Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — BezugSDreisjährlich: Rif. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ..Jüdischen Echos": München. PlinganserstraBe Nr. 64. I N H L T Jüdische Gegenwart, jüdisches Schicksal — Ein Palästinabrief — Finanznot der jüdischen Gemeinde Berlin — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Buchbesprechung Spenden-Ausweis Anzeigen: Die vlergespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Pllnganserstraße 64 / Telephon 73664/6B Postscheck - Konto: München 2987 Nr. 52 München, 23. Dezember 1932 19. Jahrgang Jüdische Gegenwart, jüdisches Schicksal Statt einer Chanukkahbetrachtung Eingeladen von der Jesaja-Loge und dem Jüdischen Jugendheim sprach am Donnerstag, 15. Dezember, im überfüllten Saale des Kunstgewerbehatises Dr. Josef Kastein über das Thema: „J ii d i s che Geg e n w a r t, j ii d i - sch es Sch icksa 1.“ Der Redner ging davon aus, daß die Stellung, die ein Volk zu den Zeitbegriffen einnimmt, seinen Charakter deutlich sichtbar werden läßt. Es gibt Völker, für die nur die Gegenwart bedeutsam ist (zu ihnen gehören die Deutschen). Andere, bei denen alles Vergangene und Gegenwärtige vor dem Zukuuftsgedanken untergeht (zu diesen gehören die Russen). Und wieder andere, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichwertig nebeneinander stehen, in denen also die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt und nur als Übergang in die Zukunft bewertet wird — ihr vornehmster Repräsentant sind die Juden. Während der Deutsche die Erklärung für eine quälende Gegenwart in einer feindlichen Umwelt sucht, sieht der Jude die tiefste Ursache seines Schicksals in sich selbst. Umgeben von einem panisch verängstigten Heidentum hat er ein ordnendes Prinzip aus sich herausgestellt. Die Frage, wie der Jude heute auf sein Schicksal reagiert, ist allerdings nicht aus dem tiefsten Sinn des Judentums heraus zu entscheiden. Sie setzt eine zweite Frage voraus: Will der heutige Jude sich sein Schicksal noch selbst bereiten? Die Gegenwart der großen Masse der heutigen Juden ist ebenso zweckbelastet und ohne Ausweg wie das Leben der anderen. In diesem Zusammenhang polemisierte Kastein gegen den historischen Materialismus bei Marx und die Scheinlösung, die ein großer feil der jüdischen Jugend in seiner Lehre findet. Das Judentum hat vom Sinai her die blee über die Wirklichkeit gestellt und die Realitäten der feststehenden Grundidee anzupassen gesucht, jede wirkende Idee braucht aber einen Lebensraum, um sich in ein Geschehen umzusetzen. Dieser Lebensraum fohlt den heutigen Juden. Kastein brach diesen Gedanken, den er später wieder aufnahm, hier ab und gab eine kurze Analyse der Zeit und der wesentlichen Zeitideen. Die jetzige Krisis charakterisiert er als eine Krisis der Gesinnungen, nicht als Krisis der Wirtschaft. Neu aufbauend und in die Zukunft wirkend sind allein die Ideen, die auf das Kollektiv gerichtet sind. Auch für Juden liegt nur im bewußten Anschluß an Gemeinschaften die Möglichkeit zu einer neuen Lebensgestaltung. Der Gemeinschaftsraum, dem sich der — seine individualistische Einstellung verlassende — Jude eingliedert, kann ein dreifacher sein: Der Jude kann durch bewaißte Assimilation an die Ulmveit völlig aus dem Judentum herausgehen, er kann als „Randjade“ leben, oder bewußt an der Gestaltung einer neuen jüdischen Gemeinschaft mitarbeiten. Gegenüber denjenigen, die in der Umwelt aufgehen wollen, muß die jüdische Gemeinschaft die Kraft aufbringen, die Trennung ohne jedes Ressentiment zu vollziehen. Als „Randjuden“ bezeiehnete Kasteiu die Masse der Juden, die in ihrem täglichen Lehen der Umgehung ganz angepaßt sind und mehr dem Namen nach als der Wirklichkeit nach Juden bleiben. Ls ist falsch, wenn sie dies Beharren als „Treue“ bezeichnen, denn Treue setzt Willen und Klarheit voraus. Der Randjude bedeutet für das Judentum eine Gefahr, weil er die jüdische Idee verfälscht: sein Restbestand an Judentum wird für das Ganze ausgegeben. Der Randjude ist für die jüdische Gemeinschaft Gegner und Objekt der Werbung; Gegner insoweit er die jüdische Idee verfälscht und dies nicht wahr haben will; Objekt der Werbung, weil es Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft ist, ihn zu einer klaren Entscheidung zu bringen. Im wahren Judentum steht zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv das Prinzip der freiwilligen Dienstbarkeit. Das dynamische Bewegtsein, der AVille sondert den Volljuden vom Randjuden — nicht immer die Wirklichkeit seines Tuns. Aus dem Rostbestand, den das heutige Judentum darstellt, ein volles Judentum zu machen, die jüdische Historie im Sinne der Ideen fortzusetzen, von denen sie seit ihren Uranfängen getragen war — dies ist die Entscheidung, der jeder Jude unserer Zeit sich zu stellen hat. Wer sich privat trennt vom Judentum, muß verstehen, daß das Judentum sich von ihm trennt. Kastein schloß mit den Worten: eine alte prophetische Verheißung begleitet die jüdische Geschichte: Schlear j aschuw — ein Rest wird immer bleiben.