Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1932-01-22 · 4 (22.1.1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
4 (22.1.1932)
Date
1932-01-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103089-9179823--12193-9084263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

N r. 4 Das Jüdische Echo 35 barung nach dem Morde das Vertrauen verlor, entzogen und den Zivilgerichten übergeben werde. Unter dem- Druck der öffentlichen Meinung hat das Justizministerium in Bukarest einen Beauftragten nach Soroca zur Feststellung der Tatsachen entsandt. Seither scheint ein Kampf zwischen der militärischen und der zivilen Auffassung vor sich gegangen zu sein, in dem nun, vorläufig wenigstens, die militärische Auffassung auf der ganzen Linie gesiegt zu haben scheint. Der rumänische Ministerrat hat nach einer den Ereignissen in Soroca gewidmeten Sitzung ein Kommunique herausgegeben, in dem erklärt wird, daß die in Soroca erschossenen sechs jungen Leute Kommunisten waren, die über den Dnjestr nach Rußland flüchten wollten und auf dieser Flucht erschossen worden sind. Entgegen dem bisher aufgenommenen und auch schon offiziell bekanntgegebenem Tatbestand, daß die Opfer Schüsse in Brust und Bauch erhielten und daß auch auf die am Boden Liegenden Schüsse abgegeben worden sind, wird in dem Kommunique erklärt, daß bei den Erschossenen Seiten- und Rückenschüsse festgestellt worden sind, daß es sich somit um eine Erchießung auf der Flucht handelt. Die Grenzgendarmen, die auf die Flüchtlinge geschossen haben, hätten darum allzu eifrig von der Schußwaffe Gebrauch gemacht, ohne zu versuchen, die Flüchtlinge lebend zu verhaften, weil sie glaubten, es handle sich um Sowjetkuriere, in deren Nähe zu kommen gefährlich sei. Dieses Kommunique der Regierung hat in der rumänischen Öffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregt und begegnet scharfer Kritik. Man weist darauf hin, daß es eine nicht mehr bestrittene Tatsache sei, daß die jugendlichen Opfer — nicht gefährliche Sowjetkuriere, sondern harmlose Kleinstadtjugend — an die Mordstelle durch raffinierte Vorspiegelungen gelockt worden sind und daß man ihnen Geld abgenommen hat. Die in dem Kommunique mitgeteilten Tatsachen finden keinen Glauben; man sieht in dem Dokument nichts als einen aus militärischem Prestigegründen unternommenen Versuch, die Mörder reinzuwaschen und sie der gerechten Strafe zu entziehen. Soziologie der Juden Der mit Spannung erwartete zweite Band der Ruppinschen „Soziologie“ ist vor einiger Zeit im Jüdischen Verlag erschienen. Verarbeitet der erste Band vor allem das bevölkerungspolitische und wirtschaftliche Material, so ist der zweite vorwiegend dem kulturellen und juristischen Überbau gewidmet. Er beginnt mit der Darstellung der Erlangung der bürgerlichen Gleichberechtigung durch die Juden und zeigt die faktischen Lücken der Gleichberechtigung auf, schildert dann den Kampf um die Minderheitenrechte und gibt einen Überblick über die geltenden Minderheitenbestimmungern. Es folgt eine kurze Geschichte des Antisemitismus. Mit Recht lehnt Ruppin es ab, den Antisemitismus rassenmäßig zu begründen und zeigt auf, daß er vorwiegend auf ökonomische Motive zurückzuführen ist. In einem weiteren Abschnitt wiederholt Ruppin kurz die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen die Juden zu kämpfen haben und schildert die Mittel, welche die Juden dagegen ergreifen. Es ist dies erstens Kredithilfe, durch welche es den Händlern und Handwerkern ermöglicht werden soll, den Konkurrenzkampf erfolgreich zu bestehen. Es ist dies weiter die Förderung der Auswanderung, die aber infolge der gegenwärtigen Absperrungstendenzen der Einwanderungsländer nur für eine beschränkte Zahl Möglichkeiten bietet. Als wichtigere Mittel sieht Ruppin die Geburtenbeschränkung und die Berufsumschichtung an. Er meint, daß dort, wo die Juden nur 3 bis 4 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sie in ihren bisherigen Berufen leicht eine Existenz finden können, ja in Ländern mit unentwickelter Wirtschaft könnte diese Grenze auch 5 bis 6 Prozent betragen. Wir können hier Ruppin nicht ganz folgen. Abgesehen davon, daß auch bei den Wirtsvölkern die Geburtenhäufigkeit abnimmt, geht infolge des durch den technischen Fortschritt sich ergebenden Ausstoßungsprozesses die Nachfrage nach Arbeitskräften weit schneller zurück als sich das Angebot durch Bevölkerungsabnahme verringert. So scheint uns z. B. in Deutschland, wo die Juden nur 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, ihre wirtschaftliche Lage trotzdem bedroht, da die Zahl der in Industrie und Bergbau beschäftigten Personen abnimmt und die Überfüllung des Detailhandels notwendigerweise zu einem Kampfe zwischen Juden und Nichtjuden führt und auch hier eine ökonomische Judenfrage hervorruft. In der Frage der Berufsumschichtung verhält sich Ruppin £u einem Übergang zur Landwirtschaft (außerhalb Palästinas) mit Recht skeptisch. Er sieht beschränkte Möglichkeiten hierfür in Rußland, während in Polen und den baltischen Randstaaten eine solche Überführung infolge des Bodenmangels illusionär ist. Auch von der Förderung des jüdischen Handwerks verspricht er sich nicht viel, wichtiger erscheint ihm das Eindringen in die Industrie. Er glaubt, daß in Rußland hierfür ziemlich gute Aussichten bestehen, wenn auch auf lange Sicht. Inzwischen müsse man die Lage der russischen Juden durch Förderung der Binnenwanderungen und durch Kredithilfe an die Handwerker verbessern. Auch in Rumänien dürften Aussichten für ein Eindringen in die Industrie bestehen, auch hält er die Aussichten der rumänischen Juden im Handel für nicht ungünstig. Katastrophal erscheint ihm die Lage der polnischen Judenheit. Von einer Förderung des Handwerks verspricht er sich hier mit Recht keine Besserung, an ein Eindringen in die Industrie wäre nur bei Öffnung des russischen Marktes für die polnische Industrie zu denken. Da jedoch diese Möglichkeit kaum in Betracht kommt, erscheint die Lage der polnischen Juden auswegslos. Im weiteren Teil des Buches setzt sich Ruppin unter dem Titel „Geistige Strömungen“ mit den zerstörenden und erhaltenden Kräften auseinander. Er schildert die Assimilationserscheinungen, die sich im Verfall der Abstammungs-Schicksalsgemeinschaft, in der Lockerung der Familienbande, im Zerfall der Sprachgemeinschaft, in der Verdrängung jüdischer durch weltliche Bildung uind im Niedergang der jüdischen Religion äußern und bringt zahlreiche statistische Belege der einzelnen Erscheinungen. Den zerstörenden Kräften stehen als erhaltende besonders die Tätigkeit der Gemeinden, die Bestrebungen zur Erhaltung der Religion, die jüdische Presse und die jüdische Wbhlfahrtspflege gegenüber. Ruppin gibt ferner eine kurze Darstellung des Zionismus, wobei er besonders ausführlich das jüdisch-arabische Problem behandelt. Schließlich gibt er noch eine Übersicht über den Wiechsei der Hegemonie im Judentum, die durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.