Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 41 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 41 9. Oktober 1951 18. Jahrgang Was gibt uns den Mut? In palästinafreundlichen jüdischen Organen mul in sehr vielen parteilosen großen jüdischen Zeitungen sind in der letzten Zeit Aufrufe der Exekutive der Jewish Agency und der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation erschienen, in denen Zionisten und Palästinafreunde auf die schwere finanzielle Lage der Jewish Agency aufmerksam gemacht und nicht nur zur Weilerleistung ihrer regelmäßigen Beiträge für das Palästinawerk, sondern auch zur Zahlung eines speziellen Notopfers aufgeforderl wurden. Diese Aufforderung ist nicht nur im Druck erschienen, sondern viele Zionisten machten es sich zur Ehrenpflicht, persönlich von Mann zu Mann die Palästinafreunde aufzusuchen und sie zu einer Befolgung der erschienenen Aufrufe zu bewegen. lTm es gleich vorwegzunehmen: Die Anstrengungen f ii r das N o t o p f e r h a hen i n Mittel e u r op a ein en un er w a riet g ro ß e n E rfolg g e h a b t. Es ist festzustellen, daß trotz der schweren finanziellen Krise, trotz der Ungewißheit über das, was der Morgen bringen wird, trotz der Unsicherheit zahlreicher jüdischer Existenzen der Appell, den Palästina durch Vermittlung der Jewish Agency an die jüdische Öffentlichkeit gerichtet hat, überraschend opferfreudig befolgt wurde. Dieses Phänomen setzt jüdische Kreise in Erstaunen, welche dem Gedanken der Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina fernstehen und den Begriff der jüdischen Volksrenaissance ablehnen. In Darlegungen der assimilatorischen jüdischen Presse konnte man gerade in den letzten Tagen lesen, daß der Zionismus endgültig erledigt sei und daß die Bemühungen in Palästina sich nunmehr als restlos undurchführbar erwiesen haben. Der Führer der jüdischen Liberalen in Deutschland, der organisierten Zionistengegner, schrieb, daß nur noch einige alte Zionisten aus einem gewissen Trägheitsgesetz heraus, weil sie nicht mehr umzulernen vermögen, sich noch weiterhin um die zionistischen Angelegenheiten kümmern, daß aber der Zionismus als solcher sich überlebt habe und überflüssig geworden sei, weil sein wesentlichster Inhalt, nämlich der jüdische Gemeinschaftsgeist, nunmehr von allen jüdischen Richtungen akzeptiert ist und von ihnen gepflegt wird. Trotz dieser Feststellungen kann aber vermerkt werden, daß weit über den Kreis der organisierten Zionisten hinaus — und dies sind nicht nur alle Zionisten, die nicht mehr umzulernen vermögen — die jüdische Öffentlichkeit dem Rufe Palästinas Folge geleistet hat. Und zwar in einem Ausmaße, das in der Gegenwart, bezogen auf alle anderen interterritorialen jüdischen Aktionen, einzigartig und beispiellos dasteht. In Gesprächen mit Palästinagegnern, d. h. mit Feinden des in Palästina entstehenden jüdischen Zentrums, bekommt man immer die Frage zu hören: „Was gibt Euch den Mut, trotz der unleugbar schwierigen politischen Situation der zionistischen Bestrebungen, trotz der Krise, unter der die ganze Welt und besonders die jüdischen Gemeinschaften in allen Ländern zusätzlich leiden, trotz der Stagnation der Einwanderung nach Palästina, trotz des Widerslandes der arabischen Bevölkerung und der Zurückhaltung, wenn nicht passiven Widersetzlichkeit der Mandalarmacht, zäh an Euren Plänen feslzuhalten und nicht nur von Euren eingeschworenen und eingeschriebenen Mitgliedern, sondern auch von Juden, die außerhalb Eures Lagers sichen, immer weitere Opfer für das Palästinawerk zu verlangen?“ „Hat denn die jüdische Gesamtheit bisher wenig für Palästina getan?“ fragen diese Gegner. „Hat man nicht bisher nach Euren eigenen Ausweisen nahezu 10 Millionen Pfund und das waren bis vor kurzer Zeit 200 Millionen Goldmark an öffentlichen Spenden für den Keren Kajemelh und den Keren Hajessod aufgebracht? Ist denn dieser ungeheure Aderlaß, den die zionistischen Geldsammler der jüdischen Gesamtheit in der Welt beigebracht haben, nicht genug? Wollt Ihr die Juden noch immer zu neuen Opfern auffordern und ihnen, die überall so furchtbar leiden, neue Mittel für eine Sache entreißen, die, verglichen mit den Bedürfnissen der jüdischen Gesamtheit, nur eine belanglose Angelegenheit ist? Was gibt Euch den Mut, immer wieder in dieselbe Kerbe zu schlagen, dieselben Aufrufe zu erlassen, die gleichen Argumente zu gebrauchen und Euer Palästinawerk um jeden Preis in das Zentrum aller jüdisch wichtigen Aufgaben zu stellen?“ Es ist nicht zu leugnen, daß wir uns gegenwärtig in einem Abschnitt der Umwertung aller Werte, in einer Zeit und Schicksalswende für alle Völker, in einer Epoche der Weltwende für die bestehende Gesellschaft befinden. Es ist ferner nicht zu übersehen, daß verglichen mit dem Orkan, der sich menschlicher Voraussicht nach in den nächsten Jahren über die ganze gesittete Well entladen wird, das Schicksal eines einzigen Volkes nicht allzu belangreich erscheinen mag. Andererseits aber lehrt uns unsere alte leidensreiche Geschichte, daß unser Problem ein spezifisches ist, daß die Lage der Juden wohl in stärkstem Grade von den Ereignissen in der ganzen Welt beeinflußt, nie aber bis heute im Laufe von Jahrtausenden durch allgemeine Welterschütterungen nach irgend einer Richtung gelöst wurde. Ob nun die Welt kirchlich-absolutistisch, staatlich-imperialistisch, parlamentarisch-demokratisch, kapitalistisch oder sozialistisch regiert wurde und wird — einerlei, in allen diesen Epochen bestand die Judenfrage als eine Angelegenheit eigener Art, die niemals auf dem Wege von Allheilmitteln gelöst werden konnte und für die seit 2000 Jahren niemals eine spezifische Therapie versucht, wurde. Aus dieser Erkenntnis heraus sagen wir uns, daß, mag die Zukunft bringen, was sie will, den Sieg des Monopolkapitals oder den Triumpf der sozialistischen Planwirtschaft, die Judenfrage anders bezeichnet, mit anderen Etiketten verseilen, dennoch in der gleichen Vehemenz vorhanden sein und die Träger des Judentums betreten wird, wie bis zum heutigen Tage. Alle Hoffnungen lind Versuche, die Judenheiten in den einzelnen Ländern durch Anpassung an die Umgebung zu verschleiern oder zum Verschwinden zu bringen, haben bis heute nichts gefruchtet. Die jüdische Frage ist nicht nur eine nationale Frage, nicht nur eine religiöse, nicht nur eine politische, nicht nur eine soziale, nicht nur eine moralische, nicht nur eine gei-