Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 26 (24.1.1932)
- Date
- 1932-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erschetnuneszett: Jeden Freita*. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis; jährlich: RM. 8.-. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2—. Einzelnummer 20 Rpf. / Verlag, Auslieferung des ,,Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H R L T : Gemeindefrieden in Berlin — Etat der jüdischen Gemeinde Berlin 1932 — Aus der jüdischen Welt — Buchbesprechung — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung /Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 26 München, 24. Juni 1932 19. Jahrgang Gemelndefrieden in Berlin Am 1C>. d. M. bot die Sitzung der Berliner Gemeinderepräsentanz ein in den letzten Jahren unwohntes Bild'. Die zwei großen Lager, die liberale Mehrheit und die Vertreter der Jüdischen Volkspartei, bemühten sich geflissentlich, über die vergangenen schweren Kämpfe Vergessenheit zu breiten und einander an Entgegenkommen zu iiberbieten. Seit der Übernahme der Gemeindeverwaltung durch die neue liberale Mehrheit hat es in der Berliner Gemeindestube nicht so viel Harmonie und Friedfertigkeit gegeben, wie in der letzten Sitzung. Die Vorgeschichte dieser Entwicklung verdient noch einmal rekapituliert zu werden. Am 14'. September 1930 errangen die Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl einen Stimmenzuwachs von 800 Prozent. Die Konsternation der bis dahin von der liberalen Presse in Sicherheit gewiegten jüdischen Bevölkerung Deutschlands war unbeschreiblich. Am 30. November 1930 fanden die Wahlen in die Berliner Jüdische Gemeinde statt. Sie vollzogen sich von liberaler Seite aus unter dem Schlagworle „Gegen Zionisten und Ostjuden“. Eine Wahlbeteiligung, wie sie innerhalb des deutschen Judentums noch niemals vorgekommen war, verschaffte den Liberalen eine starke Mehrheit. Nach mehreren Monaten, während welcher Wahlproleste der unterlegenen Richtungen liefen, übernahm die liberale Majorität die Herrschaft in der Berliner Gemeinde. Entsprechend den Parolen des Wahlkampfes versuchte nun die liberale Mehrheit, mit größter Rücksichtslosigkeit den Gegnern, unter deren Führung die Berliner Jüdische Gemeinde in den Jahren 1927—1930 eine erfreuliche Entwicklung genommen hatte, zu beweisen, daß nunmehr die Anschauungen der liberalen Scharfmacher die einzig gültigen zu sein hätten. Auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltung, im Schulwesen, in der Personalpolitik, im Verhältnis zu allgemein jüdischen Angelegenheiten, wie Palästinaufbau, Rechtsschutz der Juden usw., sowie auch in der Subventionspolitik, machte sich die scharfe Tonart des Liberalismus gellend. Die liberale Mehrheit schreckte auch nicht davor zurück, die gegnerischen Ansichten mundtot zu machen. Mit dem Fallbeil der Mehrheit wurden Ansprachen abgeschnitten, Anträge der Volkspartei ohne Anhörung von Gründen abgelehnt und jeder Versuch einer parlamentarischen Verhandlung von einzelnen Problemen im Keime erstickt. Die eigentliche Verwaltung der Gemeinde lag bis in die kleinsten Einzelheiten im Beratungsrimmer der liberalen Fraktion Besonders scharf wirkte sich dieser feindselige Kurs in Personalfragen aus. Angriffe gegen volksparteiliche Mandatare, die früher die Gemeindeverwaltung bestimmend beeinflußt hatten, Entlassungen und Versetzungen volksparteilicher Ansichten verdächtiger Beamten waren an der Tagesordnung.. Vergeblich bemühten sich die Vertreter der Volkspartei, die liberalen Scharfmacher zur Besinnung zu bringen. Kaltschnäuzig und höhnisch wurde jeder Versuch, einen Modus vivendi in der Gemeinde zu schaffen, von vornherein zurückgewiesen. Die Situation spitzte sich dermassen zu, daß sogar in den persönlichen Beziehungen zwischen liberalen und volksparteilichen Vertretern eine Schärfe einriß, die es menschlich unmöglich machte, in der Gemeindeatmosphäre auf irgendeine Art zusammenzu wirken. Der letzte Anstoß war, nachdem die Liberalen die Subvention für die Hebräische Universität in Jerusalem glatlwegs eingestellt hatten, die Streichung der seit zehn Jahren an den ,,Hechaluz“ gezahlten jährlichen Subvention. Dies geschah mit der ausdrücklichen Motivierung, daß die liberale Mehrheit es ablehne, in irgendeiner Form Institutionen zu unterstützen, die jüdisch-nationalen Anschauungen huldigen. Es wurde klipp und klar erklärt, daß die jüdisch-nationale und zionistische Anschauung keinen Platz in der Jüdischen Gemeinde Berlin haben dürfe. Diese Diffamierung einer Richtung, welche beim letzten Wahlkampf in Berlin 28 000 Stimmen auf sich vereinigen und 15 Vertreter ins Gemeindeparlament bringen konnte, war objektiv ein Unrecht und subjektiv eine Kränkung, die sich die volksparteilichen Vertreter nicht gefallen lassen konnten. Die Folge war, nachdem die Berliner Liberalen ihre aggressive Politik auch in den Landesverband Preußischer Judengemeinden getragen und dort die Entrechtung des Hechaluz mit der gleichen Motivierung wie in der Berliner Gemeinde durchgesetzt hatten, daß die Vertreter der Jüdischen Volkspartei, da jede Auseinandersetzung über diesen Fragenkomplex in der Berliner Gemeinde durch die liberale Mehrheit abgeschnitten wurde, den Beratungssaal verließen. Dieser Schritt erregte in der Öffentlichkeit berechtigtes Aufsehen. Die Volksparteiler hatten mit ihm keineswegs zum Ausdruck bringen wollen, daß sie an eine endgültige Abstinenz von der Gemeindearbeit oder gar an eine Spaltung denken. Sie wollten bloß durch diese stärkste Form einer Demonstration die Öffentlichkeit aufrütteln und in weiten Kreisen auch der liberal eingestellten Judenschaft die Aufmerksamkeit auf die Zustände in der Berliner Jüdischen Gemeinde lenken. Tatsächlich verfehlte diese Geste ihren beabsichtigten Eindruck nicht. Die Struktur der Berliner Jüdischen Gemeinde hat sich