die Besserung der Handelsbilanz und die relativ geringe Anzahl von Aibeitslosen sind die offensichtlichen Symptome dieser relativen „Prosperity“. Auf die Tatsache der Hochkonjunktur selbst wurde übrigens mehrmals hingewiesen in der Rede des lligh Commissioner, im Wirtschaftsbericht von Preuß-Nemirovsky, und es erscheint daher jetzt geboten, die Faktoren, die sich in dieser Richtung auswirken, sowie die Kräfte, die das wirtschaftliche Leben in Palästina befruchten und es bis jetzt von den schweren Folgen der Krisis bewahrt haben, zu untersuchen. Der offensichtlichste und meistbetonte Faktor ist die schnelle Kapitalisierung des Landes. Der Zufluß jüdischen Kapitals ins Land ist durch die Lage der jüdischen Wirtschaftspositionen in der Galuth bedingt. Das jüdische Kapital ist überall sozusagen am Rande der Volkswirtschaft investiert und befindet sich deshalb in einer besonders prekären und unsicheren Situation. Die normale und au sich progressive Entwicklung in der Volkswirtschaft verschiedener Länder, wie der kooperative Handel in Polen, das hochkapitalistische „chain stores“ (Kettenläden)- System und die Konzentrierung des Handels in den Vereinigten Staaten usw. haben das Wirkungsfeld des jüdischen Kapitals beträchtlich eingeschränkt. Dazu kommen noch die Erschütterungen des Wirtschaftslebens in allen Ländern infolge der Weltkrisis, die den Prozeß der Verdrängung des jüdischen Kapitals verschärft und beschleunigt haben. Weiter haben die politischen Ereignisse in Deutschland und den osteuropäischen Ländern, sowie die Verfolgungen der jüdischen Minderheiten eine spezifisch politische Krisis des jüdischen Kapitals verursacht und es zur Auswanderung gezwungen. Die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Europa und Amerika hat weiter zu dem von Hobson und Heynes analysierten Phänomen der Hyperakkumulation geführt. Die Summe des jährlich akkumulierten Kapitals übersteigt weit die der jährlichen Investitionen, was eine Senkung des Zinsfußes zur Folge hat. Palästina hat einen für die gegenwärtige Periode außerordentlich hohen Zinsfuß und deshalb eine besondere Anziehungskraft für das Kapital. Dazu kommt die fast vollständige Steuerfreiheit des Kapitals, die an sich eine negative Erscheinung darstellen mag, aber auf das Kapital heute anziehend wirkt. Diese Umstände haben Palästina zu einem Lande der Absorption für jüdisches Kapital gemacht und die Kapitalisierung des Landes beschleunigt. Die unmittelbare und vorgesehene (bis zur Ertragsperiode) Investition des Kapitals in Pflanzungen stellt sich im letzten Jahre auf 1 700 000 Pfund. Die Bautätigkeit in Tel Awiw allein absorbierte in der ersten Hälfte 1932 über 200 000 Pfund, die Depositen in den Banken akkumulieren in gewaltig beschleunigtem Tempo. Der größte Feil dieses Kapitals kommt vom Auslande. Die Zahl der Kapitalisten-Immigranten nach Palästina (die über 1000 Pfund besitzen) betrug in der ersten Hälfte der letzten drei Jahre in 1930 64 (die 64 Kapitalisten-Immigranten in der ersten Hälfte von 1930 umfassen in den ersten zwei Monaten auch solche, die über ein Kapital von 500 Pfund verfügen), in 1931: 104, in 1932: 256. Selbstverständlich läßt sich jedoch eine Hochkonjunktur in einem Lande und eine relative Immunität von der Weltwirtschaftskrise nicht durch den Zufluß von Kapital allein erklären. Wir müssen andere Faktoren in Betracht ziehen, die sich in dieser Richtung auswirken können. Einei' dieser Faktoren ist zweifellos der Fall des Pfundes. Palästina hat im gegenwärtigen