Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 52 (25.12.1931)
- Date
- 1931-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das üdische Echo __* _ Nummer 52 25. Dezember 1931 18. Jahrgang Ein Aufruf In einer der letzten hmern der fand sich ein Aufruf an (deutschen den Wortlauts: t ,,An die deuhen Juden! Die politische Zuspifzuider letzten Wochen, der immer offener zutage tende Geist des Hasses und der Brutaliät ruf< uns erneut auf den Plan. Politische und wschaflliche Vernichtung wird uns angedroht! Bitott, dieses undeutsche Schlagwort, wird in Gro und Kleinstädten gegen uns ausgerufen; Gräber werden zerstört, Gotteshäuser geschändet. In ersammlungen und in der Presse wird offer zu Gewalttaten gegen Juden auf gefordert. Das »xheimer Dokument enthüllt eine Gesinnung, divor keiner Grausamkeit haltmacht. Der Centralvem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat seJahren auf diese gefährliche Entwicklung in Wonind Schrift hingewiesen. Lauheit, Kurzsichtigkeit,;sserwisserei wollten der unbequemen Wahrheit audcm Wege gehen. Trotzdem! Keine Minute bangt wir. Unsere gerechte Sache i unsere beste Waffe! Millionen Deutscher beimpfen mit uns Verhetzung und Gewalttat als e Unseligkeit dieser Zeit. Wir sind des Vertrauei unserer Freunde zum Centralverein nach wie V' sicher. Gerade jetzt erhalten wir aus allen Teile des Reiches vorbildliche Beispiele von Hilfe und bferwilligkeil. Wir bemühen uns, dieses Vertrauen würdig zu sein. Bis zum letzten Einsatz unserer leiten Kraft versuchen wir alles, um Unheil vom detschen Judentum fernzuhalten! Darum Ruhe und Verlraen!“ Dieser Aufruf des grölen jüdischen Vereins in Deutschland gibt nach maclier Hinsicht zu denken; ob er aber den Erfolg bahn wird, haben kann, den seine Autoren erstreben, is doch sehr zu bezweifeln. Können diese Autoren, wenn sie schon ihre Worte selber glauben, drauf hoffen, daß irgend jemand, der die Ent wiekIng der letzten Jahre in Deutschland verfolgt hat,;ieh von dieser schönen Sicherheit überzeugen läß, die da ausruft: Keine Minute bangen wir? Könnm sie wirklich glauben, daß es zulässig sei, den deitsehen Juden Ruhe und Vertrauen zu empfehlen, noch dazu, wie wohl gemeint ist, Ruhe und Vertrauen itn Hinblick auf die Arbeit des Centralvereins? Es ist schwer, angesichts dieses Dokuments unseliger Verblendung das an die schlimmsten Erzeugnisse offizieller Durchhallepsychologie erinnert, nicht in den entgegengesetzten Fehler zu verfallen und nun die an und für sich schon schlimme Situation der deutschen Juden noch schlimmer zu malen, als sie wirklich ist. Sicherlich gibt es aüch in dieser Situation wirksame Faktoren, die zu ihrer schließlichen Änderung beitragen und wenn auch Hitler und Konsorten heute das Feld zu beherrschen scheinen, so haben sie die ihnen enlgegenstehenden Tendenzen doch nur von der Oberfläche des öffentlichen Lebens verdrängt, noch längst nicht entscheidend geschlagen und gewiß nicht endgültig besiegt. Aber es gehört doch ein beneidenswerter Mut und ein Optimismus ohnegleichen dazu, aus der Existenz dieser Kräfte und aus der Gerechtigkeit der jüdischen Sache die Forderung abzuleiten, daß heute vor allem nötig sei: Ruhe und Vertrauen. Worauf sich dieser Mut bei den Führern des Cenlralvereins gründen könnte, ist schwer zu sehen; er scheint ein neuer Beweis dafür, daß sie die Zeit, in der sie leben, noch immer nicht verstanden haben. Sie versprechen bis zum letzten Einsatz ihrer letzten Kraft alles zu versuchen, um Unheil vom deutschen Judentum fernzuhalten, ganz als ob dieses Unheil nicht schon längst über uns hereingebrochen wäre! Es ist gar nicht nötig auszuführen, wie sich die Stellung der deutschen Juden in den letzten Jahren gewandelt hat; das Tatsächliche über unsere Unterdrückung und Entrechtung auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem, rechtlichem Gebiete weiß man beim Centralverein besser als irgendwo. Unverändert scheint in dieser sich wandelnden Welt nur eins geblieben; die Ideologie des Cenlralvereins. Noch immer ist man dort der Auffassung, daß die Rezepte, die man seit Jahren angewandt hat, genügen, um die Frage der deutschen Juden oder die Judenfrage überhaupt zu lösen, die Existenz des Judentums und der Juden zu garantieren. Noch immer glaubt man dort, daß Loyalitätsbeteuerungen, der Hinweis auf die staatsbürgerlichen Leistungen der Juden einerseits, beschwichtigende Aufrufe andererseits genügen könnten, und noch immer dürfte die Resolution Mecklenburg im Centralverein ihre Anhänger haben. Wenn es hoch kommt, veranstaltet man Kullurlage, auf denen man den Juden selbst nachweist, daß sie ein anständiges Kulturelement seign und auf denen man eben diejenigen spezifisch jüdischen Eigenschaften und die Leistungen großer Juden als besonders wichtig für die deutsche Kultur preist, derentwegen, wie doch nicht zu leugnen ist, die Juden vom größten Teil des deutschen Volkes aufs heftigste angegriffen werden. Der Centralverein hat nichts gelernt und nichts vergessen; die Einsicht, daß seine Theorien, die schon früher nicht richtig waren, durch die Entwicklung aber auch vollständig ad absurdum geführt worden sind, wird man vergebens von ihm erwarten und noch weniger ist er natürlich in der Lage, den wahren Charakter der Judenfrage oder auch nur die für die deutschen Juden gegebenen Situation zu erfassen. Und doch wäre diese Einsicht, daß nämlich die Judenfrage eine Wellfrage ist, daß das Schicksal der deutschen Juden — heute zweifellos besonders schwer — doch nur im Zusammenhang der jüdischen Geschichte verständlich und nur im Zusammenhang mit dem Schicksal der ganzen Judenheit durch eine Tat der Selbstbefreiung geändert werden kann, besonders wichtig. Denn sie würde zwar nicht Ruhe und Vertrauen geben, auch nicht die Zuversicht, daß es nicht nötig sei, eine Minute zu hangen, aber doch die Gewißheit, daß im Judentum noch Kräfte wirksam sind, die späteren Generationen die Tragik unseres Lebens, des ungewissen, schweren und gefährdeten Le- C.V.-Zeitung Juden folgen-