Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 42 16. Oktober 1931 18. Jahrgang Welzmann in Berlin Begeisterter Empfang Berlin, 12. Oktober. (JTA.) Zum ersten Male seit dem letzten Zionistenkongreß in Basel und seitdem er die Ämter eines Präsidenten der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation niiedergelegt bat, ist Dr. Chairn Weizmann jetzt vor die Öffentlichkeit getreten. Es geschah dies in zwei Versammlungen in Berlin, in einer öffentlichen Versammlung im Bachsaal am Abend des 10. Oktober, einberufen von der Z.V.f.D. und der B.Z.V., und bei einer ihm zu Ehren gegebenen Veranstaltung der Jewish Agency am 11. Oktober bei Kroll. Mit diesen beiden Veranstaltungen wurde die Winterarbeit des Keren Hajessod in Deutschland eingeleitet. An beiden Abenden wurde Dr. Weizmann, der, wie bei verschiedenen früheren Gelegenheiten, auch diesmal zum Ausdruck gebracht hat, wie gerne er mitten unter den deutschen Zionisten und Palästina-Freunden weilt, sehr gefeiert. Die Zuhörer hatten den Eindruck, einen ganz neuen Weizmann vor sich zu sehen: nicht mehr den die Last seiner Aufgaben und seiner Verantwortung schwer tragenden erwählten Führer, der der Öffentlichkeit Rechenschaft über sein Tun und Fassen gibt und der sich gegen immer erneute Angriffe gegen seine Person und seine Politik zu wehren hat, sondern einen Führer, der, von der Last der Verantwortung befreit, frisch von der Leber weg spricht und das einzige Ziel vor Augen bat, für die Idee, die sein ganzes Sein ausfüllt, zu werben. An beiden Abenden ging Weizmann jeder Erörterung der politischen Lage des Zionismus geflissentlich aus dem Wege, seine Ansprachen waren fein durchdachte, witzig pointierte und im Tone frlische Werbereden für den Zionismus und für die tätige Mitarbeit an dem Aufbau des jüdischen Palästina, die die Zuhörerschaft enthusiasmierten und immer wieder zu begeistertem Beifall hinrissen. Die Kundgebung im Bach-Saal Die Versammlung im Bach-Saale, die vom Präsidenten der Z.V.f.D. Kurt Blumenfeld geleitet wurde, war überfüllt. Mehr als 2000 Personen drängten sich im Saale und auf den Galerien, zahlreiche Personen konnten keinen Einlaß mehr finden und mußten umkehren. Kurt Blumenfeld begrüßte den Führer Weizmann, der die zionistische Bewegung und das Palästina-Werk um soviel weiter gebracht hat, und der auch jetzt, als der zurückgetretene Führer, in seinem Eifer und in seiner Sorge für die zionistische Sache, der er sein Leben geweiht hat, nicht eine Minute nachgelassen - hat. Er folgt dem Rufe, die Keren Hajessod-Kampagne in Südafrika zu führen, ebenso der Einladung seiner zionistischen Freunde in Deutschland. Blumenfeld feierte Weizmann als einen Repräsentanten der ewigen Idee des Judentums und schloß in die Begrüßung auch den anwesenden Präsidenten des letzten Zionistenkongresses und Vorsitzenden des A.C. Leo Motzkin, sowie den „Lehrer der deutschen Zionisten4' Sehmarja Levin ein. Der M'israchi-Fiihrer D r. Oskar Wolfsberg begrüßte die Anwesenheit Weizmanns in Deutschland als den besten Auftakt für die zionistische Winterarbeit, gab einen Überblick über die neueste Gestaltung in der Welt und im Judentum und kam zu dem Schlüsse, daß die zionistische Lehre dem Judentum den einzigen richtigen Weg weist, den es zu gehen hat, um sich über die Weltwirrnisse und die innerjüdischen Wirrnisse hinweg zu erhalten. Wir sehen, schloß Wolfsberg, den großen Führer der zionistischen Bewegung in unserer Mitte, er wird uns Antrieb zur Arbeit geben. Wir wissen, daß die Bewegung heute und künftig Größtes von ihm zu erwarten hat. Es folgte eine Begrüßung des Vorsitzenden der B.Z.V., Herrn D r. Willy Schön, woraufhin Alfred Berger das deutsch-jüdische Schicksal zeichnete, die materielle und seelische Not der jüdischen Jugend schilderte, die zum Teil der „roten Assimilation“ zu verfallen droht. Keine außerjüdische „Bewegung, schloß er, wird die Judenfrage zu lösen imstande sein, nur „unsere Revolution, die zionistische Revolution, kann dem Judentum neue Impuse geben, indem sie eine neue •Lebensform schafft“. Wir grüßen Weizmann, den Führer unseres Zionismus. Es folgte eine längere Ansprache von D r. S c h m a r j a Levin, die die Normalität des jüdischen Lebens in Palästina und diie innere Freiheit des palästinensischen Juden zum Thema hatte. In Palästina, sagte der Redner, bereitet sich jene neue Einheit und neue Freiheit vor, auf die die Besten in der Welt hoffen, Weizmann, unser Führer, der gottbegnadete Diener und Ritter der Idee, gab uns nicht den Freiheitsbrief, aber den Brief auf Freiheit. Von nicht endenwollendem Beifall begrüßt, hielt nun D r. Weizmann eine Ansprache, in der er seiner Freude Ausdruck gab, nach dem Kongreß zuerst zu seinen Freunden in Deutschland sprechen zu können, auf die letzten Erschütterungen in der Welt und im Judentum hinwies und dann ausführte: Es gehört zu den großen Tragödien des Lebens, daß es solcher Erschütterungen bedarf, um die Richtigkeit des zionistischen Denkens zu erweisen. Was ist der Kern des jüdischen Problems? Die Heimatlosigkeit der Juden als Volk. Der Jude als Individuum kann eine Heimat haben, die Juden als Volk sind heimatlos. Jedes Land hat seinen Judensättigungspunkt, über welchen hinaus es Juden nicht verdauen kann. Das ist in verschiedenen Ländern verschieden, aber ein solcher Sättigungspunkt besteht: in Polen wie in Amerika und England. Es geht heute auch den anderen Völkern schlecht, aber es besteht uns gegenüber doch ein fundamentaler Unterschied. Die Russen haben z. B. ungeachtet aller Erschütterungen, die sie