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Das jüdische Echo · 1931-07-31 · 31 (31.7.1931) · p. Seite 436

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
31 (31.7.1931)
Date
1931-07-31
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 Das Jüdische Echo Nr. 31 Der Churban des russischen Judentums. Von den Änderungen, die der Weltkrieg in der europäischen Struktur herbeigeführt hat, haben uns die Geschehnisse in Rußland die größten Leiden eingetragen. Der größte Teil der kulturellen und politischen Werte, die heute in unser Leben hineinspielen, ist durch die Leiden und Schmerzen der großen jüdischen Gemeinschaft des ehemaligen Rußland entstanden. Die Revolution hat dem alten russischen Judentum die Vernichtung gebracht. Es ist wahr, daß Sowjet-Rußland unter dem Druck der Zionisten- Sozialisten einen Weg für die Frage zu suchen anfing, der die jüdischen Massen in die neue gesellschaftliche Ordnung, die dort gebaut wird, einführen sollte. W'enn wir aufrichtig sein wollen, so müssen wir sagen, daß noch keine Regierung in diesem Ausmaße mit der Judenfrage sich beschäftigt hat. Es werden Kolonisationsversuche gemacht, Versuche, die Juden zu industrialisieren. Die große Masse der Juden blieb jedoch außerhalb des neuen Lebens von Räte-Rußland. Es gibt dort eine zionistische Bewegung, die Jugend bringt für sie Opfer, sie lebt, um neues nationales jüdisches Leben zu schaffen. Die jüdische Jugend in Rußland wandert in die Gefängnisse der GPU., sie wird in das kalte, wüste Sibirien, in die glühenden Wüsten Turkestans verschickt, wie ehemals die Revolutionäre. Der Faden der zionistischen Bewegung reißt jedoch nicht, er wird überall weitergesponnen. Der Zionismus in Rußland war seit jeher ein Zionismus des Martyriums. Von dieser Tribüne übermitteln wir unseren Freunden in Rußland unseren tiefsten und wärmsten Brudergruß. Noch in einem Lande kam eine Revolution vor, das ist Spanien. Die dortige revolutionäre Regierung hat verstanden, daß sie den Schandfleck des 15. Jahrhunderts in bezug der Juden abwaschen mußte. Gewisse Formen, in denen der revolutionäre Sturm zum Ausbruch kam, haben innerhalb der christlichen Massen eine bestimmte Bewegung ausgelöst. Eine Legende ist im Entstehen begriffen - die jüdische Rache. Das ist aber nur die Rache der Geschichte, infolge der angesammelten Leiden und Schmerzen, die die Juden in diesem Lande überstanden haben. So war es in Rußland. So war es in Spanien. Die baltischen Länder ln den baltischen Ländern wohnen gegenwärtig ungefähr 6 Millionen Juden, vielleicht ewas mehr. Dort ist der gleiche Prozeß auf revolutionärem Wege in Entwicklung begriffen. Die Kleinstadt ist vollständig ruiniert, dagegen wächst die Großstadt und mit ihr die Paupersierung und Verwilderung bei den Juden. Die jüdische Jugend weiß nicht wohin, die ältere Generation stirbt aus in Not und Verzweiflung. In allen diesen Ländern entsteht eine neue jüdische Forderung, von der unsere Eltern noch nichts wußten: das ist nicht nur die Forderung nach allgemeinen Rechten, sondern hauptsächlich nach dem Recht auf Arbeit, das Recht der Selbsterhaltung. Das Schlimmste ist, daß sämtliche Tore der Welt für die Juden verschlossen sind. Das ist das Bild des Galuth in allen Ländern und in allen Zeiten. Das allgemeine Bild des jüdischen Galuth Wenn ich vor euch das jüdische Leben entwickle, so sehe ich vor mir folgendes Bild: es kommt mir vor, daß in allen Ländern, besonders in denjenigen, in denen große jüdische Gruppen leben, eine gewaltige und schreckliche Zentrifuge in Bewegung ist, innerhalb deren die Juden sich befinden. Die Maschine dreht sich mit einer ungeheuren Geschwindigkeit, sie ergreift immer mehr Juden in ihrem Rotationsprozeß und wirft sie später zertrümmert und zerrieben heraus, ln dem Symbol des wandernden Juden steckt eine tiefe YVahrheit. Die Träger des jüdischen Volksgedankens, des jüdischen Volkslebens ist stets ein Wanderer gewesen, der von allen abgestoßene und unterdrückte Jude, der sich neue Lebensformen schaffen muß, weil die alten zerstört wurden. Die Welt hat die Wahl. Die Welt hat die Wald: werden günstige Bedingungen für die blühenden und schaffenden Kräfte geschaffen, werden jene Störungen, die unsere Kräfte brechen, beseitigt, dann werden wir der Welt Wunder beweisen. Werden jedoch die bauenden Kräfte zerstört und zerbrochen, dann werden diese zerstörenden Kräfte siegen. Jeder Staatsmann, besonders bei uns in Osteuropa, weiß das, doch hat er nicht den Mut, aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen. Wenn wir das jüdische Leben seit Anfang des Krieges bis zum heutigen Tage überblicken, dann sagen wir, daß, falls die Welt die in dem jüdischen Volk sich sammelnden konstruktiven Kräfte zerstören wird, dann wird die Mehrheit des jüdischen Volkes sich in eine ungeheure zerstörende Kraft verwandeln. Wählt die Welt die erste Alternative, schafft sie uns solche Bedingungen, in denen unsere bauenden und schaffenden Kräfte wachsen werden, dann wird sie sich selbst von ihrem Fluch und das jüdische Volk von seinem Galuth befreien. Dr. Lee K. Frankel gestorben Mitbegründer der Jewish Agency und Mitvorsitzender des Agency-Councii Paris, 26. Juli. (JTA.) Auf der Durchreise in Paris verstarb plötzlich Dr. Lee Käufer Frankel, einer der Führer der amerikanischen Juden, im Alter von 64 Jahren. Dr. Frankel war seit einiger Zeit herzleidend, er hatte es sich aber doch nicht nehmen lassen, die weite Reise von Neuyork nach Basel zur Teilnahme an der Tagung des Council der Jewish Agency zu machen. Die Anstrengungen dieser Reise haben wohl seinen Tod beschleunigt. Das Ableben von Dr. Lee K. Frankel ist ein schwerer Verlust für die Jewish Agency, die kurz nach ihrer Gründung den ersten Präsidenten ihres Council, Louis Marshall, und später den stellvertretenden Council-Präsidenten, Lord Melchett, verloren hat und jetzt den eben erst neugewählten Mitvorsitzenden ihres Council verliert. Auf den Rat und die Tatkraft von Dr. Frankel hat man gerade jetzt, wo man an die Regelung der kritischen Finanzlage der Jewish Agency herangegangen ist, gewisse Hoffnungen gesetzt. Aber auch das Werk der sozialen Fürsorge der amerikanischen Juden und das liberale Judentum in Amerika, dem der Verstorbene als führendes Mitglied angehört hat, werden an dem Verlust schwer zu tragen haben. Die Witwe Dr. Lee K. Frankels, die ihren Gatten auf seiner Reise begleitet hat, hat verfügt, daß die sterblichen Reste des verstorbenen Führers nach Amerika zur Bestattung überführt werden sollen. Die Überführung findet am 1. August statt.

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