Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-07-31 · 31 (31.7.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
31 (31.7.1931)
Date
1931-07-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9178646--11860-9083931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Das Jüdische Echo Kummer 31 31. Juli 1931 18. Jahrgang Die Lage der Weltjudenheit Von Jizcliak Griiribaum Der bekannte polnisch-jüdische Politiker Jizcliak Griinbaum hielt als Delegierter auf dem Zionistischen Kongreß ein bemerkenswertes Referat über die Lage der Juden auf der ganzen Welt, das wir liier in seinem wesentlichen Inhalt wiederzugeben uns verpflichtet fühlen. Der Pogrom in Saloniki Mit einem Gefühl von Ehrfurcht und mit dem Bewußtsein tiefer Verantwortung betrete ich diese Tribüne, von der zum erstenmal vor 34 Jahren ein stolzer Jude seine Stimme über die Lage unseres Volkes im Galuth ertönen ließ. Das Schicksal will es, daß ich meine heutige Übersicht mit der Schilderung einer blutigen Erscheinung im jüdischen Leben beginnen muß, von der ich lieber nicht sprechen würde. Ich bin gezwungen, mein Referat mit der Erwähnung des Pogroms zu beginnen, der vor einigen Tagen in Saloniki stattgefunden hat. Nach Beendigung des Weltkrieges begann in Saloniki die Liquidierung des dortigen jüdischen Zentrums. Niemand aber hätte sich jemals vorgestellt, daß es in Saloniki zu Judenausschreitungeu kommen würde, daß die Juden von Saloniki das Leid eines blutigen Pogroms an ihrem eigenen Leibe erfahren werden, etwas, was man früher nur in Rußland für möglich gehalten hatte. Pogrome werden überall sorgfältig vorbereitet. Wir werden verteidigt. Jede Regierung hat die selbstverständliche Pflicht, Ruhe und Ordnung in ihrem Lande zu sichern, Vorkehrungen zu treffen, daß unschuldiges Blut nicht vergossen wird, daß ruhige Bürger vor verbrecherischen Überfällen geschützt werden. In unverständlicher Weise wird dies jedoch oft unterlassen, wenn es sich um Juden handelt. Dann kommt man gewöhnlich zu spät, man war über das, was sich vorbereitet, was sich ereignet hat, nicht informiert. Die antijiidischen Ausschreitungen werden überall mehr oder weniger sorgfältig vorbereitet. Überall ist ein Pogrom das Mittel eines Massenterrors. Schenket der Behauptung keinen Glauben, daß ein Pogrom so etwas wie eine Naturerscheinung ist, nur von Menschen angestellt, die Juden bedrängen, die sie auf diese Weise erniedrigen und unterdrücken wollen Unser heiliges Selbstschutzrecht Wenn wir Vorbereitungen treffen, um uns selbst zu schützen, rechnet man uns das als Verbrechen an, es wird selten zugegeben, daß auch uns das heilige Recht der Selbstverteidigung bei Überfällen zusteht. Man bezeichnet dies als feindseligen Akt. Unsere Eltern waren und auch wir sind selbst noch der Meinung, daß Pogrome eine Erscheinung darstelleu, die mit einem bestimmten Regierungssystem, z. B. das zaristische Rußland, verbunden sind. In der Nachkriegszeit haben wir uns davon überzeugt, daß dies eine Selbsttäuschung war. Die Wirklichkeit hat bewiesen, daß auch in Berlin und auf der Wiener Universität Juden geschlagen werden können. Wenn irgendeine Unruhe aufsteigt, wenn der Boden zu schwanken beginnt, dann werden überall Juden geschlagen. Wir sind nirgends sicher, besonders nicht in Osteuropa. Die Schaffung einer solchen Sicherheit ist ein Problem unseres jüdischen Lebens. Die heutige Generation wird die einfache Abschlachtung nicht zulassen, die heutige Generation wird sich selbst verteidigen. Unsere Großväter haben geglaubt, daß die Gleichberechtigung die Judenfrage lösen wird. Diesen Standpunkt vertrat zuerst in der hebräischen Literatur Achad Haam, später Max Nordau, der diese Erwartung mit seiner mächtigen Stimme verkündete. Das ist nicht richtig. Auch in den Ländern, wo die Juden Gleichberechtigung genießen, ist die Judenfrage nicht gelöst. Im Gegenteil, in diesen Ländern gestaltet sich die Frage noch viel schwerer und komplizierter, da sie sich als die einzige rechtliche Begrenzung darstellt. In der Zeit, als die Juden emanzipiert wurden, herrschte der Liberalismus. Die Regierung mischte sich nicht in das wirtschaftliche Leben des Landes. In der freien Konkurrenz spielten die wirtschaftlichen ' Kräfte die Hauptrolle. Als der Liberalismus zu schwinden begann, fing die Regierung an, in den ökonomischen Betrieb immer mehr einzugreifen, ihn als Regulator zu beeinflussen. Damit entstand eine kardinale Änderung. Die Juden werden in der Auswirkung ihrer Eähigkeiten beschränkt, sie werden das Opfer des neuen Systems. Die Juden müssen ihre Arbeitsstätten verlassen, sie den Angehörigen der herrschenden Klasse und des herrschenden Volkes überlassen. Die Minderheiten-Rechte Man wird auf die Minderheiten-Rechte, welche gerade durch uns Zionisten iti der Zeit des Weltkrieges erkämpft wurden, hinweisen. Das Prinzip des Minderheiten-Rechtes hat sich tatsächlich durchgesetzt und eine internationale Garantie erhalten. Wir haben einen Sieg errungen, aber nur auf dem Papier. Nicht in einem einzigen der neuen Staaten - außer dem kleinen Estland mit seinen 5000 Juden und Lettland, wo ebenfalls eine kleine Anzahl von Juden, Deutschen und Russen, lebtgelangten die Minderheiten-Rechte zur Durchführung. In allen Ländern, in denen große jüdische Gruppen wohnen, müssen wir den Kampf führen für unsere individuellen und kollektiven Rechte. Wir fangen an, in diesem Kampfe zu ermüden und zusammenzubrechen. Die Hauptursache für diese Erscheinung ist vielleicht das Verhalten des Völkerbundes zur Präge der Minderheiten-Rechte. Der Völkerbund hat wohl diese Rechte anerkannt, es ist aber leider nur eine Phrase.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.