Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 40 2. Oktober 1951 18. Jahrgang Nach den Feiertagen In drei Tagen ist die Zeit der Herbstfeiertage, die das jüdische Jahr in einer langen Zäsur entzwei teilen, vorübergegangen. Die Judenheit in Deutschland vermag in der Gegenwart nicht mehr abzuschätzen, welche Bedeutung, stimmungsmäßig und auch in der Regelung vieler sozialen Interessen, die Zeit der Feiertage in der jüdischen Gemeinschaft früher gespielt hat und noch heute überall dort spielt, wo Juden geschlossen in größerer Menge wohnen und der jüdische Lebensstil nicht nur eine Erinnerung an leider längst Vergangenes, sondern bluterfüllte Gegenwart ist. Nach Abschluß der Feiertage begann noch vor zwei Generationen auch für die deutschen Juden ein neuer „S m a n“, d. h. ein neues Semester, an dessen Spitze der Anfang des Unterrichtsabschnittes, die Inangriffnahme neuer Unternehmungen, der Abschluß von Verlöbnissen, die Festsetzung von Zinsterminen, die Vornahme des Wohnungswechsels und dergleichen standen. Heute erinnern sich die meisten Juden in Deutschland nur noch am Rosch Haschanah und am Versöhnungstage ihrer Verknüpfung mit der jüdir sehen Gesamtheit und nur an diesen Tagen versuchen sie wieder jüdisch zu leben. Aber selbst an den „schrecklichen Tagen“ bleibt ein sehr großer Teil der jüdischen Gesamtheit in Deutschland kühl bis ans Herz hinan und die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft besteht für diesen Teil nur insoweit, als sie objektiv ist; subjektiv entfernen sie sich immer mehr und werden seelisch und gemütvoll, vom jüdischen Standpunkte aus gesehen, stetig heimatloser. In diesen Zeiten bedeutet der jetzt bevorstehende Beginn des jüdischen Alltags aller Wahrscheinlichkeit nach 'den Anfang schwerer Monate und ernster Prüfungen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Anläßlich der Jahresbetrachtungen am ersten Tischri ist in einer großen Reihe von jüdischen Zeitungen, verschieden variiert, der Begriff der Zeiten- und Weltenwende auseinandergesetzt und in Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft gebracht worden. Es erübrigt sich also, noch einmal ausführlich darauf hinzuweisen, in welchem Grade die jüdische Gemeinschaft in der ganzen Welt und auch in Deutschland von den allgemeinen Umwälzungserscheinungen betroffen wird. Für Deutschland kommt als zusätzlich erschwerendes Moment noch der in immer weitere Kreise vordringende Judenhaß hinzu und auch dort, wo man nicht von einem ausgesprochenen Judenhaß reden kann, wirkt sich der Asemitismus, das „Ohne-Juden-bleiben-wollen“ als ein Verdrängungsprozeß der jüdischen Wirksamkeit und Erwerbstätigkeit aus. Es ist in allen jüdischen Gemeinden in Deutschland ein offenes Geheimnis, daß die Gemeinden sich in einer schweren Lage befinden und nur mit Mühe imstande sind, die ihnen obliegenden Aufgaben, besonders charitativer Natur, zu erfüllen. Es wird in dieser Hinsicht leider nicht alles gesagt, was gesagt werden müßte. Man glaubt durch Verhüllen und Vertuschen verhüten zu können, daß sich eine panikartige Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung verbreitet. Wir halten diese Methode für abwegig und kurzsichtig. Ein sö altes schwergeprüftes Volk, das sich zu allen Zeiten bewährt hat, darf nicht wie ein unerwachsenes Kind behandelt werden, dem man die Schwere des Daseins und die Problematik des Lebens nicht auseinandersetzt mit der Begründung, es werde schon zur geeigneten Zeit davon erfahren und dieser Erkenntnis nicht entgehen. Wir halten es vielmehr für richtig, daß offen und klar ausgesprochen werde, wie seinerzeit Ferdinand Lassalle gesagt hat, was ist. Wenn man sich an diesen Grundsatz hält, dann kann man nicht genug deutlich und mit zureichendem Ernst darauf hinweisen, wie schwer die kommenden Monate für das Land, in welchem wir leben, für die Bevölkerung und zusätzlich noch für die jüdische Gemeinschaft in diesem Lande werden können. Bisher sind schon zahlreiche Aufrufe für Winterhilfe, für Förderung notleidender Institutionen, für Unterstützung besonders dürftiger Schichten, für Wahrnehmung der besonderen Notstände der älteren Generation und der stellungs- und erwerbslosen Schichten von zentralen Stellen der jüdischen Wohlfahrt erlassen worden. Es ist kein Zweifel, daß jeder Jude diese Aufrufe mit gebührendem Ernst liest und den guten Willen hat, zu helfen. Aber mit dem guten Willen allein ist es nicht getan; leider sind weite Kreise der jüdischen Bevölkerung, die sich nach außen noch den Anschein geben, daß sie in geordneten und gesicherten Verhältnissen leben, in Wirklichkeit völlig im ungewissen über ihr weiteres wirtschaftliches Schicksal, d. h. diese Kreise sind, selbst ihren besten Willen vorausgesetzt, nur in geringem Grade imstande, diesen Willen werktätig umzusetzen. Allerdings, und das darf nicht verschwiegen werden, wird auch in diesen Kreisen sehr oft mit Rücksicht auf das eigene ungewisse Schicksal die innere Ausrede gebraucht, beiseitezustehen. Und das ist in vielen Fällen nicht gerechtfertigt. Aber — wir haben uns vorgenommen, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen — neben der überwiegenden Masse der jüdischen Existenzen in Deutschland, die gegenwärtig gefährdet oder sogar ruiniert sind, gibt es eine, wenn auch dünne Schicht von Juden, deren wirtschaftliche Lage und deren Vermögensverhältnisse auch in den gegenwärtigen Verhältnissen gar nicht ungünstig sind. Gerade diese Schicht erschwert die Lage der jüdischen Gesamtheit in politischer Hinsicht außerordentlich. Wenn die Propaganda von antisemitischer Seite bei der großen Masse der nichtjüdischen Bevölkerung so rasch wirken konnte, so ist es nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die antisemitischen Agitatoren ein paar jüdische Namen nennen konnten, von denen Deutschland und die ganze Welt wissen, daß sie trotz Krise, Bankenkrach und Währungsverfall noch immer so