Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 37 (9.9.1932)
- Date
- 1932-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erschelnungszeit: Jeden Frelta«. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis; Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. / Verlag, Auslieferung des ..Jüdischen Echos“: München. PlinganserstraBe Nr. 64. I N H H L T : Sicherheit — Auftakt zum Frankfurter Delegiertentag der Z. V. f. D. Der Weltkongreß der Zionisten-Revisionisten — Aus der jüdischen Welt — Personalia — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Aus weis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung /Anzeigen- Annahme: Verlag des J ■ d 1schen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/68 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 37 München, 9. September 1932 19. Jahrgang Sicherheit Wenn man, noch vor wenigen Jahren, Juden in der Diaspora, besonders in Westeuropa, klar machen wollte, daß die einzig rationelle jüdische Politik, für die Volksgesamtheit wie auch für viele einzelne, die Einstellung auf Palästina ist, da erscholl regelmäßig der Einwand: „Ja aber... wissen Sie, die wirtschaftlichen Verhältnisse drüben sind viel zu eng und zu unsicher“ oder der Einwand lautete: „Ja aber... wissen Sie, von den Arabern möchte ich nicht totgeschlagen werden!“ Nun weiß man, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse auch hierzulande unsicher sind, und was öffentliche Ruhe und Ordnung in bezug auf Juden bedeutet, wissen wir zur Genüge. Trotzdem will das Gerede von der Unsicherheit in Palästina nicht aufhören. Immer wieder erscheinen in den jüdischen Zeitungen Nachrichten über Zwischenfälle in Palästina. Da hat man ein paar Bäume ausgerissen, dort haben sich einige Beduinen mit jüdischen Kolonisten herumgeprügelt. Die Nachrichten erscheinen groß gedruckt und mit fetten Überschriften und erwecken in dem unbefangenen Leser den Eindruck, daß Palästina ein ganz besonders unruhiges Land ist, in dem zur Zeit die Sicherheit von Leben und Eigentum noch sehr problematisch ist. Nun kann keineswegs geleugnet werden, daß die politischen Spannungen in Palästina noch nicht beseitigt sind und daß allerhand Kräfte bemüht sind, sie zur Entladung zu bringen. Aber es ist falsch, die Sache nun so darzustellen, als ob drüben „Unsicherheit“ herrsche, als ob man sozusagen auf Schritt und Tritt auf einen Überfall gefaßt sein müßte. Nichts ist verkehrter als eine solche Meinung. Tatsächlich ist Palästina auch in bezug auf die persönliche Sicherheit des einzelnen und sein Eigentum heute weit besser daran als die meisten anderen Länder der Welt. In einem Punkte unterscheidet sich Palästina von Grund aus von der übrigen Welt: es leidet unter einem Übermaß von Berichterstattung und Berichterstattern. Wie liegen die Dinge? Natürlich hat jede jüdische Zeitung, auch die kleinste, einen eigenen Korrespondenten in Palästina. Aber auch die großen nichtjüdischen Tageszeitungen leisten sich trotz der schlechten Zeiten den Luxus, gerade in Palästina ihre Sonderkorrespondenten zu haben. Palästina ist eben besonders interessant. Das Mutterland dreier Religionen, das „Heilige Land“, genießt eine weit größere Aufmerksamkeit als seiner Größe zukommt. Und daß es den Juden das wichtigste aller Länder der ganzen Welt darstellt, ist ja nur natürlich. Aber für den armen Zeitungskorrespondenten liegt die Sache ganz anders. Er muß berichten, seine ganze Existenz hängt davon ab, daß er seinem Blatte Nachrichten aus Palästina schickt. Aber leider passiert ungeheuer wenig in diesem ganz normalen Ländchen, genau so wenig, wie in einem anderen Bezirk, der nicht größer ist als — sagen wir — Belgien. Politisch ist nicht viel zu berichten, den Frenchbericht hat man schon ausgeschlachtet so gut es geht und wird ihn weiter behandeln, der Waad Leuni tagt einmal im Jahre und seine Verhandlungen — gestehen wir es — sind zwar für Palästina ganz wichtig und interessant, aber sie liegen doch weit ab vom Interessenkreis des Durchschnittslesers in Europa. Mehr als einen knappen Artikel darüber wird kein Redakteur einer noch so zionistischen Zeitung seinem Korrespondenten erlauben. Also was noch? Purim in Tel Aviv ist einmal im Jahre, die Levante- Messe findet gar nur alle zwei Jahre und die Makkabiade, Gott soll bewahren, nur alle vier Jahre statt. Der arme Korrespondent ringt seinen Füllfederhalter. Wenn er nicht mindestens zweimal im Monat telegraphiert und nicht jede Woche mindestens einen sensationellen Artikel schreibt, setzt er seine Existenz aufs Spiel. Hungrig durchschweifen seine Augen die „Kleinen Nachrichten“ der palästinensischen Presse. Gott sei Dank, ich habs! Ein paar halbverhungerte Beduinen haben ihre Herden auf jüdisches Gebiet getrieben und es hat eine kleine Schlägerei gegeben. Das kommt in der ganzen Welt vor und in diesem wasserarmen Jahre in Palästina etwas öfter als sonst. Niemand im Lande regt sich darüber auf, sowie sich in Polen niemand darüber aufregt, wenn ein paar Zigeuner beim Felddiebstahl ertappt und verprügelt werden. Für unseren Korrespondenten ist es die Rettung. Her mit dem Telegrammformular und schon wird die Nachricht an seine heimische Redaktion gefunkt: Blutiger Beduinenüberfall auf eine jüdische Kolonie. Und wenn Gott einmal kein Vater ist und er beim besten Willen keine Unruhe über Unruhen in Palästina verbreiten kann, so setzt der Korrespondent sich hin und schreibt einen Artikel über all die „Überfälle“, die er so getreulich telegraphiert hat und verarbeitet sie noch einmal und noch einmal zu einem Artikel gegen die Regierung oder gegen die Executive und vor allem gegen Honorar. Es liegt Gefahr in diesem System. Nicht nur deshalb, weil es in der Galuthjudenheit ein vollkommen unrichtiges Bild von den Sicherheitsverhältnissen in Palästina erweckt. Was bedeuten denn wirklich alle diese „Überfälle“ in einer Zeit, wo in Deutschland die tägliche Mordstatistik die Zahl 10 überschritten hat und wo in der ganzen Welt Eigentumsvergehen und Gewaltverbrechen