Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 2 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 2 8. Januar 1932 19. Jahrgang Moslemkongreß und Juden Von I)r. J. Schipper (Warschau) Kurz und bündig läßt sich das Resultat des Kongresses als großer Sieg — Englands bezeichnen. Es trat nämlich grell zutage, daß der Mufti denkt und England lenkt. Es zeigte sich auch, daß noch viel Wasser ins Meer fließen wird, ehe der Mufti und seinesgleichen einen ersten Erfolg werden erzielen können. Um zu dieser Überzeugung zu gelangen, genügt die Anführung einiger charakteristischer Tatsachen, die sich im Zusammenhang mit der Konferenz enthüllten: 1. Trotz der großen Vorbereitungen und noch größerem Staube, den der Mufti um den Kongreß aufwirbelte, erschienen aus der ganzen moslemischen Welt kaum 70 Delegierte, davon über 80 Prozent aus Palästina selbst und dem nahen Transjordanien. In Anbetracht der Anstrengungen des Mufti, der einige hundert Delegierte heranzuziehen gehofft hatte, ist das Resultat verschwindend gering, viel kläglicher als man erwartet hatte. Um so mehr, wenn man bedenkt, daß zum Kongreß kein einziger von den moslemischen Fürsten erschienen war, obzwar der Mufti die Ankunft der Herrscher von Ägypten, Irak, Persien, Yemen, Afghanistan u. a. m. angesagt hatte. Nicht einmal Emir Abdullah aus dem benachbarten Transjordanien war gekommen. Mit einem Wort: Anstatt der großen moslemischen Welt waren an dem Kongreß nur einige arabische Notabein vertreten, von denen der größte Teil einen winzigen Ausschnitt der arabischen Welt, Palästina und Transjordanien, repräsentierte. 2. Aber auch diese auf dem Kongreß vertretenen Stimmen wurden durch die Opposition, die sich außerhalb des Kongresses unter der Führung des Jerusalemer Bürgermeisters und Feindes des Mufti — F a k r i N a s h a s h i b i — gebildet hatte, stark geschwächt. Bekanntlich hielt die Opposition gleichzeitig eine Beratung ab, an der ungefähr 1000 Anhänger Nashashibis teilnahmen, darunter — was besonders Beachtung verdient — zwei des im ganzen fünf Mitglieder zählenden höchsten moslemischen Rates. Die Opposition erklärte, sie erkenne weder den Mufti noch seinen Kongreß an und beschloß die Einberufung eines neuen Kongresses außerhalb Palästinas in einem der arabischen Staaten. 3. Überdies wäre zu vermerken, daß auf dem Kongreß des Mufti trotz der angestrengten Bemühungen seines Initiators, die Harmonie zu wahren, zahlreiche Mißtöne laut wurden. Es zeigte sich vor allem, daß — abgesehen von der Religion — die „arabische Welt“ bisher kein einziges einigendes B a n d geschaffen hatte, das die in unzähligen Stämme, große und kleine Staaten zersplitterte moslemische Bevölkerung verknüpfen könnte. Nicht einmal die Sprache des Koran bildet ein einigendes Moment. Nur eine kleine Gruppe konnte sich auf dem Kongreß in dieser Sprache verständigen: die überwiegende Mehrheit dagegen besaß keine „gemeinsame Sprache“. Noch weit schärfer waren die Gegensätze, die sich im Verhältnis der Delegierten zu England offenbarten. Denn während der Mufti jene Bewegung repräsentierte, deren letztes — wenn auch geschickt verhülltes — Ziel die Unabhängigkeit ist, gab die zweite führende Persönlichkeit des Kongresses, der Vertreter der moslemischen Minderheit Indiens — Schau kat Ali — unverhohlen zu, daß er England völlig ergeben sei und das Schicksal des von ihm repräsentierten Volkes „auf Leben und Tod“ mit der englischen Politik verquicke. Das ereignete sich auf dem Kongresse selbst. Außerhalb desselben bedeutete nicht die politische Abstinenz der arabischen Machthaber eine klare pro-englische Demonstration? Dies alles geschah nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Ghandi, in einer Zeit, wo England dem Mufti gegenüber zu weitgehenden Konzessionen bereit war, damit sein Einfluß auf die indischen Moslems in der Frage der bengalischen Politik durch billige Propagandamittel nicht gespeist werde. 4. Schließlich die konkreten Resultate des Kongresses, die Gegenstände seiner Beratungen und Resolutionen. Auch hier trat der volle Erfolg Englands zutage. Der Kongreß mußte sich ausschließlich auf religiöse Fragen beschränken. Das für den Zusammenschluß der Moslems so wichtige Problem des Kalifats mußte auf Englands Eingreifen von der Tagesordnung gestrichen werden. Nur einige Surogate des Panislamismus blieben dem Mufti übrig; die Verteidigung der „heiligen Stätten“ in Palästina, die Schaffung eines moslemischen Jugendverbandes „um die Jugend vor fremden Einflüssen zu bewahren“, der Plan einer moslemischen Universität in Palästina und selbstverständlich der Kampf gegen die Zionisten unter dem Mäntelchen, sie könnten sich der (Imar-Moschee bemächtigen. Wir resümieren: Der vom Mufti einberufene Kongreß und alles, was sich um ihn herum ereignete, bezeugt, daß die panislamische Bewegung von dem Fieber innerer Gegensätze geschüttelt wird, daß sie zuv den Tendenzen der englischen Kolonialpolitik im Gegensatz steht und deshalb keine äußeren Expansionsmöglichkeiten hat. Ob die Injektionen des Mufti sie auf die Beine stellen werden, ist noch sehr fraglich. Unter dem Drucke Albions durfte der Mufti mit seinen hochtrabenden Losungen nicht in die arabische Welt Einzug halten. Er mußte sich mit Ersatzmitteln zufrieden geben — ja er ließ sich sogar durch die Opposition Nashashibis übertrumpfen, der offen die Losung der Unabhängigkeit lancierte und dazu — zur Besiegelung der Niederlage des Mufti — offenkundig Englands „Nachsicht“ sich erbeten haben dürfte. England kann mit den Resultaten des Kongresses