Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erschelnunzszett: Jeden Frettac. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: jährlich: RM. 8.-. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aislieferung des „Jüdischen Echos“: München, Plinganserstraße Nr. 64. INHAL Und die weiteren Aussichten? — Ausbreitung des Nationalsozialistischen Guerillakrieges in Deutschland — Vorarbeiten zur Schaffung eines Reichsverbandes der deutschen Juden — Die Beschlüsse des zion. Aktions-Komitees und des Administrative Comittee derJ.A. — Eröffnung der jüd. Weltkonf. in Genf — Aus der jüdischenWelt — Juden in der Hitlerversammlung — Gemeindenu. Vereins-Echo Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Farailien- Anzeigen Ermäßigung /Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 34 München, 19. August 1932 19. Jahrgang Und die weiteren Aussichten? Was heute in Deutschland vorgeht, empfinden jeder Nichtjude und jeder Jude in ihrer Weise. Während fast 50 Prozent des deutschen Volkes mit der Entwicklung der Dinge einverstanden sind (ein Teil dieser 50 Prozent als Tolerierende), fragen sich die deutschen Juden, was weiter werden wird. Es ist daher angebracht, noch einmal dem Sinn des 31. Juli nachzuspüren. An diesem Tage hat die nationalsozialistische Propaganda ihren größten Erfolg in den Reihen der Jugend gehabt. Die neue Generation, die verwirrt und ohne Perspektive Augenzeuge und Leidtragende des Versagens der heutigen Zustände und der Wirtschaft ist, treibt eine tiefere Sehnsucht dorthin, wo man diesen Spuk zu verjagen und eine neue Ordnung zu schaffen verspricht, nach links und rechts. Daß der Zuzug nach rechts zu den Nationalsozialisten dabei ein weitaus stärkerer ist, hängt wohl damit zusammen, daß man hier viel mehr Verständnis für eine Reihe von Imponderabilien besitzt, die auch dem jungen Menschen im Zeitalter der Sachlichkeit noch gar manches bedeuten. Mag sich das Blatt auch wenden, das Zurückfluten der nationalsozialistischen Welle wird viel länger dauern als ihr Anstieg. Es wäre ein Fehler, wollte man die Erfolge der nationalsozialistischen Bewegung allein aus ihrem antisemitischen Charakter erklären, wiewohl in dem offiziellen Kommentar zum Nazi-Programm der Satz steht: „Der Antisemitismus ist der gefühlsmäßige Unterbau unserer Bewegung.“ Der Antisemitismus ist aber trotzdem nur eine der zahlreichen Komponenten, die erst in ihrem Zusammenwirkenden rasenden Aufstieg des Hakenkreuzes ermöglichten. Als geschickte Regisseure einer Massenbewegung schlagen die Nazi-Propagandisten nur dort an die antisemitische Saite, wo ein analoges Mitschwingen im Zuhörerkreis zu erwarten ist: bei den Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden, die noch eine jüdische Konkurrenz kennen oder wenigstens in frischer Erinnerung haben, in den weniger verarmten Schichten des Mittelstandes und der freien Berufe; auch dem Bauer kann man noch häufig mit Erfolg einreden, daß an seiner mißlichen Lage der Jude schuld sei. In weiten Schichten der deutschen Bevölkerung schlägt aber bereits auch diese Argumentation nicht mehr ein, man muß hier nun Kapitalismus sagen, wo sonst noch das Wörtchen Jude genügt und mit neuen Argumenten und Mitteln der Propaganda aufwarten. Für den nichtjüdischen Beurteiler und Gegner des Nationalsozialismus spielt — wir konnten uns davon in den letzten Tagen mit ihrem Hin und Her überzeugen — dessen Antisemitismus keine Entscheidende Rolle. Die Nichtjuden betrachten den Kampf, der sich da in Deutschland abspielt, von einer anderen Warte aus und überblicken dabei meist größere Fronten, so daß ihnen einzelne Plänkeleien — und nur als solche erscheinen ihm die antijüdischen Ausschreitungen ■— oftmals als unerheblich und nicht der Rede wert erscheinen. So hat im Anschluß an die nach Amerika übertragene Rundfunkansprache des Reichskanzlers Papen über den neuen Kurs in Deutschland der Berliner Korrespondent der Hearst-Presse einige Sätze ins Mikrophon gesprochen, darunter die folgenden: „Daß Deutschland durch Judenverfolgungen zum Mittelalter zurückkehren würde, glaube ich nicht. Ich habe mit Hitler hierüber viele Male gesprochen. Es ist bemerkenswert, daß er bei seinem Wahlfeldzug, wie mir gesagt wird, selbst nicht ein einziges mal gegen die Juden losgezogen ist.“ Diese englisch gesprochenen Sätze wurden bezeichnenderweise nicht ebenso wie die Ansprache des Herrn von Papen ins Deutsche übersetzt, denn dann hätten, wie mit Recht angenommen wurde, die Anhänger Hitlers Gelegenheit gehabt, ihren Führer zu fragen, was er zu dem Versuch sage, den antisemitischen Charakter der Nationalsozialistischen Partei zu bagatellisieren oder gar wegzudisputieren. Aber es kommt ja heute gar nicht mehr darauf an, ob Hitler die Juden in seinen Reden ignoriert und Straßer großmütig auf Pogrome größeren Stils verzichtet. Die nationalsozialistische Propaganda hat Jahre hindurch den Antisemitismus in einem Maße hochgezüchtet, daß der Erfolg noch auf lange Sicht auch ohne weiteres Zutun seines Urhebers fortwirken wird. Die Atmosphäre, in der die deutschen Juden leben müssen, ist unerträglich geworden; die Aussichten auf eine Besserung in absehbarer Zeit sind ziemlich trüb. Gewiß, auch Hitler-Minister werden manchmal nicht wieder zu erkennen sein. Es wird vielleicht gar nicht so arg sein, hört man bereits schüchtern von manchem einwenden. Ach nein, man wird wahrscheinlich auch ohne „Nacht der langen Messer“ sein Auslangen finden — wenngleich die Ereignisse auch diese Art der Machtergreifung als durchaus möglich erscheinen lassen —, man wird nicht gleich alle Juden per Schub aus dem Dritten Reich entfernen, auf die Auferstehung des gelben Fleck verzichten, vielleicht auch nicht einmal verfassungsrechtlich an der Stellung der Juden rütteln —, man wird sogar höfliche Beruhigungen in die Welt versenden,