Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 44 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 44 30. Oktober 1931 18. Jahrgang Rote Assimilation Unversehens hat sich in manchen jüdischen Kreisen eiin Schlagwort eingebürgert, dessen Umkreis und Wirklichkeit einer Betrachtung wert erscheint. Glaubte man den Drang der liberalen Assimilation in den letzten Jahren erkannt und deshalb paralysiert zu haben, so stellt sich, man könnte sagen, mit einer präzisen Genauigkeit, ein Nachfolger ein, der entschieden gefährlicher und ernster zu nehmen ist als die Kleinbürgerlichkeit der assimilatorischen Tendenzen unserer Liberalen. Es ist eiin Trugbild, ein Phantom, das die Köpfe immer mehr vernebelt. Was ist „Rote Assimilation“? Im Hintergrund stellt Rußland und das neue Werden in diesem ersten Staate der Welt, der sozialistische Grundsätze zu verwirklichen sich anschickt. Schon diese Aussage gibt eigentlich mehr an als in Wirklichkeit, selbst von den begeistertsten Kommunisten zugegeben wird. In Wirklichkeit wird dort eine neue Form des Staatssozialismus verwirklicht, der sich von der marxistischen Grundlinie zur leninistischen Generallinie entwickelt hat, der also den Sozialismus, die Befreiung der Unterdrückten und Geknechteten, lin die wirtschaftliche Form der Planwirtschaft von Staats wegen umgebogen hat, wahrscheinlich der einzig möglichen Art der Verwirklichung des Marxismus. Diese Tatsache hat es mit sich gebracht, daß die bestimmenden Kräfte des Staates das Proletariat und seine Grundsätze, Interessen und Ziele geworden sind. Es ist eine neue herrschende Klasse entstanden, die nach ihren Maximen tatsächlich ungeheuer viel zur wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Besserstellung ihrer Klasse schon getan hat und die dieses Experiment mit Begeisterung und Energie? mit einer vor keinem Rückschlag zurückschreckenden Zielstrebigkeit weiter verfolgt. Das ist, in diesen kurzen und unvollständigen Strichen nur angedeutet, das Wunder Rußland. Für jeden, der aus der verfahrenen Situation der europäischen Länder mit all ihrer Unkultur und Unzivilisation nicht mehr herausfindet, der die vielfältigen Wirrnisse dieser Länder nicht als Konjunkturangelegenheit, sondern als düsteren Abgesang eines Systems erkennt, für diesen springt das bewegende Neue, das Beispielhafte des russischen Experimentes mit eindringlicher Deutlichkeit hervor. Hier geht es um eine neue Wirtschaftsform der Menschen. Aber es geht nicht um eine neue Religion. Denn wenn von Rußland gesprochen wird, so wird gerade in jüdischen Kreisen auf die staatlich gepflegten' und unterstützten Gottlosen hingewie'sen, die die Ausübung der Religion durch sanften Zwang und dreiste Satire verhindern. Das allein wäre nicht schlimm; -in einem anderen Sinne erwachsen die Widerstandskräfte der Religion, wenn sie erst mit Zwang und Beugung bedrängt wird. Aber es ist wesentlich, daß der Kampf nicht mit gleichen Mitteln geführt wird; denn die Gottlosenpropaganda darf bei Kindern jeglichen Alters einsetzen, die religiöse Unterweisung aber erst nach zurückgelegtem 16. Lebensjahr. Mit solch ungleichen Mitteln wird der Kampf nicht geführt, sondern er wird klipp und klar entschieden. Das will man auch. Man sagt, Religion sei Opium für das Volk, auch für die Juden soll das gelten. Wir allerdings haben keine Popen und Volksverdummer gehabt und wo sich Aberglauben eingeschlichen hat, geschah etwas im tiefsten Grunde Judentumfeindliches. Da man diesen Erkenntnissen sich auch lauf jüdisch-kommunistischer Seite nicht verschließen kann, geht man notgedrungen einen Schritt weiter. Man stellt das Judentum überhaupt in Frage, man weist auf seine vielfältigen Formen hin, um die Frage nach wirklichem Judentum mit Erstaunen in die Welt zu rufen. Als ob man es nicht wüßte! Damit verbunden ist die schärfste Verneinung der jüdischen Renaissance durch Erez Israel. Naturnotwendig geht mit der Proklamierung der alleinseligmachenden Orthodoxie des Kommunismus die Verneinung jeder anderen Bemühung, so, als ob man eifersüchtig darauf wäre, daß jemand es wagt, anderer Meinung zu sein, an andere Götter zu glauben als an ein Experiment, dessen dreizehnjährige Dauer gegenüber einem 2000jährigen Weg des Duldens und Erleidens, aber auch des jüdischen Daseins schattenhaft wird. Wir wollen uns geflissentlich von der Anschauung fernhalten, als ob in Rußland ein neuer Turmbau zu Babel unternommen wird. Das bedeute aber nicht, daß wir ohne Skepsis und Vernunft, in einem geradezu blindem Glauben eine wirtschaftliche Lebensform zu neuem Dogma erheben dürfen. Es ist ein Zeichen unklaren Denkens, wenn man mehr zu sehen sich bemüht, wenn man gerade den Juden einreden will, daß ihnen jetzt endlich nach 2000 Jahren, die Hilfe werden soll, daß sie jetzt erst Menschen werden. Die neue Religion des Kommunismus mag für manche ihre Reize haben, aber die neuen Gläubigen verlangen zuviel, wenn siie nach Art der spanischen Inquisition mit Stumpf und Stil etwas ausrotten wollen, was schon heftigeren Anstürmen nicht gewichen ist und nicht weichen will. Bezeichnend für die rote Assimilation ist ihr Kampf gegen den Zionismus. Sie sehen da eine imperialistische Front zwischen Weizmann und Macdonald zur Unterdrückung der Völker Asienssie weisen mit erhobenem Zeigefinger auf die Schwierigkeiten der jüdisch-arabischen Probleme hin, für sie ist Palästina nichts als ein Blendwerk geschäftegieriger Organisationsmacher zur Vernebelung der jüdischen Massen. Bestimmt ist dieser Haß gegen den Zionisten nicht deshalb so unbändig, weil der Zionismus nichts bisher geleistet hat — eine ebenso dreiste wie unwahre Behauptung — sondern weil bei diesen jüdischen Kommunisten ein zutiefst sitzender Überdruß an ihrem Judesein bestimmend wird. Es wäre interessant, diesen psychologischen Grundtatsachen uachzugehen. Man müßte nachweijsen, daß ithr Wegstreben vom Judentum eine Form der Haß-