Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 27 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Auslieferung des ,,Jüdischen Echos": München, Plinganserstraße Nr. 64. I N H fl L T : Fafalismusoder Selbstschutz? — Nationalsozialistisches Gesetzgebungsvorspiel — Aus der jüdischen Welt — Buchbesprechung — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famlllen- Anzelgen Ermäßigung/Anzelgen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München, Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 27 München, 1. Juli 1932 19. Jahrgang Fatalismus oder Selbstschutz? Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland durchlebt gegenwärtig tragische Stunden. Der Kampf um die menschliche und wirtschaftliche Existenz, geschweige denn um die Gleichberechtigung und Gleichgeltung in Staat und Gesellschaft, ist in das entscheidende Stadium getreten. Allmählich hat man sich daran gewöhnt, täglich in hunderten von Zeitungen und Publikationen bei jeder Gelegenheit und zuletzt auch in den Vertrelungskörpern der Gemeinden und der Staaten von berufsmäßigen Antisemiten verdächtigt, verhöhnt, angepöbelt und bedroht zu werden. Man ist in einen Zustand hineingeschliddert, in welchem man sich bereits an die grauenhafte Situation gewöhnt hat, wie ein Wilder innerhalb von zivilisierten Menschen betrachtet und leider auch behandelt zu werden. Noch sind die Einrichtungen im Reiche und in den einzelnen Ländern entweder überhaupt nicht oder nicht ganz den unerbittlichen Judenfeinden ausgeliefert. Aber kein Mensch vermag vorauszusehen, wann auf gesetzlichem oder ungesetzlichem Wege der berufsmäßige Judenhaß alle Machtmittel der Gesetzgebung und Verwaltung beherrschen und mit ihnen den seit Jahren gepredigten Ausrottungskampf gegen die jüdische Gemeinschaft in die Wirklichkeit umsetzen wird. Auf jüdischer Seite herrscht eine Stimmung, als ob all diese Dinge, deren Zeitgenossen und Opfer die Juden sind, noch nicht den Gipfelpunkt der Prüfungen und des Unglücks darstellen würden. Vor einigen Jahren war in einer Berliner Wochenschrift ein satirischer Aufsatz zu lesen, „Herr Wendriner richtet sich ein“. Dort wurde in krasser und paradoxer Form gezeigt, wie der typische Herr Wendriner sich auf den „Boden der Tatsachen“ ohne inneren Protest gestellt hat und wie sich Herr Wendriner der Hoffnung hingibt, daß man auch unter den veränderten Bedingungen des „Dritten Reiches“ existieren und unter Umständen auch Geschäfte zu machen vermag. Wir sind weit entfernt davon zu behaupten, daß die Juden in Deutschland oder auch nur ein geringer Teil der jüdischen Gemeinschaft in ihrer faktischen oder seelischen Haltung Herrn Wendriner gleichen. Aber wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, so herrscht auf jüdischer Seite die Überzeugung, man solle die Dinge an sich herankommen lassen und dann werde man schon sehen, was unter den gegebenen Umständen getan werden kann. Am unsympatischen Herrn Wendriner ist nur eine einzige Eigenschaft zu bejahen, nämlich sein Optimismus. Alles andere aber, auch seine Kalkulation, man werde sich schon irgendwie einrichten und vielleicht Geschäfte machen können, ist durchaus irrig. Auch wir sind der Ansicht, daß noch nicht aller Tage abend ist und daß die Vernichlungspläne der Judenhasser noch weil von ihrer restlosen Verwirklichung entfernt sind und überhaupt nicht verwirklicht werden können. Aber andererseits geben wir uns nicht der Selbsttäuschung hin, daß man im „Dritten Reiche“, sollte es einmal aufgerichtet werden, noch irgendwie als aufrechter und anständiger Mensch, als bewußter Jude wird ruhig atmen können. Es ist wahr, daß wir Juden in Deutschland leider nicht über genügend Machtmittel und Einfluß verfügen, um den Ablauf der Dinge bestimmend zu beeinflussen. Es ist ferner richtig, daß der konzentrische Angriff der Judenfeinde in der gegenwärtigen Lage eine jüdische Gemeinschaft trifft, welche in jeder Beziehung geschwächt ist. Noch vor wenigen ' Jahren konnten die Judenfeinde mit einem gewissen Recht behaupten und wir Juden andererseits mit einer gewissen Beruhigung feststellen, daß das jüdische Element in Deutschland in Positionen stand und über Machtmittel verfügte, die es den Judenfeinden nur sehr schwer machen konnten, im Handumdrehen den jüdischen Widerstand zu brechen und die jüdische Gemeinschaft völlig wehrlos zu machen. Heute sind der tatsächliche Einfluß und die Macht der jüdischen Gemeinschaft gebrochen. Die jüdischen Finanzmagnalen und Wirlschaflsl (ihrer sind bis auf ganz geringe Ausnahmen aus ihren Stellungen verdrängt und ein Opfer der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Die Bedeutung der großen sogenannten „judenliberalen Presse“ ist fast ganz verschwunden. Ihr Einfluß auf die öffentliche Meinung ist gleich Null. Nicht ein,und die jüdisch-bürgerlichen Kreise, die als Abonnenten und Inserenten das Rückgrat dieser Presse darstellen, nehmen das noch ernst, was in jenen Gazetten gesagt und vertreten wird. Die großen jüdischen Theaterdirektoren und Künstler, die noch vor wenigen Jahren eine prominente Stellung in der Öffentlichkeit eingenommen haben, sind heute entweder ein Opfer der Wirtschaftskrise, der geänderten seelischen und geistigen Struktur des deutschen Volkes oder des antijüdischen Boykotts geworden. Die große Angriffsfläche, welche die Juden noch vor wenigen Jahren der antisemitischen Kritik und Verhetzung geboten haben, ist heule sehr klein. Wenn man also auch zugeben muß, daß die jüdische Gemeinschaft gegenwärtig viel schwächer zur Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe geworden ist, so darf man andererseits aber nicht in den Glauben verfallen, als ob man unter allen Umständen ein wehrloses Opfer all der Bedrohungen und Gefährdungen sein muß, die sich vor der jüdischen Gemeinschaft erheben.