Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 7 (12.2.1932)
- Date
- 1932-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis* jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlag, Auslieferung des ,.Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H H L T : Politische Entscheidungen — Eine jüdische Reichsvertretung Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches Spenden-Ausvveis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Famillen- Anzeigen Ermäßlgung/Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664168 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 7 München, 12. Februar 1932 19. Jahrgang Politische Entscheidungen Die nächsten Wochen und Monate werden nicht nur in der internationalen Politik, sondern auch vor allem in der Innenpolitik Deutschlands wichtige Entscheidungen bringen, ln der internationalen Politik sind alle Augen auf die Abrüstungskonferenz und auf die Entwicklung der Reparations¬ und Kriegsschuldenfragen gerichtet. In der Innenpolitik Deutschlands werden die wichtigsten Ereignisse die Wahl des Reichspräs idente n und die W a h 1 e n für den p re u ß i 's c h en Landtag sein. Durch die letztgenannten in den nächsten Monaten zur Austragung gelangenden Entscheidungen wird das Schicksal der deutschen Juden wegen ihrer fatalen Stellung in den innerpolitischen Kämpfen zwischen den zwei Grundströmungen rechts und links noch stärker berührt als das der übrigen Bevölkerungsschichten im Staate. Die Kämpfe, die sich bis jetzt abgespielt haben und ihre Kulmination in der Reichspräsidentenwahl mid den preußischen Wahlen finden werden, haben andere Motive als das Verhältnis der beiden streitenden Richtungen zur jüdischen Gemeinschaft. Aber es ist seit jeher jüdisches Schicksal, daß die jüdische Gemeinschaft gegen ihren Willen das Symbol des Streites wird, der eigentlich um andere Dinge geht, als um die Juden. Ein klassisches Beispiel aus den letzten Jahrzehnten ist die Dreyfus-Affäre gewesen. Republik und Reaktion führten in Frankreich einen Kampf um Tod und Leben. Dieser Kampf fand den äußeren Ausdruck und das für die große Masse sinnfällige Symbol in der Person des zu Unrecht des Landesverrats angeklagten jüdischen Generalstabshauptnianns. In Deutschland spielt jetzt die jüdische Gesamtheit die Rolle von Alfred Dreyfus, und die Reaktion möchte am liebsten alle Juden Deutschlands, wenn auch nicht auf die ihnen nicht gehörende Teufelsinsel, so doch zu allen Teufeln jagen. Während der Dreyfus-Affäre setzten sich für Dreyfus die besten Männer und Geister des damaligen Frankreich ein. In Deutschland liegen die Dinge anders. Hier ist die Atmosphäre dermaßen vergiftet, daß jede Sache dadurch au Chancen der Erfolgsmöglichkeit verliert, wenn es evident ist, daß die Juden oder die sogenannte Judenpresse diese Sache besonders betreiben und zu ihrer eigenen machen. Ein Beispiel hierfür ist die jetzige Bewegung, den bisherigen Reichspräsidenten Hindenburg dafür zu gewinnen,, daß er in einer neuerlichen Kandidatur das stärkste Bollwerk gegen reaktionäre Wahlbewerber bilde. Die Person Uindenburgs bedeutet für Deutschland die Möglichkeit ruhiger Entwicklung und stabiler Verhältnisse. Daran sind alle Deutschen interessiert und selbstverständlich auch die in Deutschland lebenden Juden. Denn nichts furchtbareres kann den Juden widerfahren als Störung der Ordnung und Eintritt chaotischer Zustände. Erfahrungsgemäß sind in jeder Umsturzzeit die Juden die ersten Opfer des gestörten Gleichgewichts. Es ist darum selbstverständlich, daß die Juden bei der Frage, die im Deutschland von heute die einzig mögliche ist, Hindenburg oder Hitler — sich für Hindenburg entscheiden. Es wäre jedoch das falscheste, anzunehmen, daß durch diese Stellungnahme die Juden zum Ausdruck zu bringen wünschen, daß Hindenburg ihr Kandidat, das heißt nach der Sprache der Reaktion, ein ,,Judenkandidat“ ist. Wir halten es darum für sachlich und taktisch außerordentlich verwirrend und schädlich, wenn die sogenannte liberale Judenpresse so tut, als ob sie zur berufenen Patronin der Hiudeuburgkandidatur ausersehen sei und durch ihr Verhalten der großen Mehrheit des nichtjüdischen Bürgertums in Deutschland den falschen Eindruck vermittelt, als ob Hindenburg urplötzlich der Inbegriff fortschrittlicher Ideale und überdies jüdischer Sehnsucht wäre. In dieser Hinsicht ist es gut, wenn wirkliche Judeublätter. das heißt von Juden nur für Juden jüdisch geschriebene Organe, zu diesen Fragen eine vom jüdischen Standpunkt aus entsprechende und den 'Tatsachen gemäße Stellung nehmen. Das ist bisher in vorbildlicher Weise in der jüdischen Zeitung für Ostdeutschland geschehen. Wir geben im nachstehenden einzelne Stellen jener Ausführungen wieder, die unserer Ansicht nach die in Frage stehende Stellungnahme der Juden würdig und den Tatsachen entsprechend umschreiben. Die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und die traurige allgemeine politische Lage haben mehr und mehr viele von uns dazu gebracht, fatalistisch den Gang der politischen Geschehnisse abzuwarten und ohne eigene Initiative alle Ereignisse im Staatsleben als eine Art höhere Gewalt liinzunelimeu. In dem verzweifelten Glauben, daß es ja doch nichts mehr helfe, bleibt ein großer Teil der Wahlberechtigten den Wahllokalen fern, nehmen viele, die es angeht, an politischen Aktionen nicht mehr teil. Wer so denkt, überlegt sich nicht, daß jeder der nicht selbst aktiv mitarbeitet und sei es nur, daß er seinen Stimmzettel in die Wahlurnen wirft, das Feld den Gegnern überläßt und damit jeden Anspruch darauf verliert, mit seinen Klagen, daß es der Gemeinschaft oder seiner besonderen Gruppe so schlecht gehe, gehört zu werden. Gerade unter uns Juden hat sich eine starke Passivität in allen Dingen des öffentlichen deutschen Lebens mehr und mehr herausgebildet. Die starken Anfeindungen, denen viele Juden ausge-