Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Fr ei tat. Bezug : Durch die Postanstaiten oder den Verlag,—Bezugspreis' Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 3.—. Einzelnummer 20Rpf. / Verlag, Auslieferung des „Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H Ä L T : Bemerkungen — Palästina entwickelt sich selbständig — Germanischer Dreh — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins- Echo — Geschäftliches Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Famiiien- Anzeigen Ermäßlgung/Anzelgen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/6S Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 45 München, 4. November 1932 19. Jahrgang Bemerkungen Zu den Reichstagswahlen Staatsbürgerliche und jüdische Pflicht erfordern, daß jeder deutsche wahlberechtigte Jude airr 6. November seine Stimme in die Wagschale der Entscheidung werfe. Wir haben uns mehrmals mit der politischen Situation der deutschen Juden befaßt und hierbei zum Ausdruck gebracht, daß die politische Entwicklung den Juden nur einen sehr geringen Spielraum bei der Auswahl der Parteien läßt, die für sie in Frage kommen. Man kann keine generelle Anweisung geben, welche Partei ein Jude wählen soll, man kann nur mit allem Nachdruck wiederholen, daß jeder Jude bei seiner Stimmabgabe der Tatsache seines Judeseins sich bewußt sei und als Jude würdig und ehrenhaft Vorgehen. Daraus folgt, daß keine jüdische Stimme weder direkt noch indirekt einer antisemitischen Partei zugute kommen darf. Programmatisch judenfeindliche Parteien werden von den Juden nicht gewählt werden. Es ist darauf zu achten, daß auch solche Richtungen keine Unterstützung erfahren, die mit judenfeindlichen Parteien in Listenverbindung stehen. Unsere Wahlparole lautet: Keine jüdische Stimme den Judenfeinden! Studentenunruhen Die Universitäten beginnen ihr Wintersemester und so prompt wie im Frühjahr die Vögel, stellen sich .auch in Wien und sonstigen Universitäten Studentenunruhen ein, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als rohe und feige antisemitische Exzesse. Möglich sind sie nur dort, wo sie anstatt verhütet, getadelt oder verfolgt zu werden, mit einer gewissen Sympathie der Universitätsbehörden rechnen können, das ist vor allem offensichtlich in Wien so, wo der derzeitige Rektor diesen Ausschreitungen gegenüber sich tatsächlich skandalös verhält. In der vorigen Woche wurde berichtet, daß der Rektor, Herr Prof. Abel, zwar eine Deputation jüdischer Studenten empfing, aber nachher sich nicht einmal bemüßigt fühlte, dafür zu sorgen, daßi diese ungehindert das Haus verlassen konnte, während er selbst sich durch eine Rotte randalierender Studenten hindurch entfernte. Bei den Kravallen der vorigen Woche hat sich ein Vorfall ereignet, der ein eigenartiges Licht auf die Situation der Juden wirft und in mehr als einer Hinsicht bezeichnend ist für den äußerst fragwürdigen Charakter der Rechte, die gegenwärtig die Juden genießen. Es wurden nämlich an der Universität vier amerikanisch-jüdische und an der Hochschule für Welthandel rumänisch-jüdische Studenten verletzt. Der amerikanische Gesandte intervenierte beim Unterrichtsminister und der Rektor mußte sich wegen der Vorfälle entschuldigen; eine Intervention des rumänischen Gesandten wurde in Aussicht gestellt und dürfte mittlerweile wohl erfolgt sein. Daraufhin sind dann einige Maßnahmen erfolgt, die erwarten lassen, daß sich die Kravalle nicht wiederholen werden. So hat sich der groteske Zustand herausgebildet, daß Juden in dem Lande, dem sie angehören, am wenigsten geschützt sind — während die amerikanisch jüdischen Studenten bei ihren diplomatischen Vertretern Schutz und Zuflucht finden, hat das Recht der inländischen kaum einen Fürsprecher. Aber erst am Falle der rumänischen Studenten, die im eigenen Lande zu einem außerordentlich geringen Teil zur Hochschule zugelassen werden und auch dort oft genug Exzessen ausgesetzt sind, wird klar, wie entwürdigend und beschämend dies alles ist, — nicht für uns Juden, aber für die europäische Kultur der Gegenwart. Fünfzehn Jahre Balfourdeklaration Seit dem 2. November 1917, dem Tage an dem Lord Balfour, der damalige englische Außenminister die später nach ihm benannte Deklaration über die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk dem Lord Walter Rothschild übermittelte, sind jetzt 15 Jahre vergangen. In diesem Zeitraum haben sich ungeheure Umwälzungen ereignet und viele andere Deklarationen sind ergangen — und vergessen. Man hat seitdem gelernt, daß nicht alles, was schriftlich fixiert wird, in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann und die deutschen Juden erleben gerade jetzt ein erschütterndes Beispiel, wie wenig sogar eine feierlich angenommene, bekräftigte und beschworene Verfassung in der Realität Bestand hat, wenn sie nicht materiell fest unterbaut und durch greifbare und spürbare Macht verankert ist. Wenn man im Hinblick auf diese Erfahrungen die Frage stellt: wie steht es mit der Verwirklichung der Balfourdeklaration, so muß man zugeben, daß sie stärker und voller realisiert und konkretisiert werden konnte als vieles andere, mit dem sie zu vergleichen wäre (Minoritätenrecht, Abrüstung). Und dies trotzdem im Laufe dieser halben Generation andere Männer an die Stelle Balfours getreten waren, trotzdem England die hochgespannten jüdischen Hoffnungen enttäuscht und vielfach nicht einmal die faire Chance gegeben hat, die aus der Balfour-Deklaration zum allermindesten abgeleitet werden mußte und durfte. Die englische Politik hat wohl immer Verständnis für die in der Balfour-Deklaration niedergelegten Richtlinien gehabt; von der englischen Beamtenschaft und dem Militär,