Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 45 6. November 1931 18. Jahrgang Jüdische Hilfsaktion Die Not dieses Winters wird unendlich groß sein; ihrer auch nur so weit Herr zu werden, daß kein Mensch zu hungern und zu erfrieren braucht, wird ungeheure Anstrengungen aller Gutgesinnten und Hilfsbereiten erfordern. Die jüdische Not dieses Winters, wird sie sich bewältigen lassen? Wer sich mit jüdischen Dingen beschäftigt hat, weiß, daß die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre zusehends jüdische Menschen brot- und arbeitslos gemacht hat; er weiß, daß diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und daß der Strom der Wirtschaft, in dem sich bisher große Teile der jüdischen Bevölkerung halten konnten, sie nicht mehr tragen will und er weiß auch, daß die Vorkehrungen der öffentlichen Körperschaften, die Wohlfahrtsarbeit des Reiches, der Länder und der Gemeinden die jüdische Not, die so entstanden ist, zum allergeringsten Teile erfassen: Wenn man die jüdischen Hilfsbedürftigen dieser allgemeinen Wohlfahrtsarbeit überlassen wollte, müßten sie zum größten Teile untergehen —■ nicht etwa, weil diese Stellen schlechten Willens wären, sondern \yeil sehr oft die jüdische Not sich den üblichen Typen nicht einfügen läßt, weil in zahlreichen Fällen jüdische Menschen aus den bekannten staatsrechtlichen Gründen ausgeschlossen werden müssen und weil ebenso oft die früher dem Mittelstand oder gar den begüterten Schichten angehörenden Menschen es nicht über sich bringen, den Weg zu den öffentlichen Stellen zu gehen. Weil dem so ist und nicht erst seit gestern oder heute war der Auf- und Ausbau eines spezifisch jüdischen Wohlfahrtswesens notwendig geworden; weil dem so ist, konnte die freie jüdische Hilfstätigkeit schon lange nicht mehr den Forderungen der Zeit genügen, mußten die jüdischen Gemeinden Wohlfahrtsämter errichten und hat die Arbeit dieser Wohlfahrtsämter im Rahmen der gemeindlichen Arbeit eine immer größere Bedeutung gewonnen. Wenn es möglich war, ist diese Bedeutung heute noch gewachsen, die Mittel dagegen, die ihnen aus den Finanzen der Gemeinden für ihre Tätigkeit zur Verfügung gestellt werden konnten, haben abgenommen und so stehen sie der furchtbaren Not dieses Winters mit leeren Händen gegenüber, können wenig oder gar nicht helfen, wo diese Hilfe dringender ist als je. Der Ausweg der Veranstaltung einer öffentlichen Sammlung unter Mitarbeit zahlreicher ehrenamtlicher Kräfte und sämtlicher Wohlfahrtsvereine zugunsten der jüdischen Winterhilfe war der einzige, der sich geboten hat; er mußte gegangen werden, wenngleich man sich fragen darf, ob es nicht der großen Tradition der jüdischen Gemeinden würdiger wäre, die Mittel, die, wie jedes Auge sieht, für eine offenbare Verpflichtung der Gemeinde benötigt werden, auch dementsprechend im Rahmen der gemeindlichen Finanzen aufzubringen oder wenigstens eine größere Anstrengung in dieser Richtung zu machen, als sie in der Tat gewagt wurde. Diese Frage ist nun einmal entschieden und so sei nur dankbar darauf hingewiesen, daß der Appell an die Gemeinde seitens aller Instanzen, des Gemeindevorstandes, der Gemeindevertretung, des Wohlfahrtsamtes, des Rabbinats und der Wohlfahrtsvereine mit allem erdenklichen Nachdruck erfolgt ist. Es ist eine unabweisbare Pflicht mitzuhelfen — diese Erkenntnis muß in jedem einzelnen lebendig gemacht werden, der sich nicht selbst zu den Hilfsbedürftigen rechnen muß und man kann nur hoffen, daß die jetzt einsetzende Arbeit den Erfolg haben wird, den man erwartet und den sie haben muß, wenn es dem Wohlfahrtsamt und den Vereinen möglich sein soll, ihren Schützlingen über den schweren Winter hinwegzuhelfen. Das ist zweifellos das Nächstliegende und das Wichtigste und doch muß man es auch in diesem Zusammenhänge sagen, daß diese Arbeit nicht genügt. Man muß endlich einmal einsehen, daß vorbeugende Arbeit besser ist und man muß endlich auch einsehen, daß vorbeugende Arbeit noch auf manchen Gebieten geleistet werden kann, die bisher von den ausschlaggebenden Faktoren gerade auch der Münchener Gemeinde geflissentlich gemieden werden. Vielleicht lehrt die Arbeit dieses Winters, daß es nötig ist, an den Ausbau der Darlehenskassen heranzugehen, die Arbeitsvermittlung des Wohlfahrtsamtes zu intensivieren und überhaupt mehr als bisher die Zweige der Wohlfahrtsarbeit zu pflegen, die Schutzbedürftige in die Lage versetzen sollen, sich durch Eingliederung in die schaffende und erwerbende Gesellschaft sich aus eigenen Kräften zu erhalten. Heute freilich ist es wichtiger für Brot, Kleidung und Beheizung, zu sorgen — in einer Zeit, die eindringlich jeden Tag aufs neue beweist, daß alle gesellschaftlichen Verhältnisse labil sind und daß vielleicht morgen die Hilfe des Wohlfahrtsamtes beanspruchen muß, wer heute selbst noch helfen kann; in dieser Zeit sollte es doch möglich sein, offene Herzen und offene Hände zu finden. Das Ergebnis der Sammlung wird zeigen, wie es darum bestellt ist und es wird zeigen, wie weit jüdisches Verantwortungs- und Gemeinschaftsgefühl noch unter uns lebendig li'st * * Trotzdem die Aufgaben, denen sich die Gemeinde gegenübersieht, heute größer sind als je — wie . aus dem Vorstehenden zur Genüge erhellt —, hat einer ihrer Führer, Herr Kommerzienrat Dr. Ludwig Wassermann, sein Amt niedergelegt und ist aus dem Vorstand der Gemeinde ausgetreten. Wie wir erfahren, hat er seinen Entschluß mit gesundheitlichen Gründen motiviert; es erscheint jedoch nicht unwahrscheinlich, daß auch andere Ursachen dazu beigetragen haben, wenn sie nicht geradezu ausschlaggebend gewesen sind. Herr Dr. Wassermann hat in den letzten Jahren immer zu denjenigen gehört, denen in jüdischen Dingen das Sparen am Wichtigsten gewesen ist, weswegen gerade auch die Arbeit des Wohlfahrtsamtes stets sein Mißfallen erregt hat. Wenn Herr Dr. Wassermann heute die Gemeinde im Stiche läßt, wo sie vor schweren und schwersten Entscheidungen