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Das jüdische Echo · 1931-10-23 · 43 (23.10.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
43 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 45 23. Oktober 1931 18. Jahrgang Jüdische Lebenskraft Als Hermann Bahr noch nicht mystisch-völkisch war und freiheitlichen Ansichten huldigte, brachte er den jüdischen Problemen tätiges Interesse entgegen. Er* war viele Jahre mit Theodor Herzl befreundet und nahm an den ersten Kämpfen Theodor Herzls gegen eine Welt von Mißgunst und Unverstand lebhaften Anteil. Als Nichtjude machte er die Sache der jüdischen Renaissance geradezu zu einer eigenen Angelegenheit, und ältere Wiener können sich vielleicht noch erinnern, wie Theodor Herzl und Hermann Bahr, beide hochaufragend und langbärtig, in den Abendstunden endlos um die Votiv- Kirche am Schottenlor gingen und miteinander Gespräche führten. Nach Herzls Tod ließ es sich Hermann Bahr nicht nehmen, bei allen Gelegenheilen von Theodor Herzl zu erzählen. In zahlreichen Veranstaltungen schilderte er seinen toten Freund, den „armenischen Fürsten“, der von Ewigkeitshauch umwittert als Himmelsgeschenk in unsere Zeit hineingeraten sei. Er sprach von Herzls jüdischen Eigenschaften und von Herzls menschlicher Bedeutung, und immer wiener hob er als am meisten charakteristisches Kennzeichen von Herzls Sendung hervor, daß in Theodor Herzl der unerschütterliche Glaube an die unverwüstliche Lebenskraft des jüdischen Volkes wirksam gewesen ist. Dieses Thema „der jüdischen Lebenskraft, der Vitalität der jüdischen Rasse“, wie sich Hermann Bahr auszudrücken pflegte, lockte den Schriftsteller immer wieder. Und einmal, anläßlich, eines Vortrages über die Bibel, sang Hermann Bahr in der Zeit vor dem Kriege in einer lausendköpfigen Wiener Versammlung das hohe Lied der jüdischen Vitalität. Mag kommen, was wolle, sagte damals Bahr, Revolutionen, verheerende Kriege, Umwertung aller Werte, Umkehrung des Untersten nach oben und des Obersten nach unten — für ihn bestünde kein Zweifel, daß in allen Fährnissen sich die Lebenskraft der jüdischen Gemeinschaft bewähren werde. Nicht ohne Absicht ist hier das Zeugnis eines unvoreingenommenen Nichtjuden über eines der am stärksten ins Auge fallenden Merkmale des jüdischen Volkes zitiert worden. Hermann Bahr ist in seinem Leben Anti- und Philosemit gewesen, er hat schließlich von einem christlich-pietislischen Standpunkt aus die Judenfrage angesehen und in all diesen Epochen seiner wechselnden Weltanschauungen hat er die Überzeugung von der Unverwüstlichkeit der jüdischen Gemeinschaft beibehalten. Tatsächlich liegt ja sowohl in der Stellungnahme von Freunden des jüdischen Volkes, von Philosemiten, wie auch von Gegnern der Juden, von Antisemiten, ein starkes Bekenntnis zu der Vitalität unserer Gemeinschaft. Dieses Urteil der Nichtjuden ist ja nur ein Korrelat zu der eigenen jüdischen Überzeugung, daß der Bestand des jüdischen Volkes ewig ist. Die Gläubigkeit der Juden, das Vertrauen in die göttliche Vorsehung sind ja, im Grunde genommen, nur Verkleidungen der jüdischen Sicherheit, daß keine irdische Macht und kein Wechselfall der Geschichte fähig ist, den Bestand des Judentums ernstlich ' in Frage zu steilen. Unter allen Bedingungen, dies isl der Inhall jüdischer Gläubigkeit, wird die schützende Hand der Vorsehung oder des Schicksals über den Juden sein. Und mögen schwerste Prüfungen kommen, und mag es auch so aussehen, als oh aller jüdischen Tage Abend gekommen sei, die Hoffnung ist nicht zu vernichten, daß die Juden als Gemeinschaft einen Weg der Lösung finden und sich behaupten werden. Diese jüdische Einstellung zu den Vorkommnissen in der Well ist eines der Geheimnisse, welches die Existenz des jüdischen Volkes im Laufe jahrtausendlanger Diaspora gesichert haben. Ohne dieses Vertrauen, ohne die Überzeugung einer besonderen Mission, ohne die Hoffnung auf eine Erlösung durch einen persönlichen Messias oder messianisehe Zeiten hätte das jüdische Volk nicht die innere Kraft aufgebracht, allen Nöten zu trotzen und unter den ungünstigsten Bedingungen auf bessere, glücklichere Zeiten zu hoffen. All das muß man sich jetzt vor Augen halten, wenn man die Situation der Judenheil in der ganzen Welt einer kritischen Untersuchung unterzieht. Auf Erden herrscht jetzt das Gefühl, daß man sich am Vorabend bedeutsamer grundsätzlicher Umwälzungen befindet. Das Gespenst oder die Verheißung einer Weltrevolution geht um. Alle Völker der Welt sind in diesen Strudel hineingerissen und die jüdische Gemeinschaft, der Seismograph der Nationen, erzittert wegen der Labilität ihrer Existenz hei der Vorahnung der kommenden Dinge stärker als die nichtjüdische Umwelt. Man muß in diesen Tagen an irgendeiner jüdischen Versammlung oder Konferenz teilnehmen, um sofort den Unterton zu fühlen, daß Unruhe und Unsicherheit in den Herzen und Köpfen der Teilnehmer wohnen. Es ist über diese Stimmung schon viel geschrieben und gesprochen worden. „Zeitenwende“, „Weltwende“, „Schicksalsstunde“ usw„ so lauten die Aufschriften verschiedener Betrachtungen, die gerade anläßlich des letzten jüdischen Neujahrsfestes erschienen sind. Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen und entspricht auch nicht dem Schreiber, zu den vielen Traktaten ein neues Traktätchen hinzuzufügen und in salbaderndem Ton frömmelnd zu erklären, es wird schon alles werden, der Stern Israels kann nicht sinken. Von derartiger Auffassung der Situation, bezogen auf die Juden, weiß sich die Anschauung fern, welche klar zur Sammlung der jüdischen Gemeinschaft und zu konstruktiver Arbeit aufruft. Wir leben in der Epoche eines säkularisierten Judentums. Es handelt sich darum, klar und überlegt das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft zu erforschen und nach einem bestimmten Plane Versuche zu einer Beantwortung der drängenden Fragen zu machen. Aber auch wer so nüchtern-rationalistisch denkt, wird nicht umhin können, jene Lebensslröme ins Kalkül zu ziehen, die jahrtausendelang unsere Gemeinschaft durchflutet haben und die noch heule, wenn auch zum großen Teile verschüttet, in ihr pulsieren. Wenn man die Entwicklung der Ereignisse in den einzelnen Ländern, sei es in Deutschland oder in Amerika, in Polen oder Rumänien, beobachtet und

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