Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 22 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9181128--12354-9084424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
180 Das Jüdische Echo Nr. 22 Was ihn auszeichnete vor anderen Gebern war eine innere Beziehung zur Kunst, sein ganz persönliches Verhältnis zu ihren Pflegern, war, daß er ohne Nebengedanken, ohne Nebenzweck spendete, nur aus dem sozialen Pflichtgefühl des Staatsbürgers, aus dem tiefen Wunsche heraus, die öffentliche Kunstpflege zu fördern, auch vorbildliche Anregungen zu geben, eine Absicht, die freilich nicht in Erfüllung gegangen ist. Sein Leben war Pflichterfüllung. Die einfache Art, die den Mann auszeichnete, hatte er auf der Höhe seiner kaufmännischen Erfolge, im Glanz seiner ihm dadurch geschaffenen Stellung und des mit erlesener Kunst geschmückten Hauses in der Tiergartenstraße bewahrt. Er behielt diese einfache Art — als der Wandel der Wirtschaftssituation ihn in bescheidenere Verhältnisse zwang — mit der gleichen Selbstverständlichkeit. Sein soziales Pflichtbewußtsein (die Stadt Berlin dankt ihm die zwei ersten Volksbäder, das Kolberger Kinderheim und der Berliner „Verein zum Schutz der Kinder“ sind James Simons Werk) bekundete er auch in seiner weitgreifenden Tätigkeit für jüdische Angelegenheiten. Dem „Hilfsverein der deutschen Juden“, den er vor dreißig Jahren zusammen mit seinem Freunde Paul Nathan begründet hatte, stand er bis zuletzt tätig vor. Noch während der schweren Krankheit der letzten Zeit nahm er an den politischen, geistigen und künstlerischen Vorgängen regen Anteil und begleitete die Ereignisse mit seinem nüchternen, unbestechlichen Urteil. Von Äußerlichkeiten war .er unabhängig. Sein eigenes Wesen kennzeichnen die Worte, die er vor Jahresfrist einem Freunde schrieb: „Du jagst den Scheingütern nicht nach, und die ewigen sind nicht gefährdet. Darum fließt dein Leben harmonisch dahin, und zu bedauern sind nur die, welche nicht das volle Verständnis dafür aufbringen, daß nur eine derartige Existenz wert ist, gelebt zu werden.“ Er starb kurz nach seinem Hausgenossen Geh.- Rat Kahl, den er auch persönlich kannte. Seit Tagen war sein Zustand hoffnnungslos. Aber immer noch widerstand das kräftige Herz. Er hatte ein starkes und gütiges Herz, und solange.die leben, die ihn kannten, wird die Erinnerung an seine kluge Güte dauern, ebenso fest wie die Tafel von Erz, die ihm das staatliche Museum setzen wird. Ein Naziarzt verweigert einem verletzten jüdischen Schüler die erste Hilfe und verschuldet dadurch seinen Tod München, 20. Mai. Wie der „Bayerische Kurier“ aus Regensburg berichtet, wurde dort ein elfjähriger Schüler namens Mandelbaum von einem Fuhrwerk überfahren und so schwer verletzt, daß er kurz darauf im katholischen Krankenhaus starb. In Regensburg halten sich nun hartnäckig Gerüchte, wonach der als Nationalsozialist bekannte Geheimrat Dr. Dörfler, zu dem der Knabe zuerst gebracht wurde, ihm die ärztliche Hilfe verweigert habe. In einer Sitzung des Polizeisenats des Regensburger Stadtrats hat Oberbürgermeister Dr. Hipp daher jetzt das Protokoll über die Vernehmung des Mannes verlesen, der den Knaben in die Dörflersche Klinik gebracht hat und Zeuge der Vorgänge war, die sich dort abgespielt haben. Danach hat Geheimrat Dörfler den Knaben nicht untersucht, sondern das Zimmer verlassen, sobald ihm der Name des Verletzten genannt worden war. Der Knabe wurde dann in das Hospital der Barmherzigen Brüder überführt, wo noch eine Operation versucht wurde, die aber schon zu spät kam. Der Stadtrat hat die Angelegenheit an den ärztlichen Bezirksverein weitergeleitet, um sie von ihm „unter dem Gesichtspunkt der ärztlichen Standesehre“ überprüfen zu lassen. Dr. Gottfried Fraenkel habilitiert sich in Frankfurt München, 20. Mai. (JTA.) Dr. phil. Gottfried Fraenkel aus München, der Sohn unseres Freundes, Justizrat Emil Fraenkel, hat sich in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. M. für das Fach der Zoologie und vergleichenden Physiologie der Tiere habilitiert. Nationalsozialisten schlagen einen Pensionisten nieder, weil sie ihn für einen Juden halten W i e n , 20. Mai. (JTA.) Der 49jährige Eisenbahnpensionist Friedrich Fleischinger wurde von zwei jungen Leuten in der Nacht überfallen und mit den Rufen „Hauen wir ihn zusammen, den jüdischen Rotzbuben!“ sehr schwer mißhandelt. Fleischinger, ein Kriegsinvalide christlicher Religion, erlitt schwere Hautabschürfungen, Schwellungen, schwere Würgespuren und eine Quetschung an der Hand. Außerdem waren ihm die Kleider zerrissen worden. Die Angreifer wurden als der 26jährige Hochschüler der Bodenkultur Joseph Hofinger, Sohn eines in Klosterneuburg stationierten Generals, und als der 23jährige Student Franz Seidel ermittelt. Beide erklärten: „Wir sind Nationalsozialisten und unser Motto ist: Die Juden niederschlagen!“ Der gestern gegen die Täter begonnene Prozeß mußte abgebrochen werden, weil der Angeklagte Seidel nach Budapest abgereist war. Haller-Antisemiten plündern jüdische Läden in Pomerellen Warschau, 22. Mai. (JTA.) Aus Weiherowo (Pomerellen) drangen Anhänger des Nationalistenführers General Haller in die Greinske-Gasse, wo Juden aus Kongreßpolen Geschämte eröffnet hatten, ein, schrien „Nieder mit den Juden, die an der Arbeitslosigkeit schuld sind!“, raubten den Laden von Moses Izkowicz vollkommen aus und plünderten auch die übrigen jüdischen Läden. Izkowicz und einige andere jüdische Geschäftsinhaber wurden schwer mißhandelt und verletzt. Die Polizei traf zwei Stunden zu spät an Ort und Stelle ein. Die geschädigten jüdischen Kaufleute wandten sich an die Regierung in Warschau mit der Bitte, Maßnahmen zu treffen, daß die schuldigen Huligans zur Verantwortung gezogen und die geraubten Waren den Besitzern zurückgestellt werden. In der Petition heißt es, wenn solche Taten ungesühnt bleiben, werde nicht allein die Autorität der Regierung geschwächt, sondern auch der Name Polens werde im Auslande herabgesetzt. Steuererleichterungen in Palästina zugunsten der lokalen Industrie Jerusalem, 22. Mai. (JTA.) H. Farbstein, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, verhandelte mit dem Direktor des Departements für Steuern und Handel der Palästinaregierung, Stead, über eine steuerliche Entlastung einer Anzahl wichtiger Palästinaindustrien. Wenn die gegenwärtige Steuerpolitik fortgeführt wird, führte Herr Farbstein ins Treffen, werden die lokalen Produzenten allmählich ihre Betriebe stillegen müssen, da sie den Kampf mit der ausländischen Konkurrenz nicht werden bestehen können,