Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 17 (22.4.1932)
- Date
- 1932-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis Jährlich: KM. 8.-. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlag, Aaslieferung des „Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H ALT: Pessachgedanken — Die Levante-Messe in Tel Awiw — Brodetzkys Verhandlungen mit Wauchope — Juden in der Hitlerversammlung — Aus der jüdischen Welt — Gemeindenu. Vereins-Echo — Geschäftliches Anzeigen: Die vlergespaltene Millimeter-Zelle 20 Rpf. / Familien-, Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J I d 1schen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987. Air. 17 München, 22. April 1932 19. Jahrgang Pessachgedanken Am Eingänge unserer Geschichte als Volk, das heißt der Geschichte der zu einer Volksgemeinschaft zusammengeschlossenen Stämme, steht der Auszug aus dem fremden Milieu Ägyptens und der Marsch zur Erringung einer Heimat in geschlossener Siedlungsform. (Der Auszug war ein so gewaltiges Ereignis, daß dieses das Bewußtsein gemeinsamen Schicksals erzeugte und den Willen gemeinsamer Ziele schuf. Darum bedeutet der Auszug aus Ägypten den Anfang der jüdischen Volksgeschichte und seit jener Zeit, die über dreitausend Jahre zurückliegt, sind die Juden unter den verschiedensten Wechselfällen ihrer Erlebnisse in zu manchen Zeiten sehr stark oder zu manchen nur abgeschwächt empfundenem Grade Volk. Unsere Volkwerdung beginnt mit dem Bewußtsein der Scihicksalsgemeinschaft und Schicksalsgleichheit. Den Anstoß gab der Druck von außen und erst im Laufe der nachfolgenden Zeitläufte schuf das konstituierte jüdische Volk neben dem Elemente des Volksbewußtseins die zwei weiteren Elemente seines Volkstums, die gemeinsame Sprache und das gemeinsame Land, wobei unter Sprache zu verstehen ist die gemeinsame Kultur, die eigenartige Lehre, der aus dieser Lehre fließende jüdische Lebensstil und die starre Abgrenzung von anderen Menschheitsgruppen. Unter Land ist zu verstehen das Gebiet beiderseits des Jordans mit seinen ungeheuerlichen klimatischen Unterschieden, mit seinen Bergen und Tälern, dem schneebedeckten Gipfel des Bermon und der subtropischen Hitze in der Niederung des unteren Jordantales. Einzigartig und extrem wie die klimatischen Bedingungen des — nach Flächeninhalt genommen — kleinen Landes ist auch der Volkscharakter der Juden in den nachfolgenden Jahrhunderten nach dem Auszug aus Ägypten durch den Einfluß des Landes geformt worden. Bis auf den heutigen Tag — 1900' Jahre lang sind die Juden fern ihrer Heimat Palästinas — wirkt der Extremismus der palästinensischen Landschaft auf den Charakter der ausgesprochendsten Vertreter des Judentums ein. Nicht daß die Juden sich in ihren menschlichen Eigenschaften qualitativ von anderen Menschen unterscheiden würden — aber es ist immer das Ausmaß dieser Eigenschaften, welches die typischen, repräsentativen Juden charakterisiert. Alle Völker haben Seher und Säger, die Juden allein haben Propheten von so ungeheurer Wiucht des Ausdrucks und solcher Ausschließlichkeit des Forderns, wie es Jesaja und Jeremia, wie es Spinoza und, man verzeihe die Parallele, Karl Marx und seine Nachfahren sind. Immer wieder drängt es die großen Juden zu den Problemen des rechten Tuns, zu den Fragen der Ethik, zu den Forderungen absoluter Gerechtigkeit. Auch bei anderen Völkern sind derartige Männer zu finden. Die große Anzahl solcher Männer aus jüdischem Blut, die Unbedingtheit, mit der diese jüdischen Männer im Laufe der Jahrhunderte immer aufs neue ihre ethischen Forderungen erheben — das ist jüdisches Charakteristikum. ■ Unser Glück im Laufe der Jahrtausende wär, daß trotz aller widrigen Schicksale niemals, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, der Fall eingetreten ist, daß die drei konstituierenden Elemente unseres Volkstums allesamt restlos verkümmerten. Immer war es so, daß eines dieser Elemente unberührt blieb. Verloren wir das Land, so halfen uns Volksbewußtsein und unsere Sprache, das heißt Lehre, Tradition und eigener Lebensstil, über das Fehlen des Landes hinweg und veranlaßten uns, Surrogate zu schaffen, geschlossene Siedlungen als Ersatz für die Heimat. Verloren wir unsere Sprache, wie in den Zeiten vor Juda Makkabi in Palästina, so half das Element Land wieder zur Neuschaffung von Sprache und geschlossenem Volksbewußtsein. Als wir nach der Zerstörung unserer Selbständigkeit durch Titus Land und Volkseinigkeit einbüßten, da war es wiederum die unberührt gebliebene eigene Sprache, die Lehre, die ,als unversehrt gebliebenes Element unseres Volkstums uns die Möglichkeit gab, unseren Bestand für kommende Jahrhunderte zu sichern. Die Krise des jüdischen Volkstums begann, in dem Zeitpunkte, da die drei Grundlagen unseres Volksseins zu wanken begannen. Das Bewußtsein der Schicksalsverbundenheit und Einheit alles Jüdischen verblaßte und ging bei manchen Teilen unseres Volkes verloren. Die gemeinsame Sprache, das heißt die Lehre, die Tradition, der Lebensstil und die Kenntnis der in Jahrtausenden aufgehäuften Kultur- und Wiissenschätze wurde in immer steigendem Grade vergessen. Die Erinnerung :än das gemeinsame Land und die Bewahrung des Surrogates für das gemeinsame Land, des jüdischen Milieus in geschlossener Siedlung, wurde verdrängt bzw. abgelehnt. Dadurch war unser Volkstum seiner Grundlagen beraubt und ein Auflösungs¬ und Zersetzungsprozeß mit all seinen inneren Reibungen und Leiden setzte ein, denen gegenüber die äußeren Schwierigkeiten, welche uns im Laufe des ganzen Mittelalters hinsichtlich unseres Volkstums nur geringen Schaden zuzufügen vermochten, kaum noch ins Gewicht fallen. Diese Erkenntnis von dem Wanken der Basis unseres Volksseins