Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 53 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitac. B e z u g : Durch die Postanstaiten oder den Verlae„ — Bez«s:sDrei*- Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. / Verlag, Aa*~ lieferung des „Jüdischen Echos“: München. Plinganserttraße Nr. 64. I N H Ä L T : Der Mann aus Syrerland — Die Söhne der Makkabäer — Dr. Weizmann über die hebräische Universität und ihre Zukunft — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. I Famillen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J I d 1- »chen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3087 Nr. 53 München, 30. Dezember 1932 19. Jahrgang Der Mann aus Syrerland Wer erinnert sich nicht aus seiner Schulzeit an den Mann aus Syrerland, der sein Kamel am Halsband nachschleppt, von dem plötzlich wildgewordenen Tier verfolgt, in einen Brunnenschacht flüchtet, an einem Strauch hängen bleibt, an dessen Wurzeln eine weiße und eine schwarze Maus nagen, so daß der Mann den sicheren Absturz in den Abgrund erwarten muß. Trotzdem aber vergißt der Unglücksrabe alle Gefahren und nascht von den Beerefl, die er an den Zweigen des Strauches entdeckt hat. Rührend naiv ist die Moral der Geschichte, daß jener komische Mann aus Syrerland eigentlich identisch ist mit jedem von uns. An den Mann aus dem Syrerland muß man denken, wenn man sich die Situation der Juden in der ganzen Welt und besonders in Deutschland und das Verhalten der jüdischen Gemeinschaften und wiederum besonders in Deutschland vor Augen hält. Die jüdische Gemeinschaft ist fast überall von einer ihre Grundlagen erschütternden ökonomischpolitischen Krise bedroht. In vielen Ländern nimmt diese latente Gefahr akute Formen an. Der Verdi ängungs- und Vernichtungsprozeß gegen die Juden äußert sich entweder in leisem Geknabber des stillen Antisemitismus oder in lautem Knirschen des gefräßigen Judenhasses. Zersetzungserscheinungen umfangreicher Art — Mischehe, Flucht aus der Gemeinde, Judentaufe usw. — treten immer krasser in Erscheinung. In den Ländern Westeuropas nimmt die Zahl der Juden, weit über den allgemeinen Bevölkerungsrückgang hinaus, rapid ab- Diese Erscheinung, seit Jahrzehnten wirksam, ist bisher durch die Zuwanderung von Juden aus Osteuropa kaschiert worden. Nun, da aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ein Nachschub von osteuropäischen Juden und osteuropäischem Judentum nicht mehr erfolgen kann, zeichnen sich Zersetzungserscheinungen im Gesicht der westeuropäischen Judenheiten immer stärker ab. Wenn man diese Tendenzen weiter fortwirken läßt, so ist der Sturz in den Abgrund, d. h. in eine fast vollständige Dekomposition unausbleiblich. Wohl gibt es eine Strömung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die eine Zusammenfassung und Wiedergeburt propagiert und schon allerorts beträchtliche Erfolge zu verzeichnen hat, aber diese Bewegung erfaßt, man soll sich darüber nicht täuschen, nur einen geringen Prozentsatz der jüdischen Gemeinschaft. Man kann, um bei einem in den gegenwärtigen Krisenzeiten vertrauten Gleichnis ein Gegenstück zu finden, sagen, daß die Judenheiten in vielen Ländern sich in einem Zustande der Liquidation befinden und daß im Wege eines Ausgleichsverfahrens ein Teil der Substanz erhalten bleibt. Dieser Teil ist quotenmäßig sehr gering. Die Vermögensmasse als solche scheint verloren zu sein. Nun kann man ja sagen, daß es in der jüdischen Geschichte stets ein Auf und Ab gegeben hat und daß diese Erscheinung der Zersetzung und der Minderung der jüdischen Substanz nicht neu ist. Uns scheint jedoch, daß ein Vergleich mit früheren Jahrhunderten in dieser Beziehung nicht ohne weiteres gezogen werden kann, denn in früheren Epochen stand den Zersetzungstendenzen der Umwelt und den Vernichtungsfaktoren der herrschenden Verhältnisse ein geschlossener Kern mit intransigenter jüdischer Lebensführung gegenüber. Heute jedoch stellen auch diejenigen Kreise, welche bewußt eine Konzentration und Wiedergeburt des Judentums betreiben, zunächst nur einen Kern dar, der willensmäßig zu einem intransigenten Judentum tendiert, vorläufig aber sich kaum von den anderen jüdischen Schichten unterscheidet. So sieht in großen Zügen die Situation der Judenheit in der Diaspora aus, wobei prinzipiell die gleichen Gesetze für alle jüdischen Gemeinschaften in den verschiedenen Ländern wirksam zu sein scheinen, obwohl, statisch gesehen, Unterschiede in dem Habitus und der Struktur der einzelnen jüdischen Gemeinschaften festgestellt werden können. Diese Unterschiede sind jedoch, wenn man sich der Mühe einer gründlichen soziologischen Untersuchung unterzieht, nur zeitlicher und nicht grundsätzlicher Art. Die Gesetzmäßigkeit der Entwicklung läßt sich am besten in Deutschland, dem Zwischenlande von Ost und West, und sozusagen der Stätte des jüdischen Durchschnittstypus der heutigen Diaspora, feststellen. Es ist schon oft betont worden, daß prinzipiell in Deutschand das Schicksal des Diaspora-Judentums entschieden wird. Denn nirgends sind alle möglichen Formen der Lösung der Judenfrage in der Galuth ideologisch und praktisch so scharf herausgearbeitet worden wie in Deutschland- Und nirgends ist der Bankrott dieser Bemühungen, Diaspora und Normalisierung des Judedaseins in Einklang zu bringen, so scharf in die Augen springend wie gerade in Deutschland. Von dieser Erkenntnis schienen in den letzten Monaten alle Schichten des deutschen Judentums, mit Ausnahme der unbelehrbaren Eigenbrödler um Max Naumann, gestreift zu sein. Wir erlebten im Jahre 1932 zum ersten Male nach langen Jahren im deutschen Judentum eine Art von Not- und Schicksalsgemeinschaft, die sich nicht nur in der Praxis manifestierte, sondern zu einer gemeinsamen theoretischen Beurteilung der jüdischen Situation zu verdichten schien. Die breite, den überwiegenden Teil des deutschen Volkes umfassende anti- oder ajüdi-