Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 15 (8.4.1932)
- Date
- 1932-04-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erschelnungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag —Bezugspreis' Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.-. vierteljährlich: RM. 2.-. Einzelnummer 20 Rpf / Verlag, Auslieferung des ..Jüdischen Echos*': München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H R L T : Fortwirkendes Unrecht — Zur Wahl — Der RJF auf Abwegen — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: DP viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. I Famillen- Anzejgen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/66 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. i5 München, 8. April 1932 19. Jahrgang Fortwirkendes Unrecht Zu den Verhandlungen des Preußenverbandes Jüdischer Gemeinden Die diesjährigen Verhandlungen der Verbandstagung der preußischen Judengemeinden fanden in einem Zeitpunkte schwerster wirtschaftlicher Bedrängnis und stärkster allgemein-politischer Spannung statt, also in einer Situation von derartiger Schwere und Tragik, wie sie die deutsche Judenheit seit vielen Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Der Nachhall der schweren Wirtschafts- und politischen Kämpfe, die insbesondere in Deutschland toben, war in allen Berichten und Reden auf der Verbandstagung zu hören. Es ist auffallend, daß die zahlenmäßig stärkste Richtung im Landesverband, die Liberalen, die es bisher entschieden abgelehnt hatten, die Verbandstagung als ein politisches Forum zu betrachten, auf dem nicht nur reine Verwaltungsangelegenheiten der Religionsgemeinden, sondern auch die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Probleme der Judenheit in Deutschland besprochen werden, diesmal durch den Mund ihrer Wortführer sich ausführlich zu all den Themen äußerten und zu ihnen Stellung nahmen, deren Bedeutung, solange diese Themen nur von der Volkspartei angeschnitten wurden, sie für den Landesverband schlankweg ableugneten. Im Laufe der Jahre haben die Liberalen, wie ein Redner der Volkspartei treffend bemerkte, durch den Zwang der Verhältnisse und durch den Gang der Entwicklung gelernt, daß die Judenheit in der ganzen Welt, und in Deutschland nicht minder, nicht nur eine von der Mehrheit der Bevölkerung durch die Konfession unterscheidbare Religionsgemeinschaft, sondern ein soziologisches Gebilde eigener Art sind. In allen Debatten spielte also die Frage der wirtschaftlichen Position der Juden, ihrer rechtlichen und politischen .Stellung eine Rolle. Allerdings scheuten sich die Liberalen noch, auf dem Wege der Erkenntnis konsequent fortzuschreiten. Wohl bequem ton^ie sich dazu, anzuerkennen, daß cs eine Aufgabe des Landesverbandes sei, auf dem Gebiete der jüdischen wirtschaftlichen Selbsthilfe fördernd einzugreifen. Sie erkannten zwar die unbedingte Notwendigkeit, im Interesse des preußischen Judentums politische Arbeit zu leisten, aber hei der engen Verbindung zwischen Liberalen und dem C.-V. war es nur natürlich, daß sie diese notwendige politische Arbeit als eine Angelegenheit des C.-V. bezeichneten und sich begnügten, diesem, wie üblich, Dankesworte zu spenden. Mit Recht wurde den Liberalen von volksparteilicber Seite enlgegengehalten, daß man zwischen Abwehr- und politischer Arbeit zu unterscheiden habe. Die reine Abwehrarbeit, über deren Wert man verschiedener Meinung sein kann, und die, wie der bisherige Erfolg beweist, nur Kosten verursacht, aber keinen Nutzen gebracht hat, möge, da nun der C.-V. mit seiner Organisation einmal existiert und Organisationsapparate das Bestreben haben, zäh am Leben zu hängen, dem Central- Verein überlassen bleiben.‘Politische Arbeit jedoch soll und kann nur von einer jüdischen Gesamtorganisalion geführt werden. Also zunächst von den Landesverbänden und dann, wenn der alle Juden umfassende Reichsverband geschaffen ist, von diesem. Auf der letzten Tagung zeigte sich wieder sinnfällig, daß der gegenwärtig entscheidende Gegensatz im deutschen Judentum nicht mehr auf der Ebene „liberal“ und „orthodox“ liegt, sondern durch die Stellung für und gegen Palästina und Nationaljudentum gekennzeichnet ist. Dieser Erkenntnis gab der Führer des Central-Vereins, Dr. Ludwig H o 1 1 äjvd.e r , in die Enge gedrängt durch die Ausführungen der Zionisten, die die Sprache der Tatsachen sprechen, in der Form Ausdruck, daß er eingestand, nur für den Tag zu arbeiten, während die zionistische Auffassung mit langen Epochen rechne. Holländer sagte, daß die zionistische Betrachtungsweise angebracht sei, wenn man sich die jüdische Gesamtheit, wie sie in hundert Jahren anssehen werde, vor Augen halte. Er und seine Freunde aber denken an die Bedürfnisse der Stunde, und ihre Maßnahmen bezwecken eine Beantwortung der dringenden Augenblicksprobleme. Der Direktor des Central-Vereins war sich hei diesen Erklärungen nicht darüber klar, daß er eine Zeitgebundenheit seiner Auffassungen und Bemühungen zugab und daß er also abseits von der großen Linie jüdischer Auffassung steht, die sich auf die jüdische Gesamtheit und auf Jahrhunderte erstreckt. Diesen Irrtum jüdischer Entwicklung gehen mit Holländer all diejenigen, welche sich im deutschen Judentum der liberalen Richtung zuzählen. Ihre Einstellung bringt es mit sich, daß sie aus dem Zusammenhang mit ewigen jüdischen Tendenzen geraten sind und nalurnotwendig in all ihren praktischen Maßnahmen Zerstörer und Vergeuder des großen jüdischen Erbes sind, das der Judenheit von den vorangegangenen Geschlechtern übergehen wurde. Der Gegensatz zwischen E i n t a g s j u dent u m u n d E w i g k e i t s j u d e n t u m , der die deutschjüdische Öffentlichkeit beherrscht, kristallisierte sich auf dem Verbandstag in einer Frage, die, an und für sich von geringer Bedeutung für den Landesverband, durch die liberalen Methoden zum Schilobeth beider Lager wurde. Wir meinen damit die Frage der S u Jjv e n I i o n f ü r den H eclialu z. Seil 10’ Jahren pflegt der Landesverband preußischer Judengemeinden dem Hechaluz, der am konsequentesten die Be-