Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 51 18. Dezember 1931 18. Jahrgang fitem pause Die vierlo Notverordnung des Kabinetts Brüning und die Rede, mit der der Reichskanzler das Inkrafttreten der Notverordnung begleitete, sind nicht nur ein innerpolitisches Ereignis höchster Bedeutung gewesen, sondern sie haben auch außenpolitisch das stärkste Aufsehen in der ganzen Welt erregt. Die Ankündigung eines Burgfriedens, der zunächst bis in die ersten Januartage 1932 dauern soll, hat für einige Wochen der lärmenden Betätigung der radikalen Parteien in Deutschland, besonders den Aktionen der Nationalsozialisten, eine Unterbrechung aufgezwungen. Die scharfen Worte, die Brüning gegen die Nationalsozialisten gefunden hat, haben, wie einzelne große Zeitungen in Deutschland treffend feststellen konnten, die Psychose eingedämmt, unter der die gesamte Öffentlichkeit gestanden hat. Diese Psychose lag darin, daß man mit einer unmittelbaren oder nur durch wenige Tage geschiedenen Machtergreifung der Nationalsozialisten fatalistisch rechnete und innerlich gefaßt war, die Dinge so treiben zu lassen, wie sie gingen. Brünings starke Rede hat ernüchternd gewirkt und zu den politischen Reali- I ä l en zurii ckgefii hr t. Diese politischen Realitäten sind aber zunächst weder durch Notverordnung, noch durch Brünings Bede in ihr Gegenteil verkehrt worden. Nach wie vor besieht die Tatsache, uaß die Nationalsozialisten im Augenblick zahlenmäßig eine der größten Parteien in Deutschland sind und daß sie wahrscheinlich, sollte es im Augenblick zu Reichslagswahlen kommen, oder sollten die Abgeordneten für einen Preußischen Landtag gewählt werden, als allerstärkste von allen Parteien aus diesen Wahlkämpfen hervorgehen werden. Es würde zu weit führen, wollte man noch einmal darüber Untersuchungen anslellen, warum der Nationalsozialismus so stark geworden ist und wie er so stark werden konnte. Es genüge der Hinweis, daß sich die weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Voraussetzungen im Augenblick in keiner Weise gegenüber der Situation vor einem Monat oder einem halben Jahr geändert haben und daß darum die Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, daß die Nationalsozialisten nicht nur so stark bleiben, wie sie heute sind, sondern daß sie noch weiteren Zulauf aus der großen Masse der Enttäuschten, Verarmten und Arbeitslosen bekommen. Es nützt da nicht, sich auf Grund vernünftiger Erwägungen zu sagen, daß dieser Zulauf zu den Nationalsozialisten (‘in Verzweiflungsakt ist, der in keiner Weise dazu führen kann, die Situation zu klären oder sie zu bessern, man muß dieses Unglück als gegeben ansehen und mit seiner unheilvollen Wirkung rechnen. Immerhin hat die Aktion der Regierung durch ihre Notverordnung und durch ihre Erklärungen für den Augenblick eine Atempause geschaffen, während welcher man mit größerer Ruhe als noch vor wenigen Tagen die Situation zu überblicken vermag. Das gilt insbesondere für uns Juden, die wir leider durch eine unglückselige Verkettung von geschichtlich gewordenen Umständen in den Mittelpunkt dieses Geschehens in Deutschland gestellt sind und Gefahr laufen, daß alle Erschütterungen sich in erster Linie gegen uns auswirken werden. Wir sind heule in Deutschland stärker als jemals zuvor eine Schicksalsgemeinschaft, die unbekümmert um die persönliche Stellungnahme und die Herkunft der einzelnen Mitglieder dieser Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit bedroht ist. Darüber hinaus sind wir angesichts der akuten Gefahren, vor denen wir stehen, zu einer Notgemeinschaft geworden, welche es als ihre Hauptaufgabe betrachten muß, weniger zu räsonieren und Untersuchungen bezüglich der Vergangenheit anzustellen, als sich über Maßnahmen schlüssig zu werden, die im gegebenen Augenblick ergriffen werden sollen. Die Situation der deutschen Juden ist aber derartig, daß sie leider, trotzdem die deutschen Juden vielleicht viel bessr als die Judenbeilen auch in Ländern jüdischer Massensiedlung organisiert sind, doch aus sich heraus nicht die Fähigkeit haben, die wichtigsten Aufgaben, die sie angeben, zu erkennen und wahrzunehmen, ln fast keinem Lande der Welt gibt es ein so gut ausgebautes Netz jüdischer Organisationen und jüdischer Gesamtverbände wie im Deutschen Reich. Und hinwiederum in keinem anderen Lande der Well haben die Juden weniger Sinn für ihre vitalsten, die Gesamtheit betreffenden Angelegenheiten wie in Deutschland. In England z. B. ist es selbstverständlich, daß der Gemeindeverband, der Board of Deputies, es als seine Hauptaufgabe betrachtet, die Judenheil nicht nur zu repräsentieren, sondern auch ihre fundamentalen Interessen wahrzunehmen. Zu diesen fundamentalen Interessen gehört in erster Linie der politische S t a t u s der Judenheit und der allgemeine, alle Juden einbeziehende Rechtsschutz, der ideologisch auf die objektive Grundlage gestellt ist, daß zwischen Juden und Juden nicht der geringste Unterschied gemacht wird. In Deutschland aber erleben wir die Tatsache, daß alle großen jüdischen Gemeinden und alle jüdischen Landesverbände mit ängstlicher Scheu den Gedanken weit von sich weisen, daß sie auch andere Aufgaben als die der Wahrnehmung religiöser Interessen zu übernehmen die Pflicht hätten. Bei uns in Deutschland hat man diesen Teil, den wesentlichsten und lebenswichtigsten gesamtjiidsicher Betätigung, e i n e r Organisation überlassen, dem Central-Verein, der dieser Aufgabe ideologisch seit Jahrzehnten nicht gerecht zu werden vermochte und darum heule, im Moment erhöhter Gefahr, in keiner Weise als eine Gesamtverlretung aller in Deutschland lebenden, von den möglichen Ereignissen bedrohten Juden betrachtet werden kann. Es genüge nur der Hinweis, daß der Central-Verein schon auf Grund seines Programmes außerstande ist, im Namen der zahlreichen in Deutschland lebenden Juden zu sprechen, die noch nicht im Besitze eines deutschen Passes sind oder die auf Grund ihrer inner jüdischen Einstellung sich entschieden weigern müssen, im Central-Verein ihren Sachwalter zu erblicken. Dadurch sind Verhältnisse eingelreten, die durch den Umstand charakterisiert sind, daß sich weite Teile der jüdischen Bevölkerung in Deutschland durch die Maßnahmen und die Politik des Cenlral-Vereins im gegenwärtigen Stadium